IPCC-Arbeitsgruppe 1: Bericht, Freitag, 27. September 2013 10:34

"Erderwärmung bedroht unser Zuhause"

Zum fünften Mal veröffentlicht der Weltklimarat IPCC einen Sachstandsbericht zur "Physik des Klimawandels". Kernaussage: Ohne Klimaschutz wird der Klimawandel verheerend. "Wer jetzt weiter die Wissenschaft leugnet, spielt mit dem Feuer", sagt US-Außenminister John Kerry. UN-Generalsekretär Ban Ki-moon mahnt eindringlich einen neuen Weltklimavertrag zum Erreichen des Zwei-Grad-Ziels an.

Von Susanne Ehlerding

Etwas erschöpft traten die Spitzen des Weltklimarates am heutigen Freitag in Stockholm vor die Presse. Vier Tage lang waren sie und die Autoren des jüngsten IPCC-Sachstandsberichts über die physikalischen Grundlagen des Klimawandels kaum zum Schlafen gekommen. Mit Delegationen aus 110 Ländern hatten sie jedes einzelne Wort der Zusammenfassung für politische Entscheider überprüft. Jetzt ist der Report fertig, abgesegnet und damit auch in seinen Ergebnissen von allen Staaten anerkannt. Denn selbst wenn nicht alle 195 Staaten der Erde Delegationen geschickt hatten, so waren sie doch von anderen vertreten worden.

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"Der Bericht ist ein weiterer Weckruf", sagt der Generalsekretär der World Meteorological Organisation, Michel Jarraud. (Screenshot: IPCC)

"Wir sind einen weiten Weg gegangen, haben viel mehr vom Klimawandel begriffen und von der Rolle des Menschen darin", sagte Michel Jarraud, Generalsekretär der World Meteorological Organisation (WMO). Die WMO trägt zusammen mit der UN-Umweltbehörde UNEP den IPCC. Der nun veröffentlichte Report bringe noch mehr Sicherheit, dass der Klimawandels zur Hälfte auf den Einfluss des Menschen zurückgehe, sagte Jarraud: "Er ist ein weiterer Weckruf und gibt weitere Einsichten über die sich ändernden Wettermuster, bisher unbekannte Wetterextreme und die Erwärmung von Erdoberfäche und Ozeanen." Jarraud erinnerte daran, dass die vergangenen drei Jahrzehnte jeweils die wärmsten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen waren.

"Auch für den normalen Menschen auf der Straße gemacht"

Der Vorsitzende des IPCC, Rajendra Pachauri, lieferte die Zahlen zum Bericht selbst: 259 Autoren haben daran mitgewirkt, davon waren 60 Prozent beim letzten Mal noch nicht dabei. Sie sichteten 9.200 wissenschaftliche Veröffentlichungen, von denen zwei Drittel nach 2007 erschienen sind – dem Erscheinungsjahr des letzten IPCC-Berichts. 54.000 Kommentare zur Entwurfsfassung des Berichts seien eingegangen und waren zu prüfen – insgesamt ein sehr strenger wissenschaftlicher Prozess, so Pachauri.

Die Vollversion, die am kommenden Montag erscheint, ist über 2.000 Seiten stark und enthält rund 1.000 Diagramme. "Entscheider, Wissenschaftler und die normalen Menschen auf der Straße können den Bericht dann kostenlos für sich nutzen", sagte Pachauri.

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"Der menschliche Einfluss auf das Klima ist klar": Der Schweizer Klimaphysiker Thomas Stocker ist einer der beiden Vizepräsidenten des IPCC. (Foto: Screenshot/IPCC)

Die wichtigsten Zahlen des Berichts stellte IPCC-Vizepräsident Thomas Stocker vor: Seit 800.000 Jahren hat es auf der Erde nicht mehr so viel CO2 und Methan in der Atmosphäre gegeben wie heute. 93 Prozent der Energie, die von den Treibhausgasen auf der Erde festgehalten wird, nehmen die Ozeanen auf. "Sonst wäre es sehr viel wärmer", sagte Stocker. Erstmals enthält der Bericht 18 Grundaussagen, über die ebenfalls ein Konsens mit den Vertretern der Nationen erzielt wurde. Eine davon lautet "Der menschliche Einfluss auf das Klima ist klar." Eine andere: "Die Erwärmung wird sich fortsetzen, egal welches Szenario man annimmt."

Meeresspiegel steigt deutlich schneller als bisher gedacht  

Ob es nun aber nur ein Grad sein wird, die niedrigste Annahme des IPCC für das Jahr 2100, oder fünf Grad, das höchste Szenario, hänge von den Entscheidungen der Menschen ab, sagte Stocker. Je nach Szenario wird der Meeresspiegel zwischen 26 und 98 Zentimeter steigen. "Was wir auf jeden Fall brauchen, ist eine substanzielle Reduzierung von Klimagasen", so Stocker. "Der Klimawandel berührt die beiden wichtigsten menschlichen Ressourcen: Wasser und Land. Er bedroht unseren Planeten, unser Zuhause."

"Der Meeresspiegel steigt jetzt schneller als in den beiden vorherigen Jahrtausenden, und der Anstieg wird sich weiter beschleunigen", fasst der deutsche Klimawissenschaftler Stefan Rahmstorf die Ergebnisse in seinem Blog zusammen. Die "vielleicht größte Änderung" gegenüber dem vorherigen IPCC-Bericht sei, dass jetzt ein erheblich rascherer Anstieg des Meeresspiegels erwartet wird, schreibt Rahmstorf. Der Bericht liege um über 50 Prozent über den alten Projektionen von 18 bis 59 Zentimeter, wenn man gleiche Emissionsszenarien und Zeitspannen zugrunde lege.

Missverständnisse mit Journalisten

So klar der Fall also für die Wissenschaftler ist, so schwierig war für sie die Kommunikation mit den Journalisten bei der anschließenden Fragerunde. Die Fragen zielten mehrfach auf die Erwärmungspause in den letzten 15 Jahren ab, wo doch die Klimawissenschaft per Definition nur längere Zeiträume betrachtet. "Wie lange muss die Erwärmungspause noch dauern, bis Sie Ihre Klimamodelle revidieren müssen?", fragte ein Kollege der bekannt klimaskeptischen britischen Mail on Sunday.

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Die Datengrundlage ist noch nicht perfekt. Für einen Teil der Erdoberfläche, der Meere und beide Polarregionen gibt es keine Messungen. (Grafik: IPCC)

"Da gibt es ein Missverständnis darüber, wie Klimamodelle funktionieren", sagte Michel Jarraud. "Die Moleküle in diesem Raum bewegen sich unvorhersehbar. Das heißt aber nicht, dass ich nicht das Wetter vorhersagen kann." Andersherum: "Ich kann nicht vorhersagen, ob es in einem Jahr einen Sturm geben wird. Aber ich kann die Wahrscheinlichkeit von Entwicklungen in Klimamodellen berechnen."

Zu einem Bild griff Thomas Stocker: "Wenn Sie dreimal würfeln, kann es sein, dass dreimal die gleiche Zahl dabei herauskommt." Will sagen: Eine Reihe kühlerer Jahre liegt in der Variabilität des Klimas. Es war dann wohl auch der Müdigkeit geschuldet, dass Stocker schließlich immer knapper auf die Fragen der Journalisten antwortete. Für die Übersetzungsarbeit der IPCC-Ergebnisse fehlte zuletzt die Kraft.

Den medialen Staffelstab übernahm dafür die Politik: "Wer jetzt weiter die Wissenschaft leugnet und Ausflüchte sucht, um nicht zu handeln, spielt mit dem Feuer", sagte der US-amerikanische Außenminister John Kerry. "Die Ergebnisse der Forschung sind noch einmal klarer geworden und die Kosten fürs Nichstun wachsen jenseits dessen, was man mit gesundem Menschenverstand überhaupt in Betracht ziehen möchte."

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UN-Generalsekretär Ban Ki-moon will der Diskussion um ein neues Klimaabkommen noch einen Anstoß geben. (Screenshot: IPCC)

Das Moment der Dringlichkeit hob auch UN-Generalsekretär Ban Ki-moon hervor. "Der Klimawandel ist die größte Herausforderung für die Welt. Wir brauchen ein ambitioniertes Abkommen dazu", sagte Ban in Anspielung auf den für 2015 geplanten Nachfolgevertrag des Kyoto-Protokolls. Um dieses Abkommen vorzubereiten, habe er die höchsten Führer aus Politik und Gesellschaft zu einem Gipfel im Herbst 2014 eingeladen, berichtete der UN-Generalsekretär.