IPCC-Arbeitsgruppe 1: Bericht, Freitag, 20. Dezember 2013 17:20

Rhein: "Der Meeresspiegel steigt doppelt so schnell"

FotoDer Weltklimarat IPCC hat mit der Veröffentlichung seines fünften Sachstandsberichts begonnen. Monika Rhein, Professorin für Ozeanografie an der Universität Bremen, ist Leitautorin für das Meeres-Kapitel. Darin geht es vor allem um die Temperaturzunahme und die Versauerung der Ozeane und um veränderte Meeresströmungen. Die zusätzliche Energie durch die globale Erwärmung wird zu 90 Prozent in den Meeren gespeichert, betont Monika Rhein. Langsam gewinnt die Wissenschaft einen Überblick über die Vorgänge in den riesigen Ozeanen, doch noch sind die Modelle mit vielen Unsicherheiten behaftet. Und zehn Jahre sind einfach zu kurz, um einen Klimatrend zu bestimmen.

klimaretter.info: Frau Rhein, was sind die wichtigsten Ergebnisse, die Sie als Lead-Autorin des IPCC-Berichts zu verantworten haben?

Monika Rhein: Erstens hat sich der Ozean erwärmt und 90 Prozent der Energiezunahme gespeichert. Zweitens: Der Ozean hat ungefähr 30 Prozent des Kohlendioxids aufgenommen, das durch menschliche Aktivitäten seit der Industrialisierung in die Atmosphäre gelangt ist. Das führt dazu, dass der Ozean anfängt zu versauern. Drittens: Durch die Erwärmung des Ozeans und durch das Schmelzen der Gletscher und der Eisschilde erhöht sich der Meeresspiegel. Diese Erhöhung erfolgt doppelt so schnell wie noch vor ein paar Jahrzehnten. Aber hier müssen wir vorsichtig sein, dass wir nicht in Alarmismus verfallen. Mit kurzfristigen Trends muss man immer aufpassen.

Von 1870 bis heute hat sich der Meeresspiegel um 19 Zentimeter erhöht. Wenn wir jetzt in die Projektionen gehen und fragen, wie stark der Meeresspiegel bis 2100 steigen wird, hängt das natürlich davon ab, wie viel an Treibhausgasen emittiert wird. Als Mittelwert kann man aber sagen: zwischen 20 und 80 Zentimetern Anstieg.

Können Sie sich darauf festlegen, wie wahrscheinlich welche Prognose ist?

Nein, wir sind ja keine politischen Entscheidungsträger. Wir können keine Aussage dazu treffen, wie einzelne Regierungen oder die Welt als ganze agieren sollen.

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In den Meeren liegt möglicherweise der Schlüssel für das Verständnis des Klimawandels, doch die Wissenschaft kommt nur langsam hinter ihre Geheimnisse. (Foto: Krzysztof/Wikimedia Commons)

Viel diskutiert wurde bei der Vorstellung des Berichts die sogenannte Erwärmungspause. Sie ist offenbar der Tatsache geschuldet, dass die Meere zurzeit mehr Wärme schlucken als in anderen Phasen. Die Klimawissenschaft kann das Phänomen allerdings noch nicht erklären. Oder doch?

Was wir sehen, ist, dass sich die solare Einstrahlung in den letzten zehn Jahren nicht verändert hat. Eine der Möglichkeiten, wodurch diese Schwankung verursacht ist, besteht darin, dass Energie von der Atmosphäre in den Ozean umverlagert wurde. Da der Ozean rund 90 Prozent der Energiezunahme speichert, würde das Bisschen mehr oder weniger gar keinen so großen Unterschied machen.

Das müssen wir überprüfen. Seit 2000 haben wir erheblich mehr Messungen in den Ozeanen durchgeführt. 3.000 Messpunkte gibt es jetzt. Wenn man weiß, wie groß der Ozean ist, weiß man auch, wie wenig Messpunkte das sind. Er ist einfach zu groß, um so ohne Weiteres sagen zu können: Ja, die Energie hat zugenommen oder nein, sie hat nicht zugenommen.

Man vermutet, dass die Erwärmungspause etwas mit dem sehr tiefen, kalten Wasser zu tun haben könnte und der Ozean hier sehr viel Wärme aufnimmt.

Man muss hier noch einmal zurückgehen und fragen: Wie viel Wärme ist es denn tatsächlich? Die Erde ist wärmer geworden, da hat eine Energiezunahme stattgefunden. Von dieser Energiezunahme sind über 90 Prozent im Ozean. Ein Prozent ist in der Atmosphäre. Jetzt dreht man ein bisschen an diesem einen Prozent, das ist sehr wenig im Vergleich zu der Energie im Ozean. Durch die Unsicherheiten, die wir aus unseren wenigen Messungen haben, können wir auf der Grundlage von Beobachtungen dazu sehr wenig sagen. Wir können natürlich in die Modellierung gehen. Bei den Klimasimulationen können wir Energie zwischen Atmosphäre und Ozeanen umlagern.

Eine weitere Erklärung besteht darin, dass es sich nicht um interne Schwankungen handelt, sondern dass sich etwas in dem geändert hat, was von außen kommt. Zum Beispiel gab es Vulkanausbrüche, die Aerosole in die Atmosphäre gepustet haben. Diese Aerosole reflektieren ja die Einstrahlung, bevor sie die Erde erreicht. Der Stand der Wissenschaft ist der, dass dies Möglichkeiten sind. Wir verstehen die Prozesse, aber wir können weder durch Modellierungen noch durch Messungen genau festlegen, was die Ursache für die Erwärmungspause war.

Was man aber auf jeden Fall sagen muss: Man darf kurzfristige Schwankungen nicht mit Klimatrends verwechseln. Die Klimatrends erstrecken sich über Dekaden hinweg, über 50 oder gar 100 Jahre. Man darf das nicht mit zehn Jahren vergleichen. Es gab ja zum Beispiel auch schon Zeiträume von zehn Jahren, in denen die Temperatur sehr viel stärker gestiegen ist. Da darf man dann genauso wenig herumschreien, dass sich die Erde übermäßig erhitzt. Das sind einfach natürliche Schwankungen, die den allgemeinen Trend überlagern. Damit müssen wir leben.

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Klimakonferenz  Cancun 2010: Umweltschützer forderten engagierteres Handeln, um den Anstieg des Meeresspiegels zu bremsen. (Foto: KRA)

Muss der IPCC mehr tun, um solche Tatsachen verständlicher zu machen?

In den letzten vier Tagen in Stockholm haben uns die Delegierten geholfen, die Erkenntnisse so zu formulieren, dass sie auch für die Entscheidungsträger verständlich sind. Es ist etwas anderes als der Wissenschaftssprech, den wir normalerweise verwenden. Dieser Prozess hat mir die Augen geöffnet, wie schwierig das sein kann. Wir haben hier ganz intensive Diskussionen durchlaufen, die sich bis Freitag in die frühen Morgenstunden hingezogen haben, bevor der Text dann gegen halb sieben verabschiedet werden konnte.

Das war auf jeden Fall ein nötiger Prozess. Ich habe ihn ja zum ersten Mal mitgemacht. Es ist schon ein Unterschied, ob man für die Wissenschaftsgemeinde schreibt oder ob man das in einem Dokument darlegt, das so weitreichende Folgen hat.

Interview: Susanne Ehlerding