IPCC-Arbeitsgruppe 1: Bericht, Freitag, 15. November 2013 18:39

Die Erderwärmung macht keine Pause

Neuere Forschung: Satellitendaten zeigen, dass sich die Erde seit Ende der 90er offenbar schneller erwärmt hat, als zuletzt vom Weltklimarat IPCC angenommen. "Schuld" sind fehlende Messstationen – vor allem in Afrika und an den Polen.

Von Nick Reimer

Die Erderwärmung macht offenbar doch nicht jene Pause, die ihr zuletzt im Zuge des neuen IPCC-Sachstandsberichtes zugebilligt worden war. Eine jetzt im Quarterly Journal of the Royal Meteorological Society erschienene Studie zeigt, dass die Erderwärmung in den vergangenen 15 Jahre als "wesentlich zu positiv" dargestellt worden ist.

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Vorhergesagt und nachgemessen: Die Daten der Nasa. (Grafik: Stefan Rahmstorf)

Die Forscher des IPCC hatten für die Zeit seit 1951 einen Anstieg der globalen Oberflächentemperaturen um 0,12 Grad pro Dekade vorhergesagt und lagen damit lange Zeit auch richtig. In der Dekade seit 1998 aber betrug der Anstieg lediglich 0,05 Grad Celsius pro 10 Jahren. "Die Pause", die der Klimawandel machen soll, war damit geboren.

Nun haben britische und kanadische Forscher sich mit der zu Grunde liegenden britischen Messreihe "HadCRUT4" befasst. Die Autoren Kevin Cowtan von der Universität York und Robert Way von der Universität Ottawa haben dabei eine Abweichung der HadCRUT4-Berechnungen festgestellt, die "zweieinhalb mal größer" als der bisher debattierte Verlauf ist. Zweieinhalb mal größer führt zu einem Anstieg der Temperaturen um 0,125 Grad im Jahrzehnt seit 1998 – ziemlich exakt der von den Modellen vorhergesagte Wert.

Die Bestimmung der lokalen Temperatur weist ein bekanntes Problem aus: Vor allem in den Polargebieten und in Teilen Afrikas gibt es zu wenige Messungen von Wetterstationen. Das wäre eigentlich kein Problem, wenn sich die nur vage erfassten Regionen ähnlich wie der Rest der Welt verhalten. Da Afrika und die Pole aber besonders unter der Erderwärmung leiden, verändert das die globale Temperaturkurve.

Datenlücken mithilfe von Satelliten füllen

"Füllt man diese Datenlücken mithilfe von Satellitenmessungen, wird der Erwärmungstrend in den weithin verwendeten britischen HadCRUT4-Daten mehr als verdoppelt, und die zuletzt viel diskutierte ‘Erwärmungspause’ ist praktisch verschwunden”, schreibt der Ozeanologe Stefan Rahmstorf in seinem Blog

Cowtan und Way haben nun genau das gemacht: ein Verfahren entwickelt, um die Datenlücken mithilfe von Satellitendaten zu füllen. Mit einer Interpolationsmethode, dem Kriging, und einer umfangreichen Validierung füllten Cowtan und Way die Lücken der Messstationen auf der Erde. Demnach liegt der Erwärmungstrend bei 0,12 Grad pro Jahrzehnt und damit genau gleich dem vom IPCC errechneten Langzeittrend.

Allerdings: Satelliten können nur Temperaturen in der Troposphäre messen, also nicht an der Erdoberfläche. Damit hat auch die neue Verfahrensweise einen Hinkefuß: Die anderen Daten wurden genau dort ermittelt.

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Mitten im etwa 30.000 Quadratkilometer großen Nationalpark Serengeti (Tansania/Kenia): Gibts hier eine Wetterstation? (Foto: Reimer)

Der Ende September veröffentlichte IPCC-Sachstandsbericht zur "Physik des Klimawandels" hatte wegen der darin enthaltenen 0,05 Grad-Marke für eine heftige Debatte gesorgt. "Erderwärmung macht Pause" titelten Zeit wie Spiegel, der NDR machte dazu eine Sendung mit dem Tenor: "Bedeutet der Stop der Erderwärmung in den vergangenen Jahren eine Entwarnung?" In der Politik forderte etwa die FDP in Niedersachsen, auf den IPCC ganz zu verzichten.