IPCC-Arbeitsgruppe 1: Bericht, Dienstag, 18. Februar 2014 18:29

"Für die Arktis-Eisdicke fehlen Messungen"

Die Beobachtung des Meereises ist nicht einfach: Satelliten verbrauchen zu viel Sprit und Messbojen werden von Eisbären zerstört, berichtet der Meereisphysiker 11746pre_06c0d03cd2f0eed.jpg?v=2014-02-14 16:46:39Stefan Hendricks. Obwohl die Datenlage zur Ausdehnung des Meereises nicht optimal ist, sei zu erkennen, dass das Eis tendenziell zurückgeht. Hendricks arbeitet am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven.

klimaretter.info: Herr Hendricks, das Meereis in der Arktis dehnt sich in diesem Winter besonders langsam aus, der Minusrekord aus dem Jahr 2012 könnte sogar gebrochen werden. Das geht aus Daten des Arctic Sea Ice Monitor hervor. Wie bewerten Sie den Verlauf bisher?

Stefan Hendricks: Es ist noch zu früh, um sagen zu können, ob in diesem Jahr das geringste Maximum erreicht wird. Das Eis erreicht seine größte Ausdehnung im März. Kleinere Schwankungen sind ganz normal. Die kommen vom Wind, der das Eis abträgt. Bei entsprechendem Wetter passiert eben so ein Phänomen, wie wir es seit einigen Tagen beobachten: Die Ausdehnung geht scheinbar nach unten.

Welche Wetterlage herrscht denn gerade in der Arktis?

Wir haben leider sehr wenig Messdaten aus der Region. Die batteriebetriebenen Bojen auf dem Eis messen Windrichtung, Luftdruck, Temperatur. Das sind nur eine Handvoll, weil die Bojen sehr anfällig sind. Eisbewegungen zerstören sie. Die höchste Ausfallquote kommt allerdings von Eisbären. Die sind neugierig, gucken sich die Bojen an und machen sie dann kaputt.

Was sagt die Ausdehnung über den Klimawandel aus?

Der langfristige Trend sagt: Das arktische Eismeer reduziert sich. Das ist sichtbar. Über Jahreszeitrekorde wissen wir erst im März mehr.

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"Der Anteil des mehrjährigen Arktik-Eises ist deutlich zurückgegangen." (Foto: NOAA)

Welche Rolle spielt die Eisdicke?

Die Eisdicke entscheidet, ob die Eisfläche im Sommer überlebt. Was wir in den vergangenen Jahren beobachtet haben: Das Eis ist jünger und dünner geworden. Und der Anteil des mehrjährigen Eises ist deutlich zurückgegangen. Also nimmt die Wahrscheinlichkeit ab, dass das Eis im Sommer überlebt.

Das mögliche Minimum der Flächenausdehnung in diesem Winter ist also wenig aussagekräftig?

Die Ausdehnung im Winter sagt einem in der Regel nicht viel: Wenn die Arktis einmal eisfrei ist, wird sie im Winter darauf auf jeden Fall wieder Eis tragen, das im Sommer aber wieder wegschmilzt.

Warum konzentrieren sich die Beobachtungen in der Klimaforschung dann auf die Flächenausdehnung?

Die Wissenschaft hat längst erkannt, dass die Eisdicke ein entscheidender Parameter ist. Das Problem liegt woanders: Die Entwicklung der Eisfläche können wir bis in die 70er Jahre zurück überblicken. Wir können also kurzfristige Effekte der Eisschmelze und die langfristige Auswirkung des Klimawandels unterscheiden. Um die Dicke des Meereises zu messen, fehlt aber die durchgehende Zeitreihe. Das liegt daran, dass diese Messungen deutlich schwieriger sind.

Warum?

Die Ausdehnung lässt sich relativ einfach messen. Über passive Mikrowellen etwa lässt sich die Oberflächentemperatur in einem Spektralbereich messen, die einem sagt, wo Eis ist und wo nicht. Das geht für die Eisdicke nur bedingt. Kennt man die Oberflächentemperatur des Wassers und die Lufttemperatur, kann man die Eisdicke ausrechnen – aber nur etwa einen Meter. Größere Tiefen kann man über Radarabstandsmesser erfassen: Man sieht sich an, wie hoch eine einzelne Scholle schwimmt und rechnet das um. Um die Dicke von Meereis auf großer Skala zu messen, braucht man Satelliten, und da fängt das Problem an.

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Auf dem Meereisportal des AWI und der Universität Bremen gibt es tagesaktuelle Karten und Tabellen zu Ausdehnung und Konzentration des Meereises. (Grafik: meereisportal.de)

Warum ist das so schwierig?

Satelliten, die die Eisausbreitung errechnen, werden auch für die Wettervorhersagen genutzt. Sie müssen kontinuierlich kreisen. Dieser Zwang fehlt bei Satelliten, die die Eisdecken in der Arktis errechnen, etwa dem ESA Cryosat-2, denn die dienen allein einem wissenschaftlichen Programm.

Was spricht dagegen, sie kontinuierlich fliegen zu lassen?

Satelliten müssen für die Messungen tief fliegen und hinterher wieder auf die entsprechende Orbithöhe gebracht werden – das kostet Sprit. Geht der aus, bleibt nur noch der kontrollierte Absturz. Also müssen die Satelliten regelmäßig ersetzt werden.

 Interview: Benjamin von Brackel