IPCC-Arbeitsgruppe 1: Bericht, Montag, 23. September 2013 16:02

Sachstand und Zustand in Schweden

Die Tagung des Weltklimarates hat in Stockholm begonnen: Bis zum Freitag wollen Vertreter von 195 Staaten aus dem tausendseitigen Abschlussdokument eine 30-seitige Handlungsempfehlung für Politiker zimmern. Umweltorganisationen kritisieren die Klimapolitik des Gastgeberlandes.

Aus Stockholm Reinhard Wolff, aus Berlin Nick Reimer

Nun ist er also raus, der neue Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC. Zumindest das erste Kapitel zu den "wissenschaftlichen Grundlagen" – der "Fifth Assessment Report". Bis zum Freitag wird dieses eintausend Seiten umfassende Dokument hinter verschlossenen Türen mit Regierungsvertretern aus 195 Staaten "beraten". Entstehen soll aus diesem Prozess eine ungefähr 30 Seiten lange "Handlungsempfehlung für die Politik". Die deutschen Delegierten wurden vom Bundesumwelt- und -forschungsministerium entsandt.Foto

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Große Unsicherheit gibt es in der Wissenschaft noch über die Rolle der Wolken bei der Erderwärmung ... (Foto: Nick Reimer)

Tasächlich wird in Stockholm um jeden Satz gefeilscht. Die Regierungsvertreter versuchen, die Botschaft, die die Wissenschaft erarbeitet hat, zu ihren Gunsten zu beeinflussen. "Regierungsvertreter sagen: Das verstehen wir nicht, könnt ihr das nicht umformulieren?", berichtet ^Deutschen Koordinierungsstelle des IPCC, die am Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Bonn angesiedelt ist. So wird umformuliert und umformuliert. Textor: "Die Wissenschaftler werden letztlich aber nur veröffentlichen, was dem wissenschaftlichen Sachstand entspricht."

Auch Einfluss der Ozeane und des Eises untersucht

Die Berichtssaison zum 5. Sachstandsbericht ist also eröffnet. 830 Leitautoren haben die Arbeit geprägt, darunter 40 deutsche Experten. Tatsächlich beteiligt waren mehrere Tausend Wissenschaftler. Kapitel 1 befasst sich grob gesprochen mit der Physik der Erderwärmung. In 14 verschiedenen Unterkapiteln: künftige Änderungen von Temperatur, Meeresspiegel und Eisbedeckung, der Einfluss des Menschen, die Qualität der Prognosemodelle.

Acht der zehn vergangenen Jahre rangieren unter den zehn wärmsten seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen 1864. Allerdings hat sich die globale Erwärmung zuletzt abgebremst, was die Forscher verwundert: Die Konzentration der Treibhausgase ist höher als vorhergesagt, die Atmosphäre hat sich aber weniger erwärmt als prognostiziert. Deshalb befasst sich der Bericht mit den Prognose-Modellen der Klimawissenschaft genauso wie mit den Ozeanen oder der Kryosphäre, die offenbar "Erwärmung geschluckt" haben. Der Einfluss der Wolken auf die Erderwärmung ist ebenfalls ein Thema des Berichts, hier sehen die Forscher noch große Wissenslücken. Und es geht um Kohlenstoff- und andere Stoffkreisläufe.

Kritik an der schwedischen Klimapolitik 

Schweden ist IPCC-Gastgeber – aber kein Vorbild in Sachen Klima, sagen mehrere schwedische Umweltorganisationen. Sie nahmen den Startschuss zur Tagung des UN-Klimarats in Stockholm zum Anlass, die Klimapolitik ihrer Regierung zu kritisieren. Martina Krüger, klima- und energiepolitische Sprecherin von Greenpeace Schweden, findet zwar auch einen Grund, optimistisch zu sein: Die Energierevolution habe begonnen. Doch der neue Sachstandsbericht werde zeigen, dass es bereits "fünf Minuten vor zwölf" sei. Und die Politik bewege sich im Schneckentempo – auch die Stockholms.

Schweden, dessen Stromproduktion schon jetzt zur Hälfte auf erneuerbaren Quellen beruht, habe eigentlich beste Voraussetzungen, diesen Anteil binnen 20 Jahren bei gleichzeitigem Atomkraftausstieg nicht nur auf 100 Prozent zu steigern, sondern auch in größerem Umfang "grünen" Strom nach Resteuropa zu exportieren, konstatierte gerade der "Förnybarhetsrådet", der schwedische "Rat für Erneuerbare". Bislang habe Schweden aber beispielsweise das Windenergiepotenzial sträflich vernachlässigt, obwohl aufgrund der besseren Windressourcen ein und dasselbe Windkraftwerk hier im Schnitt ein Drittel mehr Strom liefern könne als beispielsweise in Deutschland. In Schweden deckt die Windstromproduktion erst vier Prozent des Gesamtstromverbrauchs – halb so viel wie in Deutschland.

Vattenfall sei das schlimmste Beispiel für den "abgrundtiefen Graben zwischen den Forschungserkenntnissen und der Klimapolitik", sagt Martina Krüger. Dem staatlichen Energiekonzern sei nach wie vor erlaubt, in Fossilkraft zu investieren. Es sei höchste Zeit, dass Stockholm "statt der Interessen der Fossilindustrie die ihrer Mitbürger verfolgt".

Selbstinszinierung der Regierung in Stockholm

Schweden versuche gern die Fahne hochzuhalten, wenn es um Klimapolitik gehe, kritisiert Petter Lydén, klimapolitischer Berater der christlichen Hilfsorganisation "Diakonia". So zuletzt Anfang September beim Besuch von US-Präsident Barack Obama in Stockholm. "Dabei hält sich die Regierung nicht einmal an die internationalen Verpflichtungen, die sie eingegangen ist." Binnen drei Jahren habe die Regierung die Gelder für internationale Klimahilfe erst halbiert und im Budget für 2014 ganz gestrichen. In seiner Regierungserklärung in der vergangenen Woche hatte Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt die Verantwortung auf die großen CO2-Verursacher geschoben: Erst wenn diese ihren Verpflichtungen nachkämen, sei eine Verschärfung der Klimaziele Schwedens und der EU aktuell.

Schweden habe das Ziel, bis 2050 ein "Null-Emissionsstaat" zu werden, sich aber bislang nicht die Mühe gemacht, Etappenziele auf diesem Weg festzulegen, konstatierte am Montag ein Mitglied von "Riksrevisionen", einer dem deutschen Bundesrechnungshof vergleichbaren Kontrollbehörde: Die Regierung habe dem Parlament nach wie vor keine Vorschläge unterbreitet, wie sie die gesetzten Ziele erreichen wolle.

"Wenn wir davon ausgehen, was Schweden versprochen hat, geschieht außerordentlich wenig", bedauert auch Anders Wejryd, Erzbischof der schwedischen Kirche: "Und dabei könnte Schweden eigentlich eine internationale Führungsrolle spielen."

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... der neue Sachstandsbericht, der seit heute in Stockholm debattiert wird, soll zur Klärung beitragen. (Foto: Schulze von Glaßer)

Spätestens am Freitag wissen wir, ob das Bild von "fünf vor zwölf" tatsächlich stimmt. Im Frühjahr folgt dann Kapitel 2: Vom 25. bis 29. März wird im japanischen Yokohama der Themenkomplex "Auswirkungen und Anpassung an den Klimawandel" abgeschlossen. Danach geht es nach Berlin: Die Arbeitsgruppe 3 wird ihren Bericht "Verminderung des Klimawandels" zwischen dem 7. und 11. April beenden. Zu guter Letzt wird vom 27. bis 31. Oktober 2014 in Kopenhagen der sogenannte Synthesebericht verabschiedet.