IPCC-Arbeitsgruppe 1: Bericht, Montag, 25. August 2014 14:19

Die Klimagefahr vom Meeresboden

Neuere Forschung: Wenn der Ozean blubbert: Forscher in den USA weisen 570 neue Methanquellen vor der Ostküste nach. Bislang gab es das Phänomen vor allem in der Arktis. Dort fürchtet eine schwedische Expedition eine stärker werdende "warme Zunge" des Golfstroms.

Aus Berlin Nick Reimer

Wissenschaftler haben eine neue Methan-Quelle vor der Ostküste der USA entdeckt. Demnach gibt es in der Region 570 Stellen am Meeresgrund, an denen das Klimagift entweicht. Wie das Magazin Nature berichtet, befinden sich die Methanlecks in einem eigentlich relativ ruhigen Teil des Atlantiks – am Rand des nordamerikanischen Kontinentalsockels in einer Tiefe von 50 bis 1.700 Metern unter dem Meeresspiegel. Gasaustritte waren in dem Gebiet zwischen Cape Hatteras und dem Golf von Maine im Süden Kanadas kaum bekannt. Nun aber blubbert es unaufhaltsam an die Meeresoberfläche.

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Methangas strömt vom Meeresgrund vor Virginia an die Wasseroberfläche. (Foto: NOAA Okeanos Explorer Program)

Methan ist ein 21 bis 25 Mal so treibhausintensives Gas wie Kohlendioxid. Es entsteht bei der Vergärung von organischem Material und ist Hauptbestandteil von Erdgas. Zudem gelangt es in großen Mengen aus Reisfeldern, Deponien oder Rindermägen in die Atmosphäre. Auf dem Meeresgrund lagert Methan meistens in einem eisartigen Zustand, der als Methaneis oder Methanhydrat bezeichnet wird. Druck und Temperatur sind für diesen Zustand verantwortlich. Verändern sich die Bedingungen, kann aus dem Methanhydrat gasförmiges Methan werden – und dann blubbert es nach oben.

Adam Skarke von der Mississippi State University und seine Kollegen werteten für ihre Arbeit Daten des Forschungsschiffs "Okeanos Explorer" aus, die auf Expeditionen von 2011 bis 2013 erhoben wurden. "Über eine so ausgedehnte Leckage im Atlantik waren wir überrascht", erklärte Skarke. Bislang sei so etwas hauptsächlich in der Arktis zu beobachten gewesen. 

25 Prozent der Erdoberfläche sind dauergefroren

Zum Beispiel vor drei Wochen in der Laptewsee: Wissenschaftler der Universität Stockholm hatten vor der Eismeerküste Russlands überraschend viel Methan im Meerwasser lokalisiert. Der schwedische Eisbrecher "Oden" kreuzt zurzeit vor der Ostküste Sibiriens. Die Expedition des Swerus-C3-Programms macht aufgetaute unterseeische Permafrostböden für die hohe Konzentration verantwortlich. Demnach würde Arktiswasser, das sich langsam erwärmt, das Eis am Meeresgrund schmelzen, wo große Mengen Methan "festgefroren" sind. Die dann frei werden.

Das ist einer der Kipp-Punkte, den die Wissenschaft fürchtet, ein Element des Klimasystems, das durch seine Veränderung ein anderes wichtiges Element negativ beeinflusst. Kippelemente wie der dauergefrorene Boden in den nördlichen Breiten, können einen sich selbst beschleunigenden Klimawandel in Gang setzen, der dann nicht mehr rückgängig zu machen wäre. In diesen dauergefrorenen Böden sind gigantische Mengen Methan eingeschlossen, die beim Auftauen frei werden. 25 Prozent der Erdoberfläche sind solche Permafrostböden, entsprechend groß ist ihr Klimapotenzial. 

"Wir registrierten Gasblasen, deren Methangehalt um das Zehn- bis Fünfzigfache über dem natürlichen Wert liegt", schreibt Professor Örjan Gustavsson von der Swerus-3-Expedition. Daher sei zu vermuten, das Gas stamme aus Methanhydraten, die unter dem zunehmenden Einfluss von Wärme instabil werden. Die Forscher vermuten eine stärker werdende "warme Zunge" des Golfstroms, die sich mittlerweile bis an den russischen Festlandsockel ausgebreitet hat und das Tiefeneis zunehmend schmelzen lässt.

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Forschungsweg und aktueller Aufenthalt des schwedischen Eisbrechers "Oden": Bis zu 50-fach liegt die Methan-Konzentration über dem Vergleichswert. (Grafik: oden.geo.su.se/map)

Zwar ist die arktische Meereisbedeckung in diesem Jahr bislang nicht so stark zurückgegangen wie in den Jahren zuvor. Derzeit beträgt sie 5.339.000 Quadratkilometer, das bisherige Rekordminus wurde im Sptember 2012 registriert – 3.671.000 Quadratkilometer. Allerdings bilanzieren die Forscher einen steten Rückgang von "altem Eis": Machte der Anteil von mehrjährigen alten Eismassen Mitte der 1980er Jahre noch bis zu 60 Prozent des Gesamteises der Arktis aus, ist er mittlerweile auf unter 30 Prozent abgesunken. Dadurch könnte sich ein Auflösen der Methanhydrate stark beschleunigen, was die Erderwärmung weiter anheizen würde.