IPCC-Arbeitsgruppe 1: Bericht, Freitag, 07. Juni 2013 14:27

Endspurt zum Weltklimabericht

Heute übergibt der Weltklimarat IPCC seinen Bericht zur letzten Begutachtung an die Regierungen. Damit hat auch die deutsche Bundesregierung letztmalig Gelegenheit, in das Verfahren einzugreifen. Am 23. September wird dann der erste Abschnitt des 5. Sachstandsberichtes zu den physikalischen Erkenntnissen der Erderwärmung veröffentlicht.

Aus Berlin Nick Reimer

Heute beginnt die letzte Begutachtung des diesjährigen IPCC-Berichts. Die Arbeitsgruppe 1 hat seit dem vergangenen Jahr viele tausend Studien zu den naturwissenschaftlichen Grundlagen untersucht und daraus ihren mehrere hundert Seiten starken Bericht zu den physikalischen Grundlagen der Erderwärmung verfasst.

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Regelmäßig versuchen die Klima"skeptiker" die Arbeit des IPCC zu diskreditieren. (Foto: Romany WG)

Jetzt kommt das Finale: Die Zusammenfassung für die "Entscheidungsträger" – wie die Politiker in der IPCC-Sprache genannt werden – sei heute der Bundesregierung zugestellt worden, teilte Christiane Textor, die Leiterin der Deutschen IPCC-Koordinierungsstelle, mit. Die Zwei-Personen-Stelle ist eine Art Dienstleister des IPCC für die deutsche Öffentlichkeit und Politik. Jetzt haben alle Ministerien Zeit, den Entwurf zu begutachten und Anmerkungen zu machen. Diese müssen dann von den Autoren des neuen Weltklimaberichtes geprüft und bei Stichhaltigkeit eingearbeitet werden.

Das jetzige Prozedere ist nur die letzte von vielen Gutachterschleifen: Zuerst beschäftigten sich die Autoren des kommenden Sachstandsberichts – darunter auch deutsche Professoren wie Jochem Marotzke vom Max-Planck-Institut für Meteorologie oder Ottmar Edenhofer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung – mit Forschungsergebnissen, die in Wissenschaftsmagazinen wie Science oder Nature veröffentlicht wurden. Solche Publikationen wurden von den jeweiligen Redaktionen auch zunächst auf ihre wissenschaftliche Qualität untersucht, bevor sie veröffentlicht wurden: Sind genügend Daten erhoben worden, um das Ergebnis der Arbeit auch belegen zu können? Sind die Schlüsse stichhaltig? Wurde exakt zitiert?

Peer-Review und Prüfung der "grauen Literatur"

"Priorität hat die bereits begutachtete Literatur", sagt Jonathan Lynn, Kommunikationschef beim IPCC, gegenüber klimaretter.info. Im Wissenschaftsdeutsch wird das Peer-Review genannt. "Allerdings geht in den Bericht auch sogenannte graue Literatur ein – Statistiken der Bundesregierung beispielsweise, Konferenzberichte, Berichte von internationalen Organisationen", erläutert Lynn. Bei diesen Arbeiten sei der Prüfauftrag an die IPCC-Autoren dann umso umfassender.

Eine solche Textstelle aus der "grauen Literatur" hatte den IPCC in die Kritik gebracht: Im Januar 2010 war bekannt geworden, dass eine Passage des letzten Sachstandsberichts zum Abschmelzen der Himalaya-Gletscher nicht wissenschaftlich belegt war. In dem IPCC-Bericht hieß es, die Gletscher seien mit hoher Wahrscheinlichkeit bis 2035 verschwunden – tatsächlich war aber das Jahr 2350 gemeint. Schon damals erklärten Experten, diese Schlamperei ändere nichts an den Kernaussagen. Trotzdem wurden von verschiedenen Seiten Reformen am IPCC gefordert. Seit März wird die Arbeit des IPCC nun von einem weiteren Forschergremium kontrolliert.

Von den vielen Arbeiten ausgehend, die weltweit zum Klimawandel veröffentlicht wurden, haben die IPCC-Autoren ihren Bericht verfasst. Er war in einer ersten Gutachterschleife vor Jahresfrist an viele tausend Gutachter gegangen, die die Arbeit auf Fehler, Unklarheiten, ungenaue Daten oder Quellen hin untersuchten. "Wir laden jeden Menschen mit Sachverstand ein, sich als Gutachter zu betätigen – auch Menschen, die der Arbeit des IPCC kritisch gegenüberstehen", sagt Jonathan Lynn. Jede Anmerkung, jeder Kommentar, der von den Autoren geprüft werde, "trägt zur Verbesserung des Sachstandsberichtes bei", so Lynn. Mitarbeiten kann praktisch jeder, der sich berufen fühlt. Einzige Bedingung: Die Gutachter müssen Vertraulichkeit zusichern – also den Bericht nicht veröffentlichen. Ausgeschlossen sind deshalb Journalisten.

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Der Einfluss der Wolken auf die Erderwärmung gilt als noch zu wenig erforscht. Hierauf legten die Autoren des 5. IPCC-Sachstandsberichtes einen Schwerpunkt. (Foto: Reimer)

In der Vergangenheit war es immer wieder vorgekommen, dass diese Vertraulichkeit verletzt wurde. Der Klima"skeptiker" Alec Rawls veröffentlichte beispielsweise im Dezember auf seiner Website stopgreensuicide.com solche Unterlagen, um die Arbeit des Weltklimarates zu diskreditieren. Seine Behauptung: Das IPCC habe jetzt den Beleg erbracht, dass die kosmischen Strahlen eine größere Rolle bei der Erderwärmung spielen als die von Menschen verursachten Emissionen. Rawls bezeichnet das als "gamechanging" – nach Ansicht der Klima"skeptiker" verändert dieser Umstand "einfach alles". Wochenlang sorgte dieses "Datenleck" für Schlagzeilen, auch in deutschen Tageszeitungen. Tatsächlich aber steht in der Passage genau das Gegenteil, wie das IPCC in einer Stellungnahme richtigstellte.

Über das Gutachterwesen kamen schließlich mehrere zehntausend Kommentare an das Autorenteam des IPCC zurück. "In Deutschland beteiligten sich zum Beispiel Experten aus der Wissenschaft, aber auch andere Fachleute aus Wirtschaft und Politik, die sogenannten Stakeholder", berichtet Christiane Textor. Die deutschen IPCC-Koordinatoren – angesiedelt beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Bonn – möchten "das Gutachterverfahren so breit und transparent wie möglich" gestalten. Schließlich betrifft die Arbeit des IPCC sämtliche Interessengruppen der Gesellschaft.

Letzte Gutachterschleife eingeläutet

Die Anmerkungen der Gutachter wurden eingearbeitet oder verworfen – je nach Stichhaltigkeit. Dabei arbeiten die IPCC-Autoren so, dass später nachvollziehbar ist, wer welchen Einwand hatte und wie dieser behandelt wurde. Der so überarbeitete Bericht gelangte dann in einer zweiten Gutachterschleife zurück an die Experten – und erstmals auch an die Regierungsvertreter. Wieder wurden Tausende Anmerkungen gemacht.

Nun also ist für den ersten Teil des IPCC-Berichts die letzte Gutachterschleife eingeläutet worden. Die Experten aus den Bundesministerien und ihren Behörden prüfen ein letztes Mal die – in englischer Sprache – verfassten Texte. Am 23. September wird die Arbeitsgruppe 1 mit den Mitgliedern des IPCC in Stockholm zu einer abschließenden viertägigen Konferenz zusammenkommen – über 190 Länder entsenden ihre Regierungsvertreter. Am Ende der Konferenz beschließt die Arbeitsgruppe die "Handlungsempfehlungen für Politiker".

Natürlich werden die Politiker versuchen, den Bericht zumindest sprachlich noch zu ihren Gunsten zu ändern. Das IPCC selbst sieht seinen Abschlussbericht als unpolitisch an. Jonathan Lynn: "Der Bericht wird neutral formuliert. Die Wissenschaftler geben den Regierungsvertretern keinerlei Handlungsempfehlungen, sie zeigen allenfalls Handlungsoptionen auf." Und Christiane Textor betont, dass letztlich die Wissenschaftler bestimmen, was veröffentlicht wird: "Die Wissenschaftler kommen den Politikern entgegen, wenn die sagen: 'Das verstehen wir nicht, könnt ihr das nicht umformulieren?'. Aber sie werden nur veröffentlichen, was dem wissenschaftlichen Sachstand entspricht."

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Überall auf der Welt sind Veränderungen des Wetters längst zu Veränderungen des Klimas geworden – hier in Zentralasien. (Foto: Reimer)

Die Berichte der Arbeitsgruppen 2 und 3 folgen anschließend. Vom 25. bis 29. März kommenden Jahres wird im japanischen Yokohama der Themenkomplex "Auswirkungen und Anpassung an den Klimawandel" abgeschlossen. Arbeitsgruppe 3 wird ihren Bericht "Verminderung des Klimawandels" zwischen dem 7. und 11. April beenden. Zu guter Letzt wird vom 27. bis 31. Oktober 2014 in Kopenhagen der sogenannte Synthesebericht verabschiedet. Über Inhalte wahrt Jonathan Lynn im Vorfeld striktes Schweigen. Aus der Wissenschaftler-Community heißt es aber: Die Erkenntnisse werden dramatischer ausfallen als noch im 4. Sachstandsbericht.