IPCC-Arbeitsgruppe 2: Bericht, Donnerstag, 20. März 2014 19:01

Fünf Tage für die Anpassung

In der kommenden Woche beginnen im japanischen Yokohama die Abstimmungen zum zweiten Teil des 5. Sachstandsberichts des Weltklimarates IPCC. Es geht um die Anpassung an die Erderwärmung. Ein Überblick.

Aus Berlin Nick Reimer

Eine beliebte Methode in der medialen Vermittlung ist das Pressefrühstück: Wer Journalisten etwas auf den Weg geben will, lädt ein paar Experten ein und tafelt in einem der vielen Restaurants im Berliner Regierungsviertel. In diesem Falle lud das Deutsche Klimakonsortium ein, ein Zusammenschluss der wesentlichen Akteure der deutschen Klima- und Klimafolgenforschung. In der kommenden Woche wird im japanischen Yokohama der zweite Teil des 5. Sachstandsberichts des Weltklimarates IPCC veröffentlicht; und um im Vorfeld der Journaille klarzumachen, um was es geht, gab es Häppchen – und Experten.

Bild
Pressefrühstück in Berlin: Forschungsdirektor Elmar Kriegler, Gastgeberin Marie-Luise Beck, die Meteorologin Daniela Jacob und Christiane Textor, Leiterin der Deutschen IPCC-Koordinierungsstelle (v.l.n.r.). (Foto: DKK)

Zeit genommen hatte sich zum Beispiel die Leiterin der Abteilung Klimasysteme am Climate Service Center in Hamburg, Daniela Jacob. Die Meteorologie-Professorin ist eine Hauptautorin des für die nächste Woche angekündigten zweiten Kapitels. "Ich bin ein Brückenwissenschaftler", sagt Jacob von sich: Bei den vorherigen Sachstandsberichten hatte sie immer am ersten Kapitel zu den "physikalischen Grundlagen" mitgearbeitet – also an dem Teil, in dem es quasi ums "Verstehen" des Phänomens Klimawandel geht. "Diesmal sind in die zweite Arbeitsgruppe bewusst auch Naturwissenschaftler berufen worden", sagt Jacob.

Jenes zweite Kapitel, dass ab kommender Woche mit Vertretern der Politik diskutiert wird, befasst sich mit den Auswirkungen der Erderwärmung – zum Beispiel im Transportwesen, in der Landwirtschaft, im Tourismus, für die Städte oder das Gesundheitswesen. Neu im Bericht ist 2014, dass Grundlagenforscher wie die Meteorologin Jacob sich gemeinsam mit den Verkehrs- und Agrarwissenschaftlern, den Städteplanern, Ökonomen oder Medizinern die Forschungsergebnisse angesehen haben, die seit dem Jahr 2007 erschienen sind. Damals war der 4. Sachstandsbericht erschienen. Der IPCC erhofft sich durch die interdisziplinäre Besetzung mehr Qualität im neuen Bericht.

Die Autoren des IPCC haben selbst keine Wissenschaft betrieben, sondern lediglich gesichtet, welche Forschungsergebnisse in den letzten Jahren in Fachmagazinen veröffentlicht wurden. Neben den wissenschaftlichen Arbeiten wurde auch sogenannte "graue Literatur" begutachtet – etwa Berichte der Weltbank, Arbeiten von Regierungsbehörden wie in Deutschland dem Umweltbundesamt oder in den USA der NASA. Aus all diesen Arbeiten entsteht ein Gesamtbild, das die Forscher dann zur Debatte stellen: Haben wir alles zum Thema erfasst?

Jeder kann Gutachter werden

Diese Frage beantworten die "Gutachter". Im Prinzip kann sich jeder, der über die notwendigen Kenntnisse verfügt, als Gutachter registrieren lassen – egal, ob Ingenieur oder Naturwissenschaftlerin, Bibliothekarin oder "Klimaskeptiker". "Wir laden jeden Menschen mit Sachverstand ein, auch Menschen, die der Arbeit des IPCC kritisch gegenüberstehen", sagt Jonathan Lynn, Kommunikationschef beim Weltklimarat. Jede Anmerkung, jeder Kommentar, der von den Leitautoren geprüft werde, "trägt zur Verbesserung des Sachstandsberichtes bei", so Lynn.

Ausgeschlossen sind allerdings Journalisten. Denn den Gutachtern werden die Unterlagen "vertraulich" überlassen. Der IPCC geht davon aus, dass Journalisten diese Vertraulichkeit nicht einhalten können. Allerdings nutzen "Klimaskeptiker", die sich als Gutachter angemeldet haben, immer wieder diese Zwischenschritte, um die Arbeit des IPCC zu diskreditieren. Regelmäßig kommt es vor, dass sie aus Zwischenständen zitieren, die noch gar nicht das Endresultat sind.

"Allein am zweiten Kapitel hat es knapp 54.700 Kommentare gegeben", sagt Daniela Jacob. 54.700 Kommentare nennt die Meteorologin "eine gigantische Informationsflut". Jeder einzelne Kommentar muss gelesen, übersetzt, bewertet, eingearbeitet, beantwortet werden. "Wir Hauptautoren treffen uns dann tagelang, um jeden einzelnen Kommentar und seine Beantwortung durchzugehen", so Jakob.

Ebenfalls Zeit für die Journalisten hat sich an diesem Morgen Elmar Kriegler, stellvertretender Forschungsdirektor am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Kriegler ist einer der Hauptautoren des dritten Kapitels, das sich mit der Emissionsreduktion befasst und im April in Berlin vorgestellt wird. Viele Kommentare seien gar nicht zielführend für die Arbeit, berichtet Kriegler: "Das geht bis zu Beschimpfungen: Sie sind doch Idioten, nehmen Sie dieses oder jenes aus dem Gutachten raus!" Immerhin dauert die Beratschlagung über den Umgang mit dem Kommentar in so einem Fall nicht sehr lange.

Zum Schluss geben auch alle Regierungen der Welt – praktischerweise die Fachleute in den zuständigen Ministerien – Kommentare zur Arbeit der Hauptautoren ab. Denn die Regierungen sind es schließlich, die den Bericht "beschließen" müssen. In Yokohama steht ab kommendem Dienstag bis zum 29. März die sogenannte Zusammenfassung für Entscheidungsträger auf dem Programm. "Die Regierungen geben den Bericht in Auftrag. Und die Regierungen beschließen den Bericht", sagt Christiane Textor, die Leiterin der Deutschen IPCC-Koordinierungsstelle. Die Zwei-Personen-Stelle ist eine Art Dienstleister des IPCC für die deutsche Öffentlichkeit und Politik.

Bild
Wie wirkt sich die Erderwärmung auf den Reisanbau aus? Mit solchen Fragen befasst sich das zweite Kapitel des IPCC-Sachstandsberichts, der jetzt fertig wird. (Foto: Jialiang Gao/Wikimedia Commons)

Fünf Tage werden die Staatsvertreter mit den Wissenschaftlern über deren Arbeit verhandeln. Hinter verschlossenen Türen wird eine Art politische Zusammenfassung des über 600-Seiten starken Berichtes abgestimmt. "Dadurch, dass die Staaten allesamt involviert sind, dadurch bekommt der Bericht einen ganz anderen Stellenwert", sagt Christiane Textor. Sagen, man habe ja nicht gewusst, wie schlimm es steht beim Klimawandel, könne so in der Politik dann niemand mehr.