IPCC-Arbeitsgruppe 2: Bericht, Donnerstag, 27. März 2014 10:21

Wie ein IPCC-Autor die Schlagzeilen kapert

Aufregung um den IPCC in einigen Medien: Richard Tol, Umweltökonom und verantwortlicher Mitautor des aktuellen Berichts, kritisiert das Gremium in scharfen Worten für angeblich "apokalyptische" Aussagen. Doch an dem Text, mit dem Tol jetzt nichts mehr zu tun haben will, hat er laut IPCC schon seit einem halben Jahr nicht mehr mitgeschrieben. Gegenüber der Redaktion betont Tol, die ganze Aufregung tue ihm leid.

Aus Berlin Toralf Staud

Seit Dienstag tagt in Yokohama das Abschlussplenum der Arbeitsgruppe 2 des IPCC, Zeile für Zeile wird der Text für die Politische Zusammenfassung ("Summary for Policymakers") des Berichts zu Klimafolgen und Anpassung redigiert. Jedenfalls auf der Hauptbühne. Die Nebenbühne dominiert der Umweltökonom Richard Tol. Gegenüber der BBC erklärte er, der Bericht gerate zu "apokalyptisch", er könne das nicht mehr mittragen, man möge bitte seinen Namen vom Summary-for-Policymakers-Titelblatt streichen. Ein kleiner Paukenschlag.

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Der Stamm der Hauptautoren des 5. Sachstandsberichts in Genf 2012 – Umweltökonom Richard Tol sorgt jetzt für Schlagzeilen gegen sie. (Foto: IPCC)

Tol ist nicht irgendwer. Der 45-jährige gebürtige Niederländer hat in der Szene der Umweltökonomen durchaus einen Namen. Im Moment ist er Professor an der Universität Sussex. Schon öfter sorgte er für Kontroversen in seinem Fach. Tol gehört beispielsweise zu jenen Ökonomen, die die Folgen des Klimawandels für eher gering halten (anders als die meisten anderen, am prominentesten Nicholas Stern oder Otmar Edenhofer). Tol ist auch wegen seines Umgangs nicht unumstritten, sein Ökonomenkollege Frank Ackerman schildert auf seiner Website, welch unschönen Verlauf eine Kontroverse zwischen beiden nahm. Bereits am letzten, dem Vierten Sachstandsbericht des IPCC, hatte Tol Kritik geübt. Wohl als Beleg dafür, dass auch kritische Stimmen im IPCC Platz bekommen, wurde Tol für den aktuellen Fünften Sachstandsbericht als einer der "Koordinierenden Leitautoren" berufen – gemeinsam mit dem US-Amerikaner Douglas Arent war er für das Kapitel 10 in Teilband 2 zuständig mit dem Titel "Key economic sectors and services".

Tols Wortmeldung griffen denn auch eine ganze Reihe von Medien auf – in Großbritannien, Australien, den Niederlanden, zuletzt in Deutschland. Der erste Entwurf des Reports, so Tols Kernvorwurf, haben noch die Balance gehalten zwischen Risiken des Klimawandels und Möglichkeiten, die Risiken durch kluge Anpassungsmaßnahmen zu mindern. In der aktuellen Fassung der "Summary for Policymakers" aber sei das komplett anders. "Da geht es nur noch um die Folgen des Klimawandels und die vier apokalyptischen Reiter." Tol verweist auf eine – wie er es nennt – "sehr dumme" IPCC-Aussage: Menschen in Kriegsgebieten seien Klimarisiken besonders ausgesetzt. Das kontrastiert Tol mit einem Verweis auf den zurzeit wohl grausamsten Krieg der Welt: "Ich schätze, dass Leute in Syrien Chemiewaffen mehr fürchten als die Erwärmung." Was natürlich stimmt. Aber auch kein Klimaforscher anders sehen wird. 34a4f182c1ad4c3bbbca6b151d08f120

Ein Tol-Kritiker: "Der IPCC-Report unterschätzt die ökonomischen Risiken des Klimawandels"

Spricht man in dieser Situation mit anderen IPCC-Wissenschaftlern (von denen sich wegen der laufenden Beratungen niemand zitieren lassen will), wirken sie fassungslos. Während sie in Yokohama in nervenaufreibenden Sitzungen schwitzen, kapere Tol mit billiger Polemik die allgemeine Aufmerksamkeit. An den Vorwürfen sei nichts dran. Im Gegenteil: Der neueste Sachstandsbericht betone doch viel stärker als vorherige Berichte die Möglichkeiten, sich dem teilweise bereits unvermeidlichen Klimawandel anzupassen.

Offen attackiert wird Tol von Robert Ward von der London School of Economics. Ward war einer der externen Fachgutachter des aktuellen IPCC-Reports. Er meint zum einen, dass Tol unsauber arbeite – zum anderen spiele der aktuelle Report (unter Tols Mitwirkung) die ökonomischen Folgen des Klimawandels zu sehr herunter.

Schon im Januar hatte sich Ward an den IPCC gewandt, weil er in den von Tol mitverantworteten Passagen Fehler entdeckt hatte. Tol habe, so Ward, noch sehr spät im Redaktionsprozess (und damit am Begutachtungsprozesses vorbei) eine Passage in den Report eingefügt, "die auf seinen eigenen Forschungen" basiere. "In dieser Passage wird behauptet, die veröffentlichte Literatur zeige, dass eine Erderwärmung um wenige Grad Celsius förderlich sei für die Weltwirtschaft – dabei enthält die Passage eine Anzahl von Fehlern und basiert auf Schätzungen, bei denen die größten potenziellen Risiken des Klimawandels (etwa das Schmelzen des grönländischen Eisschildes) außen vor gelassen wurden."

Tol räumt ein, dass es tatsächlich kleinere Fehler gab, die getilgt wurden. Vor allem bestreitet er die ihm von Ward vorgeworfene Fehleinschätzung und eine Umgehung des IPCC-Gutachterverfahrens. Auf seinem Blog hatte Tol schon vor Wochen Ward angegriffen. Vom IPCC-Sekretariat war hierzu wegen der andauernden Schlussberatungen keine Stellungnahme zu bekommen.

Kann ein Ökonom die IPCC-Kapitel zu Landwirtschaft oder Gesundheit kompetent bewerten?

Aber zurück zu Tols fundamentaler IPCC-Kritik. Auf Nachfrage von klimaretter.info, welche Aussagen des IPCC genau er denn für alarmistisch halte, nannte Tol konkret drei Bereiche: Die Passagen zur Landwirtschaft würden Anpassungsmöglichkeiten und technologischen Fortschritt "herunterspielen". Zweitens würden beim Thema Krankheiten Todesopfer infolge von Kälte zu wenig und die Folgen von Unterernährung zu stark betont. In Bezug auf Kriege, drittens, würde der IPCC sich zu sehr auf "eine Handvoll verdächtiger Studien stützen, die der Meinung sind, das Klimawandel zu vermehrten Konflikten führt". Auf die Nachfrage, wie er als Ökonom es denn beurteilen könne, ob die ausgewiesenen Fachleute in den jeweiligen Autorenteams die weite Forschungsliteratur zu Agrar-, Medizin- und militärischen Themen angemessen zusammengefasst haben oder nicht, antwortete Tol bis Redaktionsschluss nicht (siehe PS am Ende des Textes).

Aus dem IPCC-Sekretariat ist zu Tols Vorwürfen keine Stellungnahme zu bekommen (Nachtrag am 27. März: Der IPCC hat nun ein Statement veröffentlicht, in dem er betont, dass die IPCC-Reports immer Teamprodukte sind und natürlicherweise nicht die Sicht einzelner Autoren wiedergeben. Den Volltext lesen Sie hier.) Gegenüber klimaretter.info weist Sprecher Jonathan Lynn lediglich darauf hin, dass Richard Tol nur einer von insgesamt 309 verantwortlichen Leitautoren der Arbeitsgruppe 2 sei.

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Die Passagen zur Landwirtschaft im IPCC-Bericht spielen die Chancen durch technologischen Fortschritt und Klimaanpassung herunter, findet Richard Tol: Weizenernte in Idaho. (Foto: USDA/Wikimedia Commons)

Und dessen Aussage, er wolle nicht mehr mit seinem Namen für die Politische Zusammenfassung ("Summary for Policymakers") stehen, kommentiert Lynn leicht sarkastisch: Tol habe an der aktuellen Fassung gar nicht mehr mitgeschrieben, sondern sich schon im vergangenen Jahr aus dem Autorenteam verabschiedet. "Mehrfache Bitten des Arbeitsgruppenleiters Chris Field, doch weiter mitzuarbeiten, lehnte er ab." Deshalb habe sein Name ohnehin nicht mehr auf dem Titelblatt gestanden.

Tol: "Ich bin nicht im Geringsten glücklich mit der Debatte"

PS am 27. März: Nach Erscheinen dieses Textes erreichten uns Antworten von Richard Tol, die wir gern nachtragen. Zur Frage seiner Kompetenz antwortete er: "Ich forsche seit 20 Jahren zu Fragen von Klimawandelfolgen, habe selbst zu den Themen Gesundheit und Konflikte veröffentlicht und habe die Literatur zum Thema Ernährung intensiv verfolgt." Außerdem treffe es zu, dass er sich zwischen dem dritten und vierten Entwurf der Summary for Policymakers "irgendwann zwischen Oktober und November" aus der Autorengruppe zurückgezogen habe, er hatte sich zuvor aber an Diskussionen zu Einzelthemen wie auch dem Grundton der Summary beteiligt.

Den Vorwurf, seine aktuelle Kritik sei eine PR-Aktion, weist Tol zurück. Gegenüber dem BBC-Korrespondenten habe er zwar die zitierten Aussagen getätigt, allerdings seien die nur ein kleiner Nebenaspekt in einem 30-minütigen Gespräch gewesen. Die BBC habe das Thema ohne sein Zutun großgezogen und andere Medien hätten es dann verstärkt. "Ich bin nicht im Geringsten glücklich damit. Debatten sollten von Klimaforschung handeln oder von Klimapolitik, nicht von Klimaleuten."