IPCC-Arbeitsgruppe 2: Bericht, Freitag, 28. März 2014 08:14

"Es genügt nicht, nur ein stabiles Gebäude zu bauen"

Bangladesch ist eins der am stärksten vom Klimawandel betroffenen Länder der Erde. Die nur wenige Meter über dem Meeresspiegel liegende Küstenregion erlebte in den vergangenen Jahren mehrfach besonders starke Wirbelstürme, die Tausende Menschen das Leben kosteten und große Verwüstungen anrichteten. Als unmittelbare Schutzmaßnahme baut das Land Hochbunker, sogenannte cyclone shelter. Doch das Konzept der Regierung hat viele Schwächen, kritisiert S. Jahangir Hasan Masum.12145pre_8ecb61c576223f3.jpg?v=2014-03-27 18:36:14

Masum ist Direktor der Umweltorganisation Coastal Development Partnership (CDP) mit Sitz in Dhaka (Bangladesch). Seit 1997 setzt sich CDP dafür ein, Ökosysteme zu schützen, die Verletzlichkeit gegenüber dem Klimawandel und die Umweltzerstörung zu verringern, Nahrungsmittelunabhängigkeit zu sichern und die Rechte der Armen an den natürlichen Ressourcen in der Küstenregion von Bangladesch zu stärken. Masum stammt aus der Hafenstadt Chittagong im Südosten des Landes. Er hat Geologie und Ozeanologie studiert.

 
klimaretter.info: Herr Masum, Sie kritisieren die Shelter-Politik Ihres Landes als unausgereift. Wo liegt das Problem?

S. Jahangir Hasan Masum: Das Wissen der Bevölkerung wird beim Bau von Schutzräumen zu wenig einbezogen. Sie sind ja diejenigen, die genau wissen, wie ein Shelter aussehen muss, damit er gut funktioniert. Also muss man sie konsultieren, und das geschieht noch viel zu wenig. Das Potenzial ist längst nicht ausgeschöpft. Es genügt nicht, nur ein stabiles Gebäude mit großen Räumen zu bauen, in die möglichst viele Leute hineinpassen.

Wie sollte das konkret aussehen?

Zum Beispiel brauchen Schwangere und junge Mütter Rückzugsmöglichkeiten, einen Raum für sich. Für Ältere und Behinderte muss der Zugang erleichtert sein; zu steile Treppen können zum Problem werden, wenn man sich übereilt in Schutz bringen muss. Und der Viehbestand der Leute sollte auch berücksichtigt werden. Für die Tiere muss es ebenfalls einen Platz geben, damit durch einen Zyklon nicht die gesamte Lebensgrundlage zerstört ist.

Bangladesch ist ein armes Land. Besteht das Hauptproblem nicht darin, dass es an Geld fehlt, um genug Shelter zu bauen? In den betroffenen Küstenregionen leben mindestens 30 Millionen Menschen, doch nur für rund 30.000 gibt es Schutzräume.

Sicher, es gibt bei Weitem nicht genug Shelter. Aber wenn man schon welche baut, sollte man es so machen, dass sie auch angenommen werden. Idealerweise ist ein Shelter zugleich eine Schule oder eine Klinik, also ein Multifunktionsbau, der im Dorfleben eine feste Rolle spielt und regelmäßig genutzt wird. Das senkt für die Leute die Hemmschwelle, sie bleiben im Ernstfall dann nicht zu Hause, wie es jetzt noch oft passiert. Und die Kosten würden bei diesem Konzept auch im Rahmen bleiben.

12146pre_f7826f758806bf3.jpg?v=2014-03-27 23:09:18
Satellitenaufnahme von Sidr, einem der verheerendsten Zyklone, die Bangladesch je trafen. Mindestens 3.447 Menschen wurden durch die Auswirkungen des Tropensturms von 2007 getötet. Nach Schätzung der Regierung wurden 773.000 Häuser beschädigt, 250.000 Nutztiere verendeten, in weiten Gebieten wurde die Ernte zerstört. (Foto: Nasa/Wikimedia Commons)

Oft wird der Bau von Hilfsorganisationen finanziert. Auch die deutsche KfW-Bank tritt als Geldgeber auf. Wie sieht es mit staatlichen Mitteln aus?

Bangladesch finanziert auch den Bau von Sheltern. Auffällig oft werden die dann aber dort gebaut, wo Regierungsmitglieder und ihre Familien leben. Besser wäre es, wenn mehr für die allgemeine Vorsorge getan würde. Die Menschen in den Küstenregionen bräuchten Häuser, die aus Ziegeln gebaut sind und nicht, wie jetzt noch, nur aus Holz oder Bambus.

Wer entscheidet denn darüber, wo ein Shelter gebaut wird?

Die Gemeinden sollten selbst entscheiden, ob sie ein Shelter haben wollen. Natürlich hängt es an der Finanzierung, aber auch daran, ob ein Dorf überhaupt den Platz dafür hat. Ein Shelter sollte mitten im Dorf liegen, um für alle möglichst schnell erreichbar zu sein. Wenn ein Zyklon kommt, ist keine Zeit mehr, lange Wege zu gehen. Ein Shelter am Dorfrand ist sinnlos.

Gibt es ein Frühwarn-System?

Ja, übers Radio und über Mundpropaganda. In meiner Kindheit wurden rote Fahnen eingesetzt.

Sie kommen selbst aus einer Küstenregion ...

... ja, aus der Hafenstadt Chittagong im Südosten des Landes. Chittagong ist besonders von Zyklonen betroffen. Den schwersten in der Geschichte der Stadt, den Zyklon von 1991, habe ich als Jugendlicher miterlebt. Mehr als 100.000 Menschen starben damals, zehn Millionen wurden obdachlos. Die Flutwelle war sechs Meter hoch. Unser einstöckiges Ziegelsteinhaus stand nur 500 Meter vom Strand entfernt. Zweistöckige Häuser, die Schutz vor den Wassermassen hätten bieten können, habe ich in meiner ganzen Kindheit nie gesehen. Dass wir überlebten, haben wir meiner Mutter zu verdanken.

Ein Shelter gab es nicht. Aber es gab eine stabil gebaute Schule. Wir wussten, da müssen wir hin, wenn die Welle kommt. Bis zur Schule waren es nur 20 Meter. Mein Vater sagte, es ist noch Zeit, aber meine Mutter sagte plötzlich: Alle raus hier, das Wasser kommt! Und wir rannten los und kamen gerade noch rechtzeitig an, bevor uns die Flutwelle weggerissen hätte. Deshalb plädiere ich dafür, die Frauen bei der Shelter-Thematik miteinzubeziehen. Alle können von ihrem Wissen profitieren.

Wie schätzen Sie die Aussichten ein? Die gesellschaftliche Stellung von Frauen ist in Bangladesch nicht sehr stark.

Das stimmt leider. Die Stellung der Frauen zu stärken ist eine große Herausforderung. Aber ich glaube, es ist möglich – und nötig. Der Klimawandel geht alle an.

Interview: Verena Kern