IPCC-Arbeitsgruppe 2: Bericht, Montag, 31. März 2014 17:34

"Ein umweltpolitischer Warnschuss"

Angesichts des neuen Berichts des Weltklimarats hagelt es Kritik für die Energie- und Klimapolitik der Bundesregierung: Angela Merkel falle beim Klimaschutz vor allem mit Blockaden auf, doch ohne eine Reform des Emissionshandels werde es keine Fortschritte bei der Energieeffizienz geben. Auch die Unterstützung der Entwicklungsländer bei der Klimaanpassung lasse die Regierung schleifen.

Aus Leipzig Eva Mahnke

Nachdem der Weltklimarat IPCC heute Morgen das zweite Kapitel seines neuen Berichts veröffentlicht hat, haben Wissenschaftler, Politiker und Umweltschützer Deutschland und die EU zu einem verstärkten Engagement beim Klimaschutz aufgerufen. "Wird der Klimawandel nicht gebremst, hat das Folgen dafür, was wir weltweit auf dem Teller haben – und was wir dafür bezahlen", sagte Hermann Lotze-Campen, Agrar-Ökonom und Leiter des Forschungsbereichs "Klimawirkung und Vulnerabilität" am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Der Bericht zeige klar, dass die Ernten ohne Anpassung an die globale Erwärmung eher schlechter als besser würden. Der IPCC-Bericht prognostiziert etwa bei Getreide einen deutlichen Rückgang der Ernteerträge.

Bild
Mit dem fortschreitenden Klimawandel drohen vermehrt Ernteausfälle – mit drastischen Folgen vor allem für die Ärmsten. (Foto: Michael Schulze von Glaßer)
3150300ecad447c3800e94f8490a4f34

Der Bericht, der am frühen Morgen im japanischen Yokohama vorgestellt wurde, geht zwar davon aus, dass der Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur in diesem Jahrhundert noch auf zwei Grad Celsius begrenzt werden kann. Setze sich der jetzige Emissionstrend aber fort, sei mit einem Anstieg um 3,5 bis 5,4 Grad zu rechnen. Je höher die Temperaturen werden, desto größere Probleme bekommt die Welt bei der Nahrungssicherheit, der Wasserversorgung, beim Schutz der Bevölkerung vor Extremwetterereignissen und einem Anstieg des Meeresspiegels. Hierauf sei die Welt nicht genügend vorbereitet, warnt der Weltklimarat.

Kritik an der Klimapolitik der Bundesregierung

Frank Schwabe, Umweltexperte der SPD-Bundestagsfraktion, forderte die Politik auf, sich an den Erkenntnissen der Wissenschaftler zu orientieren. "Wir brauchen ein Sofortprogramm, um unser Ziel von 40 Prozent weniger Treibhausgasen im Jahr 2020 zu erreichen, sowie einen Klimaschutzplan, um langfristig feste Ziele festzuschreiben." Experten bezweifeln, dass die derzeitigen Anstrengungen ausreichen, um das deutsche 40-Prozent-Ziel zu erreichen. Das Vorhaben der SPD, ein Klimaschutzgesetz zu verabschieden, war den Koalitionsverhandlungen zum Opfer gefallen.

Der niedersächsische Minister für Umwelt, Energie und Klimaschutz Stefan Wenzel (Bündnis 90/Die Grünen) bezeichnete den IPCC-Bericht als "umweltpolitischen Warnschuss". Wenzel kritisierte, dass die Bundesregierung nur die Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes anstrebe, die Fehlsteuerung durch den fast wirkungslosen Emissionshandel aber bestehen bleibe. Wenzel: "Ohne höhere Preise für CO2-Verschmutzungsrechte bleibt die Energieeffizienz auf der Strecke und die Braunkohle feiert fröhliche Urständ." Hier liege der Kardinalfehler der Energiepolitik der großen Koalition.

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) bekräftigte gegenüber dem Deutschlandfunk, in Kürze ein Sofortprogramm für mehr Klimaschutz vorlegen zu wollen. Vorgesehen seien Maßnahmen im Gebäudesektor, im Verkehr und in der Landwirtschaft. Dazu sagte der Vorsitzende des BUND, Hubert Weiger: "Es schadet nicht, wenn Umweltministerin Barbara Hendricks jetzt ein Sofortprogramm zum Klimaschutz ankündigt. Ihre Chefin, Bundeskanzlerin Angela Merkel, ist in letzter Zeit ja eher mit Blockaden gegen die Verringerung von Treibhausgasen aufgefallen." Merkel habe strengere Grenzwerte für neue Pkw ebenso blockiert wie stärkere Anstrengungen zum Energiesparen durch mehr Effizienz und mehr Klimaschutz im Flugverkehr, kritisierte Weiger. "Es ist die sogenannte Realpolitik, die der erforderlichen Verringerung der CO2-Emissionen im Wege steht." Weiger forderte von der Bundesregierung, endlich Tempolimits auf Autobahnen und Landstraßen einzuführen, den Energieverbrauch entscheidend zu verringern und auch auf europäischer Ebene auf anspruchsvollere Ziele zur Verringerung der Treibhausgase zu dringen.

"Kein Cent" im Bundeshaushalt für Entwicklungsländer

Andere Umweltschützer legen den Finger in die Wunde der ungeklärten Finanzierung der Anpassung an die Folgen des Klimawandels. Der IPCC schätzt, dass die Entwicklungsländer hierfür zwischen vier und 109 Milliarden US-Dollar pro Jahr benötigen. Dennoch gewähre die deutsche Bundesregierung nicht einmal die schon zugesagte Unterstützung, sagte Christoph Bals, Politikchef von Germanwatch. "Im Haushaltsentwurf ist kein Cent eingestellt, um den lange verhandelten internationalen Klimafonds mit Geld zu füllen, der Entwicklungsländer bei Klimaschutz und Anpassung unterstützen soll." Anders als im Koalitionsvertrag versprochen, sei bisher auch nicht vorgesehen, vom geplanten Aufwuchs der Entwicklungshilfe um zwei Milliarden Euro einen Teil für Klimaschutz und -anpassung bereitzustellen, kritisierte die Klimareferentin bei Brot für die Welt, Sabine Minninger.

Bild
Die Insel Kiribati wird es in einigen Jahrzehnten wohl nicht mehr geben. (Foto: Brot für die Welt)

Ernüchtert zeigte sich der Bundesvorsitzende der Naturfreunde Deutschlands, Michael Müller, angesichts des IPCC-Berichts: "Der ökologische Kolonialismus, der seit der industriellen Revolution durch den Aufstieg des Kapitalismus und den Megaverbrauch der Kohlenstoffspeicher begann, führt in eine Welt, die auf den Menschen selbst zurückschlägt. Die erste Etappe ist bereits verloren, denn vor allem die ärmsten Weltregionen sind abgeschrieben, dem Klimawandel geopfert."