IPCC-Arbeitsgruppe 2: Bericht, Samstag, 12. April 2014 16:37

„Infektionskrankheiten werden zunehmen"

FotoBis zur Mitte der Jahrhunderts werden die Gletscher der bolivianischen Anden geschmolzen sein, die Trinkwasserversorgung in den Städten ist gefährdet. Forschungsergebnisse zu den tropischen Gebieten des Landes fehlen aber – die Datenlage ist bislang unzureichend, sagt Freddy Soria, einer der führenden Experten für den Klima- und Wasserhaushalt Boliviens. Der Hydrologe ist spezialisiert auf das Thema „Wasserstress als Folge des Klimawandels". Im Interview erklärt er, wie sich der Klimawandel direkt auf die Lebensumstände der Einwohner seines Landes auswirken könnte.

 
Herr Soria, wie beurteilen Sie die Ergebnisse des 5. Sachstandsberichts des Weltklimarates zur Erderwärmung in Bezug auf Ihr Fachgebiet?

Freddy Soria: Ich finde es persönlich sehr wichtig, dass der Bericht einen Schwerpunkt auf die Themen Abschwächung und Anpassung legt, wenn es um die Folgen des Klimawandels geht – statt sich nur auf die Beschreibung zukünftiger Szenarien zu beschränken. Deren Ausarbeitung ist natürlich auch wichtig, aber sie haben die Entscheidungsträger bisher nicht dazu bringen können, die richtigen Schritte gegen den fortschreitenden Klimawandel zu unternehmen.

Denken Sie, die wissenschaftliche Arbeit des IPCC trägt bereits Früchte?

Die Ergebnisse im Sachstandsbericht haben gezeigt, wie weit fortgeschritten die Wissenschaft beim Klimawandel bereits ist. Für eine sich entwickelnde Wirtschaftsnation wie Bolivien liefert das Ziele und neue Perspektiven, die ein Ausgangspunkt für die wissenschaftliche Arbeit der kommenden Jahre sein können.

Welche Konsequenzen haben die im Sachstandsbericht beschriebenen Folgen des Klimawandels für ein Land wie Bolivien?

Die Forschung hat sich bisher vor allen Dingen auf die Gletscherschmelze und die Wasserverfügbarkeit in den Anden beschränkt, wo ein großer Teil der bolivianischen Bevölkerung lebt. Forschungsergebnisse zu den Folgen des Klimawandels in den tief liegenden, tropischen Gebieten des Landes sind schwer zu bekommen, weil hierfür vergleichbare Daten aus der Vergangenheit fehlen. Außerdem sind einige Teile dieser Region zu abgelegen, um dort regelmäßig Daten erheben zu können. Ich hoffe, dass sich das in Zukunft durch den zunehmenden Einsatz von Satellitentechnik und Datenfernablesung ändern wird.

Ihr Forschungsfeld ist die Wassersituation in Bolivien: Wie wirkt sich der Klimawandel hier aus?

Besonders die zunehmende Erwärmung der Luft macht uns Sorgen, vor allem in trockenen Gebieten im Süden. Die Veränderung der Niederschlagsmuster dort ist ein anderes Thema, das wegen der mangelhaften Datenlage leider noch nicht ausreichend diskutiert worden ist.

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"Die Menschen werden sich daran gewöhnen müssen, ihre bisherigen Traditionen an eine Welt mit steigenden Temperaturen anzupassen". Die Aufnahme zeigt eine Bäuerin im bolivianischen Hochland. (Foto: Biodiversity International/flickr.com)

Aber die Auswirkungen sind schon zu spüren?

Ja, vor allem die der Gletscherschmelze im Hochland. Bisher liefern die Gletscher in den bolivianischen Anden mindestens 15 Prozent des Trinkwassers in den Städten, auch im Tiefland. Diese Gletscher werden voraussichtlich bis zur Mitte des Jahrhunderts verschwunden sein – was die Trinkwasserversorgung der bolivianischen Bevölkerung existenziell gefährdet.

Gibt es Unterschiede zwischen der Situation im Hochland und in den tiefer liegenden Gebieten Boliviens?

Allgemein lässt sich ein klarer Trend zur Erwärmung der Luft erkennen, vor allem anhand der schleichenden Erhöhung der durchschnittlichen Tiefsttemperaturen in der Nacht. Für die trockenen Gebiete im Hochland kann das bedeuten, dass sich landwirtschaftliche Gepflogenheiten ändern können. Im Tiefland ist eine Zunahme von tropischen Infektionskrankheiten wie Dengue oder Malaria zu verzeichnen. Bei den Niederschlagsmustern konnten wir in Bolivien wegen der schlechten Datenlage noch zu keinem Ergebnis kommen, obwohl der globale Trend eine zunehmende Intensität von Wetterphänomenen wie beispielsweise Starkregen auch in Bolivien nahelegt.

Wie werden sich die Menschen an die veränderten Verhältnisse anpassen müssen?

In der Landwirtschaft werden sich die Menschen daran gewöhnen müssen, ihre bisherigen Traditionen und Anbauweisen an eine Welt mit steigenden Temperaturen anzupassen.

Wie reagiert das Ökosystem in Bolivien auf die Veränderungen?

Forschungsergebnisse aus den peruanischen Anden deuten darauf hin, dass die Flora dabei ist, sich in höher gelegene Gebiete zu verschieben. In Bolivien sieht es ähnlich aus.

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Ein Andengletscher mit deutlicher "Krankheit": Viele Millionenstädte sind abhängig von den Gletscherflüssen. (Foto: David/ Wikimedia Commons)

Nimmt auch das Waldsterben zu als Folge des Klimawandels?

Nein, dieses Problem tritt vor allem als direkte Konsequenz der sich ändernden Landnutzung im Regenwald auf, weil hier statt auf den traditionellen Obst- und Gemüseanbau auf Kokosnussplantagen gesetzt wird, die dem Boden zu viele Nährstoffe entziehen. Im Amazonasbecken wird das Waldsterben durch die Abholzung des Regenwaldes verstärkt. Beide Entwicklungen werden zumindest kurzfristig einen weitaus größeren Einfluss haben als der Klimawandel.

Wie könnten die Bolivianer den Klimawandel unmittelbar zu spüren bekommen?

Vor allen Dingen durch die Zunahme von Infektionskrankheiten. Ein Großteil der Bevölkerung lebt in unzugänglichen Gebieten des Regenwaldes, die regelmäßig von Überschwemmungen heimgesucht werden. Doch nicht nur hier wird die Gefahr steigen, sich anzustecken. Denn Mücken als die hauptsächlichen Krankheitsüberträger breiten sich durch den Klimawandel auch in Regionen aus, in denen sie vorher nicht zu finden waren, beispielsweise im Hochland rund um den Titicaca-See.

Interview: Daniel Seemann