IPCC-Arbeitsgruppe 2: Bericht, Sonntag, 11. Mai 2014 14:51

Mit dem Hochbunker gegen die Zyklone

Wie schützen gegen zunehmende Wetterextreme? Acht globale Schlüsselrisiken hatten die Wissenschaftler der IPCC-Arbeitsgruppe 2 im Fünften Sachstandsbericht identifiziert – darunter Tod durch Fluten und Stürme. In Bangladesh versucht man sich mit Hochbunker zu schützen, mit sogenannten "Cyclone Shelter". Eine Ortsbesichtigung.

Aus Khulna (Bangladesch) Verena Kern

Gabura ist die Region im Südwesten Bangladeschs, die vor fast genau fünf Jahren vom Zyklon Aila am schwersten getroffen wurde. Fünfzehn Stunden lang tobte Aila Ende Mai 2009 in Zyklonstärke über dem Landstrich, drei Meter hohe Flutwellen rissen Menschen, Tiere, Hütten, Bäume mit sich fort. Noch heute sind Spuren der damaligen Verwüstungen zu sehen. Versalzene Felder, ausgehöhlte Böden, tote Bäume und Hütten, die nur notdürftig repariert wurden. Nun ist in Gabura gerade ein neuer "Cyclone Shelter" gebaut worden, einer jener Hochbunker, die Bangladeschs Küstenbevölkerung im Katastrophenfall vor Wind und Wasser Schutz bieten sollen.

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Nicht mehr nur Bunker, sondern Mehrzweckbau: Gerade fertiggestellter Cyclone Shelter in Gabura im Südwesten von Bangladesch, der künftig auch als Verwaltungsgebäude genutzt werden soll. (Foto: Verena Kern)

Foezullah Talukder von der Entwicklungsorganisation CCDB deutet auf das Gebäude: "Der Shelter ist gerade fertig geworden." Acht globale Schlüsselrisiken hatten die Wissenschaftler der IPCC-Arbeitsgruppe 2 im Fünften Sachstandsbericht identifiziert – darunter Tod und Zerstörung von Lebensgrundlagen durch Fluten und Stürme. Notwendig ist deshalb Anpassung: Einige Folgen der Erderwärmung können durch spezielle Maßnahmen bewältigt oder zumindest deutlich gemildert werden. Die Forscher sprechen von "Risiko-Reduktion", machen aber klar: Je stärker sich die Erde erwärmt, desto weniger können Anpassungsmaßnahmen bewirken. Entwicklungsländer, die am stärksten von den Folgen des Klimawandels betroffen sein werden, haben nur wenige Kapazitäten zur Anpassung.

Zum Beispiel in Bangladesch, wo es Lern-Projekte gibt, die der Landbevölkerung in der riesigen Küstenregion helfen sollen, mit der allgegenwärtigen Versalzung von Böden und Grundwasser fertig zu werden. Es gibt schwimmende Beete, der Anbau von Senfpflanzen auf Böden, auf denen sonst nichts mehr wächst, solarbetriebene Entsalzungsanlagen, der Bau von Kavernen, um Regenwasser aufzufangen.

Vom "Luftschutzkeller" zur "Ferienanlage"

Und es gibt diese "Shelter", die die Menschen in die Lage versetzen sollen, Zyklone und ihre Fluten auf dem flachen Land zu überleben. Die neueren Modelle sehen mehr nach Stadt aus. Und schon gar nicht wie ein Bunker. Zwei Stockwerke, weißer Anstrich, rote Zierleisten, große Fenster (Foto oben). Man könnte den Bau für eine Ferienanlage halten, würde er nicht in einer der ärmsten und am wenigsten entwickelten Regionen Bangladeschs stehen, in der an Ferien zuallerletzt zu denken ist.

Bis vor zehn Jahren war das noch völlig anders. Hochbunker waren damals noch genau das, woran das Wort denken lässt: massive, klotzige Trutzburgen, die wie Luftschutzkeller auf Pfeilern den "Wasserangriffen" trotzen sollten, errichtet auf Brachflächen fernab der Dörfer und ohne jede Idee von menschlichen Bedürfnissen (Foto unten).

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Schwer erreichbar und unpraktisch: Die älteren Shelter sehen tatsächlich noch wie Bunker aus. (Foto: Screenshot / kra)

Bei einer Bestandsaufnahme der Regierung 2004 wurden die Schwachstellen des damaligen Shelter-Konzepts offenbar. Die Bunker lagen zu weit von den Dörfern entfernt, waren schwer erreichbar und unpraktisch. "Es fehlte an allem", sagt Jahangir Hasan Masum von der Umweltorganisation Coastal Development Partnership. Keine Latrinen, keine Rückzugsbereiche für Kinder, Schwangere und ältere Menschen, kein Platz für das Vieh, das oftmals den wertvollsten Besitz der Landbevölkerung darstellt. Da die Gebäude das ganz Jahr über leer standen, waren sie insgesamt in einem schlechten Zustand.

Seitdem hat man das Konzept radikal überarbeitet. Shelter sind jetzt Gebäude, die in einem Dorf ohnehin gebraucht werden. Als Schule, Gemeindesaal, Verwaltungsgebäude. "Multi purpose heißt der Ansatz", sagt Masum. Was bedeutet: Nicht mehr nur Bunker, sondern immer nutzbarer Mehrzweckbau.

Ein Hochbunker für jeweils 10.000 Menschen

Idealerweise sollte der Bau im Zentrum eines Dorfes liegen, er sollte im Alltagsleben eine feste Rolle spielen, damit jedem das Gebäude bekannt und vertraut ist. Die Mehrfachnutzung beugt der Verwahrlosung vor und man muss für die Instandhaltung keine zusätzliche Arbeit aufwenden. Es gibt Toiletten, es gibt ein Minimum an Privatsphäre durch abtrennte Räume, und durch die zweistöckige Bauweise und eine Rampe an Eingang kann nun auch das Vieh untergebracht werden.

"Inzwischen ist die Zahl der Shelter auf 3.777 gestiegen", sagt Masum. Die meisten wurden mit internationaler Hilfe gebaut. Organisationen wie UK Aid oder die deutsche Entwicklungsbank KfW übernehmen die Finanzierung. Durchschnittlich 200.000 Dollar kostet der Bau eines Hochbunkers. "Aber die Zahl der Shelter reicht immer noch nicht aus", sagt Masum. Und rechnet vor: Bei einer Küstenbevölkerung von mindestens 35 Millionen gibt es derzeit nur einen Hochbunker für jeweils 10.000 Menschen. Gebraucht würde aber die zehnfache Zahl. "Selbst ein großer Shelter bietet höchstens 1.000 Menschen Platz", so Masum gegenüber klimaretter.info. Mit anderen Worten: Für 90 Prozent der Küstenbevölkerung existiert bislang kein Schutzraum.

Der Klimawandel verstärkt die Probleme

Die Rechnung der Regierung sieht anders aus. Sie verweist auf die Zahl der Menschen, die in Bangladesch in den vergangenen Jahren durch Zyklone ums Leben kamen. Die Zahl ist stark rückläufig. Der bislang letzte Zyklon, Mahasen im Mai 2013, kostete 13 Menschen das Leben. Sidr forderte 2007 noch 3.400 Menschenleben, der Zyklon von 1991 sogar 139.000. Das Housing and Building Research Institute in Dhaka entwickelt nun im Auftrag der Regierung neue Baustoffe für zyklonfeste Einfamilienhäuser; die Testphase läuft. Nach und nach sollen die traditionell aus Holz oder Bambus gebauten Hütten in der Küstenregion durch stabile Häuser ersetzt werden, um die Zahl der Todesopfer künftig noch weiter zu reduzieren.

"Es gibt auch eine schleichende Katastrophe", sagt Md Shamsuddoha vom Center for Participatory Research and Development in Dhaka. Bangladesch, fordert er, muss sich stärker auf die Folgen von Stürmen und Überflutungen einstellen, die durch den Klimawandel mit steigendem Meeresspiegel und einer zunehmenden Versalzung der Böden noch verstärkt werden. "Bislang beziehen sich die Politikkonzepte und praktischen Maßnahmen nur auf plötzliche Katastrophen", kritisiert der Ozeanologe, der Bangladeschs Regierung bei der Klimapolitik berät. "Das ist zu wenig."

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Finanziert mit internationaler Hilfe: Shelter in dem Dorf Rajeswar im Süden Bangladeschs. (Foto: Norbert Neetz/epd/Brot für die Welt)

Seit Sidr und Aila stehen Teile der Küstenregion immer noch unter Wasser. Viele Felder sind landwirtschaftlich nicht mehr nutzbar, das Grundwasser ist zu salzig, das Haushaltseinkommen vieler Familien ist drastisch gesunken, eine massive Landflucht hat eingesetzt. Gegen diese Probleme ist mit Beton nicht anzukommen.

Redaktioneller Hinweis: Diese journalistische Arbeit wurde mit Mitteln von "Brot für die Welt" unterstützt.