IPCC-Arbeitsgruppe 2: Bericht, Samstag, 17. Mai 2014 13:55

"Wir leben mit der Unsicherheit"

FotoGebirgsgletscher gelten als "globales Fieberthermometer". Ihr Schmelzen ist ein Schlüsselindikator für die Erderwärmung. Doch was heißt das für betroffene Länder wie etwa Nepal? Vor allem die Gletscherseen stellen ein akutes Risiko dar, sagt Raju Pandit Chhetri von der Umweltorganisation Clean Energy Nepal.

Chhetri, 32, ist seit der Klimakonferenz 2007 auf Bali bei den internationalen Klimaverhandlungen involviert, zuerst für Nichtregierungsorganisationen wie das Climate Action Network, nun für die fünfköpfige Regierungsdelegation des Himalajastaates. Bei der Klimakonferenz in Warschau im vergangenen Jahr war Nepal Verhandlungsführer für die Gruppe der Least Developed Countries (LDC), der am wenigsten entwickelten Staaten der Erde. Wichtigster Punkt auf der Agenda war eine adäquate Klimafinanzierung sowie anspruchsvolle Treibhausgas-Reduktionsziele, die 2015 in einem neuen Klimavertrag festgeklopft werden sollen.

 

Herr Chhetri, Nepal ist besonders stark vom Klimawandel betroffen. Was bedeutet das für Ihr Land?

Raju Pandit Chhetri: Das rapide Schmelzen der Gletscher im hohen Himalaja ist für Nepal ein gravierendes Risiko. Der größte Teil des Landes ist ja Gebirgsregion. Vor allem die Gletscherseen stellen eine akute Gefahr dar.

Inwiefern?

In Nepal gibt es mehr als 3.000 Gletscher und mehr als 2.000 Gletscherseen. Durch das Abschmelzen entstehen laufend neue Gletscherseen und die bestehenden werden größer. Wenn die Seen volllaufen und es dann zu einem Ausbruch kommt, weil die natürlichen Dämme – etwa durch Lawinen, Starkregen oder das weitere Abschmelzen der Gletscher – brechen, entstehen riesige Flutwellen, die die talabwärts liegenden Dörfer bedrohen. In der Vergangenheit haben solche Fluten Tausende von Toten gefordert.

Kommen solche Gletschersee-Ausbrüche häufig vor?

Was heißt häufig? Jeder Ausbruch ist einer zu viel. Es ist absehbar, dass es in Zukunft häufiger passieren wird, weil sich die Seen durch die Gletscherschmelze weiter füllen. Nepal ist ein armes Land und hat nicht die Mittel, künstliche Dämme zu bauen. Wir leben mit der Unsicherheit.

Mit welchen anderen Folgen des Klimawandels ist Nepal noch konfrontiert?

Neben den häufigeren Fluten und Überschwemmungen beobachten wir auch häufiger lang anhaltende Trockenzeiten. Trinkwasser wird knapp. Viele Menschen müssen immer längere Wege gehen, um Wasser zu holen. Auch die Gefahr von Waldbränden hat zugenommen.

Das heißt also, die Niederschlagsmuster haben sich insgesamt verändert?

Wir sprechen von distorted monsoon – verzerrtem Monsun. Die Bauern können nicht mehr voraussagen, wann der Monsun beginnt, wann es genug Niederschläge geben wird zum Pflanzen. Und in der Regenzeit kommt es jetzt öfter zu Starkregen und Hagelschlag. Das setzt die Landwirtschaft sehr unter Druck.

Nepal ist ein Agrarland ...

Ja, mehr als 80 Prozent der Bevölkerung leben von der Landwirtschaft. Sie ist die Haupteinkommensquelle, der wichtigste Wirtschaftssektor des Landes. Durch die unberechenbar gewordenen Niederschläge werden auch die Ernten unvorhersehbar. Damit ist die Ernährungssicherheit Nepals in Gefahr. Viele Bauern haben schon aufgegeben und ziehen in die Städte.

Sie werden also zu Klimaflüchtlingen?

Die Ursachen für die Landflucht können auch rein wirtschaftlich sein. Es gibt keine Statistik oder Studie, die aufschlüsselt, wann die Folgen des Klimawandels der ausschlaggebende Grund waren.

Die Gefahren, die Sie für Ihr Land beschreiben, bezeichnet der neue IPCC-Bericht als Schlüsselrisiken: Tod und Zerstörung von Lebensgrundlagen durch Fluten, außerdem Ernährungsunsicherheit für ärmere Bevölkerungsschichten durch Hitze, Dürre und veränderte Niederschlagsmuster. Wie geht Nepal mit diesen Risiken um?

Nepal hat inzwischen eine nationale Klimapolitik aufgesetzt und das National Adaptation Programme of Action eingerichtet. Es gibt weitere Programme auf regionaler Ebene, um den besonders betroffenen Gemeinden bei Anpassungsmaßnahmen zu helfen. Durch Aufforstungsprogramme ist beispielsweise die Entwaldung in Nepal deutlich zurückgegangen. Doch große Summen in die Hand zu nehmen ist uns nicht möglich. Nepal ist auf Unterstützung von außen angewiesen.

In vielen Entwicklungsländern wird der IPCC-Bericht sehr kontrovers diskutiert. Es gibt auch Kritik, der Süden sei nicht ausreichend repräsentiert. Wie läuft die Debatte in Nepal?

Nur ein sehr kleiner Teil der Öffentlichkeit interessiert sich für den Bericht. Wir müssen noch sehr viel tun, um überhaupt erst einmal ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass die Berichte des Weltklimarats nicht nur für Wissenschaftler wichtig sind, sondern für alle Bürger. Bislang berichten die nepalesischen Medien kaum über die Sachstandsberichte, und wenn, dann nur oberflächlich. Die Verlage meinen, eine wissenschaftliche Arbeit wie der IPCC-Report sei für ein breites Publikum zu kompliziert, zu schwer vermittelbar, zu technisch. Entsprechend gering ist das öffentliche Interesse.

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Tausende von Gletschern und Gletscherseen gibt es in Nepal, wie hier vor dem Annapurna-Massiv, das zur Himalaja-Hauptkette gehört und bis zu 8.000 Meter hoch ist. Das Schmelzen der Gletscher erhöht die Gefahr von Ausbrüchen – Fachterminus: Gletscherlauf – und damit von Flutwellen. (Foto: Mottl/Wikimedia Commons)
 

Allerdings ändert sich das jetzt langsam. Im Gegensatz zum Vierten Sachstandsbericht von 2007 hat es diesmal schon einige Diskussions- und Informationsveranstaltungen gegeben. Das sollte noch viel häufiger passieren. Auch Nepals Universitäten müssten sich viel mehr um den Klimawandel kümmern. Es gibt bislang kaum Wissenschaftler, die sich mit dem Klima beschäftigen. 

Und wie sehen Sie selbst die Diskussion um den IPCC – als Mitarbeiter einer Umweltorganisation, die sich für Klimaschutz einsetzt, und Mitglied der nepalesischen Delegation bei Klimaverhandlungen?

Ich denke, der IPCC leistet mit seinen Sachstandsberichten eine großartige Arbeit. Sein jüngster Report zeigt die Gefahren durch den Klimawandel mit aller Deutlichkeit und sagt auch sehr klar, was nun auf internationaler Ebene getan werden muss. Allerdings muss sich der IPCC von politischer Einflussnahme distanzieren. Seine Arbeit muss unabhängig bleiben. Nur das wird die Länder dazu bringen, zu handeln und den Klimawandel so ernst zu nehmen, wie es nötig ist. Außerdem hätte ich mir gewünscht, dass der Bericht nicht nur einzelne Regionen in den Blick nimmt, sondern auch für jedes Land spezifische Informationen anbietet. Das würde den politischen Entscheidungsträgern mehr Orientierung bieten.

Interview: Verena Kern