IPCC-Arbeitsgruppe 2: Bericht, Dienstag, 03. Juni 2014 15:24

Anpassungsstrategie dringend gesucht

Vom Anstieg des Meeresspiegels sind nicht nur Südseeatolle und Entwicklungsländer betroffen. Auch St. Petersburg an der Ostsee hat ein Problem. Um 1,60 Meter wird das Meer bis zum Ende des Jahrhunderts steigen. Doch die Fünf-Millionen-Einwohner-Stadt hat bislang kein Konzept, wie sie damit umgehen soll.

Aus St. Petersburg Angelina Davydova

Viele kleine, geschwungene Brücken, enge Kanäle – das Wasser prägt das malerische Stadtbild: St. Petersburg wird auch "Venedig des Nordens" genannt. Tatsächlich war der russische Zar Peter I. von Venedig inspiriert, als er an der Mündung der Newa in die Ostsee seine neue Hauptstadt planen und bauen ließ. Wie Venedig hat auch St. Petersburg deshalb ein Problem: Was tun, wenn der Meeresspiegel steigt?

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Links, wenn es gut geht – rechts, wenns schlecht läuft: Forscher sehen den Pegel in St. Petersburg im Jahr 2100 zwischen 37 und 84 Zentimetern über dem heutigen Niveau.
(Grafik: Hydrometeorological Hazards)

Russlands zweitgrößte Stadt liegt an der Ostsee, die nicht gerade als Inbegriff des "bedrohlichen Ozeans" gilt. Doch der Schein trügt: Zwischen 1978 und 2008 registrierten die Behörden 63 Überschwemmungen, von denen sich 13 zu Flutkatastrophen entwickelten. In den 30 Jahren zuvor waren es "nur" 36 Fluten, neun von ihnen katastrophal.

"Die Flutereignisse haben ihren Charakter geändert", sagt Artjom Pawlowski vom Forschungszentrum Genplan. Es gibt einen Wechsel der "Hochwasserjahreszeit": Waren die Überschwemmungen früher im Herbst anzutreffen, so sind sie heute meist in den Wintermonaten eine Bedrohung. "Die Winter werden auch viel wärmer", sagt Experte Pawlowski. Tatsächlich haben Forscherkollegen das gerade auch mit Daten belegt: 2013 lag die Wintertemperatur in Russland demnach um durchschnittlich 2,7 Grad über der von 1980. Der Sommer war durchschnittlich "nur" 1,2 Grad wärmer als der Referenzzeitraum.

Ein russisches Sprichwort sagt: "Der Dorfteich war durchschnittlich 50 Zentimeter tief, und trotzdem ist die Kuh darin ersoffen." Bedeutet: In jedem Durchschnitt sind sogenannte "Ausreißer" enthalten – Werte, die besonders groß oder besonders klein sind. Das trifft auch auf den Temperaturanstieg in St. Petersburg zu: Artjom Pawlowskis Arbeiten kommen zu dem Schluss, dass die Durchschnittstemperatur in der Stadt wesentlich schneller gestiegen ist als in benachbarten Ostseestädten wie Helsinki und Tallinn. Demnach ist die bodennahe Durchschnittstemperatur in St.Petersburg bereits um sechs Grad Celsius gegenüber dem Niveau von vor 1980 gestiegen, bis zum Ende dieses Jahrhunderts erwarten die Wissenschafter einen Anstieg von neun bis zehn Grad.

Rückgang der Küsten bedeutet mehr Gefahr

Nicht die einzige besorgniserregende Änderung, die die Erderwärmung für St. Petersburg mit sich bringt: Es wird deutlich mehr regnen, die Niederschläge steigen von derzeit 648 Millimetern pro Jahr auf 766 Milimeter im Jahr 2100. Auch der Meeresspiegel der Ostsee wird steigen, im günstigsten Fall um ein Drittel Meter. Beginnt die Menschheit nicht bald mit ernsthaftem Klimaschutz, werden es mindestens 84 Zentimeter bis zum Ende des Jahrhunderts – also ungefähr so viel wie bis zu Ihrer Gürtellinie.

Die Folgen sind schon heute in St. Petersburg zu besichtigen: Küstenerosion und Ausschwemmung. Nach der Auswertung ihrer Daten haben finnische Wissenschaftler einen "Rückgang der Küsten am Finnischen Meerbusen" registriert. Demnach zieht sich der Küstenstreifen jährlich um bis zu einen halben Meter zurück, das Wasser dringt also weiter vor. Die Folgen für St. Petersburg: Immer mehr Stadtgebiet wird überflutet, nicht nur von Ostsee-Wasser, sondern auch von Grundwasser.

Die Freiheitsstatue in New York, der Tower of London, das Opernhaus in Sydney – Wissenschaftler haben den zukünftigen Anstieg des Meeresspiegels bereits für alle Weltregionen berechnet und die Prognosen mit den heutigen küstennahen Siedlungsgebieten und den Standorten des Weltkulturerbes verglichen. "Unsere Analyse zeigt, wie ernstzunehmend die langfristigen Folgen für unser kulturelles Erbe sind, wenn wir den Klimawandel nicht begrenzen", sagt Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

Auch St. Petersburg ist demnach bedroht. "Die globale Durchschnittstemperatur hat sich bereits um 0,8 Grad gegenüber vorindustrieller Zeit erwärmt. Steigen unsere Treibhausgasemissionen weiter an wie bisher, müssen wir bis zum Ende des Jahrhunderts mit einer globalen Erwärmung um bis zu fünf Grad rechnen."

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Das Venedig des Nordens: St. Petersburg, hier der Gribojedow-Kanal nahe dem Newski-Prospekt. (Foto: Dirk Franke/Wikimedia Commons)

Ende letzten Jahres hat St. Petersburgs Stadtverwaltung damit begonnen, eine Anpassungsstrategie auszuarbeiten. "Unser Ziel ist zunächst, die Folgen der Erderwärmung für die Wirtschaft der Stadt, für Wohnen und Verkehr und für Wasserversorgung und Kanalisation abzuschätzen", sagt Julia Menschowa, Umweltexpertin in der Verwaltung. Danach müsse eine Klimastrategie aufgestellt werden. Denn obwohl St. Petersburg schon heute unter dem Meeresspiegel-Anstieg leidet – eine Anpassungsstrategie hat die Fünf-Millionen-Einwohner-Stadt bisher nicht.