IPCC-Arbeitsgruppe 2: Bericht, Montag, 09. Juni 2014 18:53

Katastrophenvorsorge und ihre Grenzen

Durch den Klimawandel steigt die Wahrscheinlichkeit verheerender Naturkatastrophen. Die betroffenen Länder müssen, wie die IPCC-Wissenschaftler formulieren, "Risiko-Reduktion" betreiben – also Anpassung und Vorsorge. Wie das bei der Gefahr von Stürmen und Überschwemmungen aussehen kann, zeigt das Beispiel Bangladesch.

Aus Khulna (Bangladesch) Verena Kern

In den Stunden, bevor ein Zyklon auf Bangladeschs Küste trifft, hängt alles an einem Stück rotem Stoff und einem Megafon. Dass ein Sturm kommen wird, ist längst unübersehbar. Er kündigt sich an mit heftigen Regenfällen, starker Wind peitscht übers Land, die Flüsse sind über die Ufer getreten, das Wasser steht knöchelhoch. Aber noch ist für die Küstenbewohner nicht klar, welche Wucht der Sturm mitbringen wird. Ob er sich zu einem Zyklon auswächst. Ob er auch dieses Mal mit Windgeschwindigkeiten von mehr als 200 Stundenkilometern aufs Land rast und Flutwellen von der Größe von Hochhäusern auftürmt. Ob tatsächlich Lebensgefahr besteht. Oder ob es ausreicht, die Dächer aus Wellblech mit Schnüren festzubinden, damit sie nicht weggerissen werden und wie rasiermesserscharfe Geschosse herumwirbeln.

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Katastrophenvorsorge: Freiwillige vom Cyclone Preparedness Program helfen beim Bau eines Shelters. (Foto: Roter Halbmond)

Wie groß die Gefahr wirklich ist, steht die Betroffenen erst in dem Moment fest, wenn die Fahrzeuge der Katastrophenhilfe durch die Dörfer fahren. Mit einer roten Fahne auf dem Dach. Und mit einem Megafon ausgerüstet. "Leave this area now!", lautet die Warnung. Bringen Sie sich jetzt in Sicherheit! Um sich und seine Habseligkeiten zu retten, bleiben dann noch einige Stunden. Vorausgesetzt, es gibt in erreichbarer Nähe ein stabiles Gebäude, das Schutz bieten kann.

Gerade hat die Zyklonsaison im Golf von Bengalen begonnen. Nordindik nennen die Meteorologen das Gebiet. Und die Zyklonsaison grenzenlos. Stürme, heißt das, können sich das ganze Jahr hindurch bilden. Dass sie sich zum Zyklon entwickeln, ist vor und nach der Regenzeit am wahrscheinlichsten, im Frühjahr und im Herbst.

500 Zyklone wurden in den vergangenen 100 Jahren in der Region gezählt, 17 Prozent trafen das kleine Bangladesch. Auf einer Fläche, die nicht einmal halb so groß ist wie die Bundesrepublik, drängen sich 160 Millionen Menschen. Wirbelstürme treffen in dem am dichtesten besiedelten Land der Welt immer viele Millionen. Und sie treffen Menschen, für die Stürme ein alltägliches Ereignis sind, das nicht in jedem Fall besondere Schutzmaßnahmen erfordert. Weil nicht jeder Sturm ein verheerender Zyklon ist. Das macht die Katastrophenvorsorge zu einer schwierigen Aufgabe. Sie muss dafür sorgen, dass die Bevölkerung permanent vorbereitet ist – auch dann, wenn gar nichts passiert.

Vorbereitet zu sein ist für Bangladesch das zentrale Anliegen. Schon 1972 rief die damalige Regierung ein Frühwarnsystem ins Leben, das Cyclone Preparedness Program (CPP). Ein gutes Jahr zuvor, im November 1970, war das Land von dem schwersten jemals registrierten Zyklon regelrecht verwüstet worden. Bhola riss 300.000 Menschen in den Tod, Bangladeschs Regierung schätzt die Zahl der Toten sogar auf 500.000.

Damals gehörte das Land noch zu Pakistan. Großbritannien hatte, als es den indischen Subkontinent 1947 in die Unabhängigkeit entließ, die überwiegend muslimische Bevölkerung Ostbengalens dem neuen Staat Pakistan als Exklave zugeschlagen. Die ohnehin vorhandenen Spannungen zwischen Ost- und Westpakistan verschärften sich nach Bhola dramatisch, weil die Katastrophenhilfe der Zentralregierung im Ostteil des Landes als völlig unzureichend empfunden wurde. Im März 1971 begann ein achtmonatiger Sezessionskrieg, den Ostpakistan mit indischer Unterstützung für sich entscheiden konnte. Mit der Gründung eines unabhängigen Staates war für Bangladesch deshalb auch der Anspruch verbunden, es besser zu machen als Pakistan.

Sein Cyclone Preparedness Program, das seit 1973 von der Regierung und dem Roten Halbmond gemeinsam getragen wird, gilt tatsächlich als vorbildlich. Es beschäftigt 200 Festangestellte und hat mehrere Zehntausend freiwillige Helfer rekrutiert. Immerhin 30 Prozent davon sind Frauen. Für Bangladesch ist das keine Kleinigkeit. Und es ist wichtig. Überdurchschnittlich oft gehören Frauen zu den Opfern von Zyklonen, weil sie ihrer traditionellen Rolle als Hüterin von Haus und Hof gemäß zumeist als Letzte Zuflucht in den Cylone Sheltern suchen, den Hochbunkern, die das Land als Schutzräume bei Sturm und Überschwemmung gebaut hat.

In der Zentrale des CPP in der Hauptstadt Dhaka werden meteorologische Daten ausgewertet und Informationen über drohende Zyklone über Radio und Internet verbreitet. Die auch in Bangladesch allgegenwärtigen Mobiltelefone sollen künftig auch einbezogen werden. Die Freiwilligen erhalten Schulungen in Erster Hilfe, absolvieren Übungen und werden mit allem ausgestattet, was man im Ernstfall braucht – allen voran Megafone und rote Fahnen.

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Warnung mit Megafon: Mitarbeiter des Cyclone Preparedness Program fahren über die Dörfer, um vor einem nahenden Zyklon zu warnen. (Foto: Screenshot/Roter Halbmond Bangladesch)

Zudem hat Bangladesch ein eigenes Ministerium für Katastrophenhilfe eingerichtet, das Programme zur Risikominimierung auflegt. Und es hat dafür gesorgt, dass das Thema Teil des Lehrplans in den Schulen ist. Schon die Kinder sollen lernen, die Warnungen richtig einzuschätzen und sich mit den Gefahren auseinanderzusetzen. Die Vorbereitung auf den Katastrophenfall, kann man sagen, ist allgegenwärtig.

Man kann es aber auch anders formulieren. Ein armes Land wie Bangladesch kann die Katastrophe nicht verhindern, es kann sich nur darauf einstellen. Um Flutbarrieren, Deiche und Pumpsysteme oder schwimmende Wasserbauten zu errichten, wie es etwa die Niederlande planen, damit die Flutwellen die Küste gar nicht erst erreichen oder höchstens in abgeschwächter Form, dafür fehlt das Geld. Summen wie die 20 Milliarden Dollar, die die Küstenstadt New York aufwenden will, um sich gegen Stürme und den steigenden Meeresspiegel zu wappnen, liegen für Bangladesch jenseits des Vorstellbaren.

Zwar kann Bangladesch inzwischen ein konstant hohes Wirtschaftswachstum von fünf bis sechs Prozent aufweisen und will in den nächsten zehn Jahren zu einem middle-income country aufsteigen. Derzeit beläuft sich der Staatshaushalt des Landes allerdings bloß auf knapp 28 Milliarden Dollar – kaum mehr, als das Land Berlin zur Verfügung hat. Zyklone und Flutwellen werden auch weiterhin Bangladeschs Küstenregion (die immerhin ein Fünftel der Landesfläche umfasst) treffen. Das Land kann nur dafür sorgen, dass die betroffene Bevölkerung möglichst mit dem Leben davonkommt.

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Katastrophe: 138.000 Menschen starben in Bangladesch bei dem Zyklon von 1991. Weite Teile des Landes standen danach unter Wasser. (Foto: USAF/Wikimedia Commons)

Die Zahl der Todesopfer ist tatsächlich stark zurückgegangen. Bei dem sehr schweren Zyklon von 1991 starben 138.000 Menschen. Bei Sidr, der 2007 ebenfalls 260 Stundenkilometer Spitzengeschwindigkeit erreichte, waren es 3.400. Das große Problem ist mittlerweile ein anderes: Die Verwüstungen durch die Zyklone werden schwerwiegender und teurer. Und die Folgen langfristiger. Bis heute stehen Teile der Küstenregion, die durch Sidr überflutet wurden, unter Wasser, so dass Boden und Grundwasser weiter versalzen. Auch eine vorbildliche Katastrophenvorsorge kann diese Art von Verlust nicht verhindern.