IPCC-Arbeitsgruppe 2: Bericht, Donnerstag, 17. Juli 2014 10:46

Risse im Haus, aber nicht im Glauben

Der Weltklimabericht 2014 rechnet mit einem Schrumpfen des Permafrostgebietes. Besonders betroffen seien die Übergangsregionen. Igarka liegt in ebendieser Grenzregion. Doch in der nordsibirischen Kleinstadt glaubt niemand an die Prognosen des Weltklimarates. Eine Ortsbesichtigung.

Aus Igarka (Sibirien) Peggy Lohse

Von der einstigen 25.000-Einwohner-Stadt ist nicht mehr viel übrig. Heute leben nur noch ungefähr 5.000 Menschen in Igarka, etwa 170 Kilometer nördlich des Polarkreises. An die einstigen Stadtteile Nord und Altstadt erinnern nur noch Ruinen eingefallener oder abgebrannter Holzhäuser. Großzügige Schotterpisten mit Asphaltresten verbinden den einzigen noch bewohnten Stadtteil mit der Fähre zum Flughafen auf der Insel, mit der Schiffsanlegestelle, mit dem ehemaligen Hafen. 

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Unbewohnbar: Weil der Untergrund nachgegeben hat, ist dieses Haus in Igarka in seiner Mitte auseinandergerissen. (Alle Fotos: Peggy Lohse)

Parallel zu den Pisten verlaufen überirdisch – entweder im Holzkasten, im Holzrohr oder in silberner Isolierfolie verpackt – Wasser- und Gasleitungen. An ehemalige traditionelle Holzhäuser erinnern aus dem Boden ragende Holzstelzen, von früheren Wohnhäusern aus Stein zeugen Betonpfähle. Das Trinkwasser ist oft gelblichbraun und besitzt einen unangenehmen Geruch, verursacht durch organische Prozesse im saisonal gefrorenen Torfboden der Umgebung. Überall ist es zu spüren: Igarka steht auf Permafrostboden.

Als Igarka 1930 gegründet wurde, wusste man noch kaum etwas über das Bauen auf dauerhaft gefrorenem Boden. Das bis dahin größte Bauprojekt auf Permafrost war die 1.800 Kilometer südlich verlaufende Transsibirische Magistrale. Darum richtete die Sowjetunion gleichzeitig eine Forschungsstation ein, deren Hauptaufgabe es zunächst war, die technischen Grundlagen für den Städtebau auf Permafrost zu finden. Heute ist die Station eine Filiale des Melnikow-Permafrost-Instituts Jakutsk und erforscht den Permafrostboden, sowie die Auswirkungen des Klimawandels in der Region am Fluss Jenissej.

Schutz durch Schnee

Die Stadt Igarka steht auf felsigem Untergrund und, obwohl bereits in der Polarregion, auf der Grenze zwischen saisonal gefrorenen Permafrostinseln und flächendeckendem Permafrost. Genau diese Übergangsregionen sind laut dem aktuellen Weltklimabericht vom Abtauen bedroht. Das jährliche Tauen des Bodens zeigt sich trotz der Stelzenbauweise bereits deutlich in rissigen Häuserwänden, verzogenem Asphalt und tiefen Schlaglöchern auf den Straßen.

Zusätzlich zu dieser Gefährdung von städtischer Infrastruktur und Gebäuden prognostiziert der Weltklimarat das Austreten bisher im Permafrost eingeschlossener Treibhausgase, die den Klimawandel beschleunigen könnten. Vor allem speichert die dauergefrorene Erde große Mengen Methan – ein bis zu 25-mal so atmosphärenschädigendes Gas wie Kohlendioxid.

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Dauergefroren: Im "Permafrostmuseum" wird demonstriert, wie Eis und Gestein eine Einheit bilden.

"Unser Permafrost taut bisher nicht", sagt Nikita Tananajew, Laborleiter an der Igarkaer Forschungsstation. Der Hydro- und Glaziologe behauptet sogar: "Es kann gut sein, dass der Permafrost niemals wirklich abtaut." Die Jahresdurchschnittstemperatur der Luft in Igarka liegt zwischen minus sieben Grad Celsius und minus neun Grad. Im ostsibirischen Jakutsk ist es durchschnittlich nur um circa ein Grad kälter.

Im Unterschied zu Igarka, wo der Permafrost bis in eine Tiefe von höchstens 30 Metern reicht, ist der Boden in Jakutsk 300 bis 400 Meter tief komplett gefroren. Der Grund: In Igarka liegen durchschnittlich zwei Meter Schnee, rund sieben- bis zehnmal mehr als in Jakutsk. Die Schneedecke isoliert im Winter, sodass der Luftfrost kaum Einfluss auf die Bodentemperatur hat.

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Sieht kein Problem: Der Wissenschaftler Nikita Tananajew.

"Bei uns ist der Permafrost relativ warm, aber dafür durch den Schnee gut geschützt", erklärt Tananajew, "wenn es nun aufgrund steigender Temperaturen aus der Arktis mehr Wasser geben wird, das heißt im Winter mehr Niederschlag, ist der Permafrost noch besser geschützt." Damit die Bodentemperatur die Frostgrenze übersteigt, bräuchte es laut dem Wissenschaftler etwa hundertmal so viel Schnee wie jetzt. Oder es müsse einige Tausend Jahre lang durchgehend Sommer sein, ohne jeden Winter, damit wirklich der gesamte Permafrost abtauen könne.

Zweifel am Weltklimabericht

Der Einschätzung des Weltklimarates, der Mensch beschleunige den Klimawandel, steht Tananajew sehr skeptisch gegenüber: "Das scheint nur so! Vor 100.000 Jahren gab es einfach noch keine Menschen. Jetzt leben wir und denken: 'Oh, das passiert jetzt ja mit uns!'" Er verweist auf unterschiedliche, natürliche Zyklen von Warm- und Kaltphasen. In den 1930er und 40er Jahren gab es ähnliche Diskussionen über Erderwärmung wie heute, sagt Tananajew, in den 60er Jahren herrschte Angst vor einer Abkühlung des Planeten. "Mir ist das alles egal", sagt der Forscher, "Ich beobachte die Natur: Was verändert sich, wie verändert es sich, was passiert?"

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Igarka im Juni: Grün wird es hier nur ein bisschen. Im Vordergrund ein Haus, das auf Stelzen erbaut wurde, die aber dem Untergrund nicht standhalten konnten.

Der diesjährige Klimabericht rechnet bei einem weiteren Temperaturanstieg mit einem weltweiten Abtauen der Permafrostzonen. Wie Oleg Anissimow vom Hydrologischen Institut in St. Petersburg gegenüber dem Magazin klimaretter.info erläuterte, hat die Wissenschaft den Anstieg der Temperaturen auf der gesamten Fläche Russlands inzwischen detailliert nachgewiesen. "Seit 1980 stiegen die Sommer-Werte pro Dekade um durchschnittlich 0,4 Grad Celsius", so Anissimow. Bei den Winter-Temperaturen seien es sogar durchschnittlich 0,9 Grad Celsius gewesen.

0,9 Grad pro Dekade seit 1980 – das viel zitierte Zwei-Grad-Limit ist im russischen Winter schon längst überschritten. 2013 lagen die Wintertemperaturen in Russland um durchschnittlich 2,7 Grad über denen von 1980. Der Sommer war "nur" 1,2 Grad wärmer als der Referenzzeitraum.

"Hier wird es eher kälter als wärmer"

Doch an diesen Messungen hat Tananajew große Zweifel. Wie auch an der Arbeit des Weltklimarates: "Das IPCC hat ein Modell ausgewählt, aber es gibt noch viel mehr Modelle, mindestens dreißig. Dazu kommen noch zehn unterschiedliche Szenarien. All diese Modelle bestehen zu 90 Prozent auf Wetterprognosen. Fantasie!“ Die Daten seines Instituts können diese Prognosen bisher nicht bestätigen.

Eine Einschätzung, die viele Einwohner von Igarka teilen. Die Risse halten sie für normal hier im Norden, an den Klimawandel glauben sie nicht. "Bei uns hier ändert sich nix. Eher wird es kälter als wärmer", sagen die meisten. Und so formuliert die Vor-Ort-Einschätzung der Experte Tananajew, der eher in Jahrhunderten rechnet als in Jahren: "Ich glaube kaum, dass sich am Permafrost in nächster Zeit viel ändern wird. Egal, was mit dem Klima wird, der Permafrost bei uns bleibt so, wie er ist."

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Noch bewohnt, aber auch schon gerissen: An den Klimawandel glauben die Menschen hier aber nicht.