IPCC-Arbeitsgruppe 2: Bericht, Freitag, 01. August 2014 15:43

"Unsere Hauptstadt verschwindet"

13075pre_alt_675_46b4c38baa3a5d0.jpg?v=2014-07-28 23:37:01Auf zwei Grad Celsius will die Staatengemeinschaft die Erderwärmung begrenzen. Für Afrika bedeuten zwei Grad mehr globale Durchschnitts­temperatur aber ein Plus von bis zu vier Grad. Pa Ousman Jarju, Gambias Minister für Umwelt und Klimawandel, über die Auswirkungen des Klimawandels in seinem Land.

Herr Minister, der Weltklimarat schreibt in seinem neuen Sachstandsbericht, dass der Klimawandel Afrika besonders hart trifft. Ist das wirklich so?

Pa Ousman Jarju: Früher dauerte bei uns in Gambia die Regenzeit fünf bis sechs Monate. Heute haben wir allenfalls noch drei Monate Regenzeit. Und die ist zunehmend unpünktlich: Der Beginn verschiebt sich immer mehr nach hinten. Das hat enorme Auswirkungen auf die Landwirtschaft. Einige Böden vertrocknen. Die Fischerei ist betroffen, die touristische Infrastruktur verschwindet. Dabei ist der Tourismus sehr wichtig für unser Land, auch viele Deutsche machen in Gambia Urlaub.

Unregelmäßigkeiten bei Wetterphänomenen hat es immer gegeben. Warum sollte die Erderwärmung schuld sein?

Gambia hat vor einigen Jahren 20 Millionen Dollar investiert, um die Strände zu befestigen. Die sind für den Tourismus natürlich wichtig. Wir hatten den Sand so aufgeschüttet, dass der Strand wieder traumhafte 100 Meter breit war. Und wir hatten Küstenschutzanlagen gebaut, um das Ergebnis zu schützen.

Von den 100 Metern Strand sind nach wenigen Jahren Erosion teilweise nur noch drei Meter übrig geblieben. Durch den Anstieg des Pegels hat sich das Meer Gambias Land zurückgeholt. Wenn der Meeresspiegel nur um einen Meter steigt – was der Weltklimarat nicht mehr ausschließt –, verschwindet unsere Hauptstadt Banjul in den Fluten. Was uns morgen existenziell bedrohen wird, schadet uns aber auch heute schon sehr real. Die touristische Infrastruktur, eine wichtige Einnahmequelle für uns, verschwindet.

Sie waren 2011 und 2012 auf den UN-Klimagipfeln Verhandlungsführer der LDC-Ländergruppe, also der am wenigsten entwickelten Länder, und haben den internationalen Prozess mitgestaltet. 2015 soll in Paris ein neues Klimaabkommen ausgehandelt werden, im Dezember treffen sich die Staaten der Welt in Lima. Wo stehen wir im August 2014?

Wir sind gerade dabei, den Grundstein für das Abkommen von Paris zu legen. Dieses Abkommen muss die vier Elemente enthalten, die wir vor drei Jahren beim Gipfel in Durban herauskristallisiert haben: Klimaschutz, Anpassung, Finanzen, Technologietransfer.

Wir dachten, beim Klimaschutz geht es um die Reduktion von Treibhausgasen?

Natürlich! Und deshalb sind die Diskussionen um die nationalen Selbstverpflichtungen der Staaten nicht hilfreich. Wir brauchen einen Vertrag, der diese Selbstverpflichtungen in ein gesetzliches Dokument überführt. Zwischen Lima und Paris haben wir nur sehr wenig Verhandlungsspielraum, um alles für das neue Abkommen vorzubereiten. Deshalb schafft der Klimagipfel 2014 in Lima die Grundlage für Paris.

Was sind die Knackpunkte?

Ich sehe drei Schwierigkeiten. Erstens wollen einige Länder die Verpflichtungen nur auf den Klimaschutz begrenzen, während andere auch die Anpassung an den Klimawandel und die Entwicklung von Technologien vorantreiben wollen. Zweitens brauchen wir ein universelles, aber nicht uniformes Abkommen, denn die Länder haben unterschiedliche Voraussetzungen. Gambia hat zum Beispiel geringere Möglichkeiten Klimaschutz zu betreiben als Deutschland. Wir wissen, dass einige Entwicklungsländer mehr tun können als heute, aber darüber müssen wir diskutieren.

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Gambia: Die Menschen werden mit einem Anstieg der Temperaturen um drei bis vier Grad Celsius zurechtkommen müssen. (Foto: Geri/QIV/Flickr)

Drittens unterscheidet sich das Gesamtziel. Einige Länder wollen das Zwei-Grad-Ziel, wir fordern eine Begrenzung auf 1,5 Grad. Denn das globale Zwei-Grad-Ziel bedeutet für Afrika 3,5 bis vier Grad Celsius – mit gravierenden Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft.

Interview: Sandra Kirchner und Nick Reimer