IPCC-Arbeitsgruppe 2: Bericht, Samstag, 30. August 2014 14:44

Dann ist Schluss mit schönen Stränden

Der Anstieg des Meeresspiegels macht den weltweit 51 Inselstaaten schwer zu schaffen. Eine UN-Konferenz in Samoa sucht nach Lösungen für ihre sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Probleme.

Von Susanne Götze

Nauru ist die kleinste Republik der Erde. Der Inselstaat im Pazifik misst gerade mal 21 Quadratkilometer und hat rund 10.000 Einwohner. Die idyllischen Palmenstrände werden von Europäern mit Urlaub, Hängematten-Nachmittagen und erfrischenden Mochitos assoziiert. Bis zum Jahr 2100 aber wird dort der Meeresspiegel um bis zu einem Meter steigen. Dann ist Schluss mit schönen Stränden.

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Bedrohtes Paradies: Der Inselstaat Nauru im Westpazifik. (Foto: US Atmospheric Radiation
Measurement Program
)

Nauru ist wie viele andere Inseln ein Opfer des Klimawandels. Nicht nur das steigende Meer, auch Wetterextreme wie Dürren und Starkregen sowie das Korallensterben und die Ozeanversauerung machen gerade den kleinen Pazifikinseln zu schaffen. "Die kleinen Inselstaaten sind sehr stark durch den Klimawandel gefährdet und deshalb muss jetzt gehandelt werden", wird die UN-Botschafterin der kleinen Inselstaaten, Marlene Moses, nicht müde zu betonen. Sie weiß, wovon sie spricht.

Moses kommt aus Nauru und ist seit 2011 in der ganzen Welt unterwegs, um der Allianz kleiner Inselstaaten (Alliance of Small Island States – AOSIS) Gehör zu verschaffen. Nächste Woche, vom 1. bis zum 4. September, findet die UN-Konferenz kleiner Inselstaaten in Samoas Hauptstadt Apia statt – gut zwei Wochen vor dem Klima-Sondergipfel in New York, zu dem UN-Generalsekretär Ban Ki Moon eingeladen hat. AOSIS ist das Sprachrohr der von der UN anerkannten Gruppe der SIDS-Staaten, der Small Island Developing States, der Inseln in Afrika, der Karibik, dem Indischen Ozean, dem Mittelmeer, dem Pazifik und dem Südchinesischen Meer angehören.

Auf der Rio-Konferenz 1992 wurde die Inselstaatengruppe offiziell anerkannt. Vor zehn Jahren wurde ein Aktionsplan beschlossen, der den betroffenen Inselgruppen helfen soll und eine Art Fahrplan zu einer nachhaltigen Wirtschaft, Sozialpolitik und Energieversorgung darstellt.

Hilfe zur Selbsthilfe mit "grünem Wachstum"

Vielen Inselstaaten macht nicht nur der Klimawandel zu schaffen, sondern auch wirtschaftliche und soziale Probleme. Sie müssen Energie, Lebensmittel und Industriegüter importieren und dafür viel höhere Preise als anderswo zahlen. Vor allem die Ölimporte sind ein unberechenbarer Faktor der oftmals fragilen Wirtschaftssysteme. Zudem ist das Risiko für Naturkatastrophen um einiges höher als auf den Kontinenten.

Die Inseln hoffen aber nicht nur auf eine internationale Einigung, sie wollen ihre Probleme, soweit es geht, auch selbst lösen. Auf der Konferenz in Samoa sollen ab Montag vor allem Partnerschaften zwischen Unternehmen, Kommunen und Regierungen geschlossen werden. Dabei geht insbesondere darum, Solar- oder Windenergie auf den Inseln zu etablieren. Die Inselregierungen verpflichten sich, für eine nachhaltige Entwicklung zu sorgen, heißt es in einem bereits veröffentlichten Entwurf des Abschlussdokumentes. Damit wolle man zukünftig ein "ökologisch verträgliches Wirtschaftswachstum sowie ein nachhaltiges Konsumverhalten und Umgang mit natürlichen Ressourcen" voranbringen. Die erneuerbaren Energien sollen vor allem helfen, die teuren Energieimporte zu verringern.

Ein Beispiel ist Mauritius, das östlich von Madagaskar im Indischen Ozean liegt. Im vergangenen Jahr hat die Inselrepublik einen Strategieplan für eine nachhaltigere Wirtschaftsweise beschlossen. Schritt für Schritt will sie von fossilen Ressourcen unabhängig werden, den Energieverbrauch reduzieren und grüne Jobs schaffen. Die Idee dahinter ist, mit dem "grünen Wachstum" auch soziale Probleme in den Griff zu bekommen. Gegen den ansteigenden Meeresspiegel können aber auch die guten Vorsätze der Inselstaaten nichts ändern: In Mauritius könnte die Hälfte der Strände bis 2050 verschwunden sein – für die Touristeninsel ein Alptraum.

Die Inselgruppe Tokelau, die politisch zu Neuseeland gehört, aber autonom verwaltet wird, gilt sogar seit 2012 als erste Insel, die sich zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien versorgt. Allerdings hat die Inselgruppe auch nur 1.400 Einwohner.

Rettung der bedrohten Idylle

Viele der Inselstaaten sind stark von den Folgen der weltweiten Wirtschaftskrise betroffen, gab UN-Vizegeneralsekretär Wu Hongbo auf einer Pressekonferenz zum Samoa-Gipfel vor einigen Tagen zu. Auf die Frage, was die UN den von sozialen Problemen und dem Klimawandel bedrohten Inselstaaten bieten könne, antwortete Wu: "Unsere Botschaft ist, dass die internationale Gemeinschaft hinter den Inselstaaten steht und wir diese Herausforderungen gemeinsam meistern werden." Insgesamt seien über 300 Initiativen für die über 50 Staaten geplant, versicherte er.

UN-Botschafterin Moses dagegen hofft mit der Konferenz vor dem Ban-Ki-Moon-Gipfel in New York noch ein Zeichen zu setzen und den UN-Mitgliedsstaaten die Dringlichkeit eines international verbindlichen Abkommens klarzumachen. Kritik gab es jedoch daran, dass über Klimaflüchtlinge auf der Konferenz in der nächsten Woche überhaupt nicht diskutiert werden soll. Von Einzelfällen abgesehen, sind bisher alle Versuche gescheitert, Menschen, die aufgrund des Klimawandels ihre Heimat verlassen müssen, offiziell als Klimaflüchtlinge anzuerkennen. Damit Klimaflüchtlinge ein Asylrecht erhalten, müsste die UN-Flüchtlingskonvention von 1951 geändert werden, die solche Asylgründe noch nicht vorhersehen konnte.

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Messung und Prognosen des Meeresspiegelanstiegs in der Umgebung der Pazifikinsel Nauru.
(Grafik: 
pacificclimatechangescience.org)

Selbst wenn Inseln wie Nauru nicht unmittelbar vom Untergang bedroht sind, direkte Hilfen haben viele der Inseln trotzdem bitter nötig. Nauru, die Heimat der UN-Botschafterin Moses, ist ein gutes Beispiel dafür, wie der westliche Lebensstil die einstige Idylle in den letzten Jahrzehnten zerstört hat. Der französische Journalist Luc Folliet schilderte als erster ausführlich, wie aus der einst durch Rohstoffe reich gewordenen Insel ein bitterarmes und ökologisch verwüstetes Land wurde. Nun hofft Nauru auf eine neue Chance.