IPCC-Arbeitsgruppe 2: Bericht, Mittwoch, 03. September 2014 14:58

Inselstaaten bitten dringend um Rettung

Anstieg des Meeresspiegels: Deutschland sagt bei der UN-Konferenz auf Samoa einen "weiteren Ausbau der Zusammenarbeit" zu. Dabei unternimmt die deutsche Politik derzeit nichts, die kleinen Inselstaaten vor ihrem Untergang zu retten.

Von Nick Reimer

Deutschland will sich mehr für eine Zukunft kleiner Inselstaaten einsetzen. "Wir brauchen ein verbindliches und transparentes Klimaschutzabkommen 2015. Nur dies ermöglicht uns, den Auswirkungen des Klimawandels zu begegnen", erklärte die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium Rita Schwarzelühr-Sutter am Dienstag auf der UN-Konferenz der kleinen Inselstaaten in Samoa. Es sei rentabler, in den Klimaschutz zu investieren, als Schäden zu reparieren.

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Können sich die Menschen auch noch ohne die Wiege des Proteins ernähren? Korallenriffe vor Kolumbien. (Foto: NASA)

Am Sonntag hatte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon die Konferenz in Samoas Hauptstadt Apia eröffnet. Die Vereinten Nationen haben das Jahr 2014 zum Internationalen Jahr der Kleinen Inselstaaten ausgerufen, auch um bei den Klimaverhandlungen die Zustimmung der Inselregierungen zum sogenannten Zwei-Grad-Ziel zu bekommen.

Das Ziel ist vor vier Jahren auf der COP 16 im mexikanischen Cancún beschlossen worden. Aber vor allem die Gruppe der kleinen Inselstaaten AOSIS hatte sich bis zuletzt heftig gegen die zwei Grad als Obergrenze gewehrt und stattdessen eine 1,5-Grad-Politik gefordert. "Zwei Grad Erderwärmung bedeuten, dass wir unter Wasser stehen", sagte damals Anote Tong, der Präsident des Inselstaates Kiribati, im Interview mit klimaretter.info. "Der höchste Punkt unserer Insel Tarawa erreicht beispielsweise kaum drei Meter", so der Präsident. "In Kombination mit dem Meeresspiegelanstieg könnte eine einzige Flutwelle den Lebensraum vernichten."

Prognosen der Wissenschaft legen aber nahe, dass für ein 1,5-Grad-Ziel schon heute zu viele Treibhausgase produziert worden sind. Die Klimadiplomaten schrieben deshalb in ihr Cancún-Abkommen, dass bis 2015 überprüft werden muss, ob das Zwei-Grad-Ziel Bestand haben kann oder um ein halbes Grad gesenkt werden muss. Im Hintergrund soll es Verabredungen wie die zum Jahr der Kleinen Inselstaaten gegeben haben.

Jeder Dritte verliert die Heimat

Von 1870 bis heute hat sich der weltweite Meeresspiegel um 19 Zentimeter erhöht. "Wenn wir jetzt in die Projektionen gehen und fragen, wie stark der Meeresspiegel bis 2100 steigen wird, hängt das natürlich davon ab, wie viel an Treibhausgasen emittiert wird", erklärte im Dezember 2013 Monika Rhein, Professorin für Ozeanografie an der Universität Bremen und Leitautorin für das Meeres-Kapitel im neuen Sachstandsbericht des Weltklimarates. Neueste Forschungen haben aber ergeben, dass sich der Eisverlust auf Grönland seit 2009 verdoppelt hat. In der Westantarktis stieg das Tempo binnen fünf Jahren gar aufs Dreifache. Allein das kontinuierliche Abschmelzen dieser beiden Eispanzer werde bis zum Jahrhundertende den Meeresspiegel um 37 Zentimeter anheben, prognostizierten die Forscher.

Ein Grauen für Präsident Anote Tong: "Der Meeresspiegelanstieg und die Wetterveränderungen werden fortschreiten und wir müssen uns die Frage stellen, was wir tun können, um zu überleben." Das Umweltprogramm der UNO hat am Montag konkrete Zahlen vorgestellt. Wenn der Meeresspiegel weiterhin so ansteigt, muss demnach mindestens ein Drittel der Einwohner der Inselstaaten umgesiedelt werden.

Warme Worte aus Deutschland

Aber wenn es nach Staatssekretärin Schwarzelühr-Sutter geht, wird es gar nicht so weit kommen: "Das BMUB hat seit 2008 rund 140 Millionen Euro aus seiner Internationalen Klimaschutzinitiative (IKI) aufgewendet, um Kooperationsprojekte mit kleinen Inselstaaten zur Anpassung an den Klimawandel, zum Schutz der Biodiversität und zum Aufbau einer nachhaltigen Energieversorgung zu fördern", teilte das Bundesumweltministerium am Dienstag mit. Ein wichtiges Ziel sei, die einheimische Bevölkerung der Inseln dabei zu unterstützen, ihre natürlichen Ressourcen nachhaltig zu bewirtschaften und die ökologische Vielfalt zu erhalten.

Ein phantastischer Vorschlag der Bunderegierung: Deutschland ist weit davon entfernt, seine "Ressourcen nachhaltig zu bewirtschaften". Jeder Samoaner war 2011 statistisch gesehen für 0,88 Tonnen CO2-Ausstoß pro Kopf und Jahr verantwortlich, jeder Deutsche dagegen für neun Tonnen. Und statt in Deutschland für Klimaschutz zu sorgen, jettet die deutsche Staatssekretärin mit warmen Worten lieber in die deutsche Ex-Kolonie. In den letzten beiden Jahren sind die deutschen Klimaschulden wieder gestiegen statt zu sinken. Samoa und Co werden untergehen, weil Berlin einfach nichts gegen die Erderwärmung unternimmt.

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Wie viel Grün wird im Vergleichsfoto von 2100 noch übrig sein? Satellitenaufnahme einer Karibikinsel. (Foto: NASA)

Die kleinen Inselstaaten gipfeln gut zwei Wochen vor dem Klima-Sondergipfel in New York, zu dem UN-Generalsekretär Ban Ki Moon eingeladen hat. AOSIS ist das Sprachrohr der von der UNO anerkannten Gruppe der SIDS-Staaten, der Small Island Developing States, der Inseln in Afrika, der Karibik, dem Indischen Ozean, dem Mittelmeer, dem Pazifik und dem Südchinesischen Meer angehören. Viele der Inselstaaten sind stark von der weltweiten Wirtschaftskrise betroffen, gab UN-Vizegeneralsekretär Wu Hongbo auf einer Pressekonferenz zum Samoa-Gipfel vor einigen Tagen zu. Auf die Frage, was die UN den von sozialen Problemen und dem Klimawandel bedrohten Inselstaaten bieten könne, antwortete Wu: "Unsere Botschaft ist, dass die internationale Gemeinschaft hinter den Inselstaaten steht und wir diese Herausforderungen gemeinsam meistern werden."

Zum Beispiel so wie Deutschland.