IPCC-Arbeitsgruppe 2: Bericht, Mittwoch, 24. September 2014 18:59

Die Bilanz des arktischen Sommers

Neuere Forschung: Auf fünf Millionen Quadratkilometer ist die Fläche des Arktis-Eises in diesem Sommer geschrumpft – der viertniedrigste Wert, der je gemessen wurde. Nun erholt sich das Meereis, im März könnte es wieder 13 Millionen Quadratkilometer einnehmen.

Aus Rostock Nick Reimer

Der arktische Sommer ist vorüber. Diesmal verlor das auf dem Nordpol schwimmende Eis neun Millionen Quadratkilometer – dreißigmal die Fläche der Bundesrepublik. Der Arctic Sea Ice Monitor verzeichnete zum Herbstbeginn eine Ausdehnung der Eisbedeckung rund um den Nordpol von etwas über fünf Millionen Quadratkilometern – die viertniedrigste seit Beginn der Aufzeichnungen. 

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Arktis-Eisbedeckung am 22. September 2014: Die rote Kurve verläuft nun wieder nach oben. (Grafik: Arctic Sea Ice Monitor)

Der Arctic Sea Ice Monitor ist ein Gemeinschaftsprodukt des US-amerikanisch-japanischen Geoinformationssystems IJIS. Erhoben wurden die Daten vom japanischen Weltraumprogramm Jaxa. Die Bilder, die unter andrem vom japanischen Satelliten Shizuku stammen, werden dazu hoch aufgelöst. Gebiete, die mehr als 85 Prozent Wasser aufweisen, gelten bei der Auswertung als eisfrei.

Es liegt in der Natur der Arktis, dass die Meereisbedeckung im Sommer zurückgeht. Allerdings hat sich die Geschwindigkeit dieses Prozesses in den letzten Dekaden enorm erhöht. Ging die Eisbedeckung in den 1980er Jahren während der Sommermonate noch auf sieben Millionen Quadratkilometer zurück, so erreichte sie im Jahr 2012 einen neuen Negativ-Rekord: die Eisbedeckung rund um den Nordpol schrumpfte auf 3,67 Millionen Quadratkilometer.

Stefan Rahmstorf, der als Ozeanograf am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) die Wechselwirkungen zwischen Ozeanen und der globalen Erwärmung erforscht, spricht von einem "Gedächtnis" der Arktis. "Je weniger Eis es diesen Sommer gibt, desto weniger dickes, mehrjähriges Eis gibt es im nächsten Sommer", erläutert der Wissenschaftler. Und je dünner das Eis sei, umso leichter schmelze es dann im folgenden Jahr. Die Messungen bestätigen das: Sie zeigen, dass es immer weniger Eis gibt, das mehrere Jahre alt ist.

Große regionale Unterschiede

Ein sich selbst aufschaukelndes System: Tatsächlich war im Februar 2014 die Ausdehnung des Eises über die Wintermonate nur noch auf 12,51 Millionen Quadratkilometer angewachsen, die zweitniedrigste Ausdehnung, die registriert wurde. "Auch wenn die verbleibende Eisfläche in diesem Jahr die Werte aus den beiden Extremjahren 2007 und 2012 übertrifft – von einer Trendumkehr kann keine Rede sein", sagt Meereisphysiker Marcel Nicolaus vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI).

Auffallend seien große regionale Unterschiede in der Eisentwicklung. Während es dem deutschen Forschungseisbrecher "Polarstern" in der zweiten Augusthälfte nicht gelungen sei, sich auf seinem Weg in das Gebiet des Unterseegebirges Alpha-Rücken durch das Packeis nördlich des kanadischen Archipels zu brechen, habe sich das Eis in der russischen Laptewsee weiter nach Norden zurückgezogen, als jemals zuvor von Satelliten beobachtet wurde. "An den ersten Septembertagen befand sich die Eiskante in der Laptewsee nördlich von 85 Grad Nord. Das heißt, sie lag nur noch rund 500 Kilometer vom Nordpol entfernt", sagt Lars Kaleschke vom Hamburger Forschungszentrum Clisap. "Im Jahr 2006 war in dieser Region die Distanz zwischen Nordpol und offenem Wasser noch mehr als doppelt so groß."

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Gegenüber dem Negativrekord aus dem Jahr 2012 hat die Arktis in diesem Jahr 1,4 Millionen Quadratkilometer Eis mehr. (Foto: NOAA)

An den Polen verläuft die Erderwärmung deutlich intensiver als am Äquator, eine um zwei Grad gestiegene Globaltemperatur bedeutet dort fünf bis sechs Grad mehr. Deshalb ist auch ein "Kipppunkt" zu befürchten: Die unbedeckte Wasseroberfläche reflektiert die Sonnenenergie nicht mehr, die dunkle Wasseroberfläche "schluckt" die Energie, speichert sie und beschleunigt so die Erderwärmung.