IPCC-Arbeitsgruppe 3: Bericht, Donnerstag, 10. April 2014 16:23

"Der Handlungsdruck ist enorm"

BildTextarbeit in Berlin: Derzeit verhandeln die Leitautoren der dritten Arbeitsgruppe des IPCC mit den Regierungsvertretern über die "Zusammenfassung für Politiker". Wie das vor sich geht, erläutert Professor Hans-Otto Pörtner vom Alfred-Wegener-Institut: Der Biologe war einer jener Leitautoren, die dieses Prozedere mit der Arbeitsgruppe 2 im März durchexerzierte.

 

Herr Professor Pörtner, die Wissenschaftler des Weltklimarates forschen jahrelang. Tausende Spezialisten verifizieren das, was zuvor schon andere Spezialisten zur Erderwärmung erforscht haben. Und dann kommt eine Verhandlungswoche mit den Regierungen dieser Welt über die sogenannte Zusammenfassung für Entscheidungsträger. Warum?

Hans-Otto Pörtner: Es geht darum, die Zusammenfassung unserer jahrelangen Arbeit mit den Regierungsdelegationen sprachlich und inhaltlich abzustimmen. Das bedeutet einerseits, Formulierungen zu wählen, die für die Politik eingängig sind. Andererseits wollen die Regierungsdelegationen mit einem Ergebnis nach Hause fahren, bei dem sie sagen können: Wir wurden gehört, die Interessen unseres Landes sind im Sachstandsbericht des Weltklimarates gewürdigt worden.

Sie waren an dem Prozess in der zweiten Arbeitsgruppe in Yokohama beteiligt, derzeit tagt bis Samstag die dritte in Berlin. Geben Sie uns eine Vorstellung davon, was da gerade im Berliner Hotel Estrel abläuft?

Ich war in Yokohama zum ersten Mal an solch einem Prozess beteiligt, deshalb kann ich nur sagen, wie es dort abgelaufen ist. 120 Regierungsdelegationen saßen in einem Saal, in dem ein Text an die Wand projiziert wurde. Im Vorfeld hatte die Wissenschaft ja bereits einen Entwurf für diese "Summary" formuliert. Jede Regierungsdelegation hat zu jedem Satz ein Rederecht. Der Text wird Zeile für Zeile durchgegangen. Formulierungen, die stittig sind, werden gelb unterlegt; das, was aktuell diskutiert wird, ist weiß unterlegt; das, was akzeptiert worden ist, erscheint im Text schließlich grün.

Bei 40 Seiten Text können Sie sich vorstellen, wie intensiv dieser Prozess ist. Die Abschlusssitzung dauerte in Yokohama 26 Stunden. Meine Hochachtung auch vor den Mitgliedern der Regierungsdelegationen: Ich habe ein paar Tage gebraucht, um mich von der physischen Belastung zu erholen, die mir der Prozess in Yokohama bereitet hat. Die Regierungsdelegationen sitzen aber in Berlin zum gleichen Thema schon wieder am Verhandlungstisch. Ich finde, das kann man gar nicht genug würdigen!

Dem Prozess wird immer wieder angelastet, die Politik versuche die Wissenschaft zu beeinflussen. Können Sie uns ein Beispiel für Einwände der Regierungen geben – und die Reaktion der Wissenschaft?

Nehmen wir eine Abbildung, die den wissenschaftlichen Sachstand zur Ausbreitung der Trockengebiete im Zuge der Erderwärmung darstellt: Ein Entwicklungsland ist grau dargestellt, weil es dort keine wissenschaftlichen Daten dazu gibt. Dagegen protestiert das Land, weil es seine Probleme nicht beachtet sieht. Ein Kompromiss wäre, das Fehlen der Daten in der Grafik zu vermerken.

Verständlich. Wie sieht es aber bei wirklich strittigen Themen aus? Brasilien beispielsweise soll bei dem Vorgängerbericht versucht haben, die Agrotreibstoffe durch geänderte Formulierungen in einem besseren Licht dastehen zu lassen.

Wir haben Vertraulichkeit vereinbart und daran halte ich mich auch. Richtig ist, dass es einige Regierungen gibt, bei denen man sich fragt, warum sie so viel Krach schlagen. Richtig ist aber auch: In der Zusammenfassung werden Sie nur finden, was tatsächlich auch wissenschaftlicher Sachstand ist.

Einer ihrer Vorgänger – der Schweizer Klimaphysiker Thomas Stocker, der diesen Verhandlungsprozess zur ersten Arbeitsgruppe geleitet hat – sagte danach: Die Arbeit des Weltklimarates ist an seine Grenzen gestoßen, es gibt viel zu viele Datensätze, die ausgewertet werden müssen. Stocker hat Reformen für den IPCC gefordert. Was sagen Sie?

Das ist ein Problem, das die Wissenschaft insgesamt hat: Die Datenmenge, die von der Forschung produziert wurde, ist exponentiell gewachsen. Zur Bewertung des Sachstands geht der Weltklimarat ja interdisziplinär vor: Erkenntnisse der Biologie, der Physik, der Geografie et cetera gehen genauso in die Bewertung ein wie aus der Soziologie, der Politikwissenschaft, der Ökonomie, sogar der Philosophie.

Die Frage ist also: Wie gehen wir Wissenschaftler mit diesem Mehr an Daten um. Wir haben für unser Fachgebiet – ich war Leitautor für die Ökosysteme der Ozeane – Datenbanken angelegt. Wenn Sie jetzt eine Methodik finden, mit diesen Datenbanken systematisch zu arbeiten und nach neuen Hypothesen auszuwerten, dann kommen Sie zu einer erstaunlichen Klarheit, die mit einem klassischen Review-Prozess niemals zu erreichen wäre.

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120 Regierungsvertreter sitzen im Saal: Beim Weltklimarat geht es derzeit fast wie bei den Weltklimakonferenzen zu – hier in Doha 2012. (Fotos: Reimer, AWI)

Ein anderer IPCC-Wissenschaftler, der Schweizer Professor Andreas Fischlin, hat einmal gesagt, der Weltklimarat leiste die beste Wissenschaft, die es in der Geschichte der Menschheit jemals gegeben hat. Trotzdem stehen am Ende Aussagen wie: "Es ist zu 95 Prozent sicher, dass der Mensch Ursache der Erderwärmung ist" – was speziell Klimaskeptiker immer zitieren. Es könnten ja doch die anderen fünf Prozent zutreffen. Wie sicher sind Sie also?

Wissenschaftler werden niemals sagen, dieses oder jenes ist "wahr". Wir nähern uns der Wahrheit lediglich an. Insofern ist diese Aussage schon sehr scharf: "Die Wissenschaft ist sich zu 95 Prozent statistisch sicher, dass der Klimawandel menschengemacht ist." Jede Messmethode, jede wissenschaftliche Untersuchung hat Ungenauigkeiten. Wir nennen das "Rauschen": In jedem wissenschaftlichen Prozess steckt dieses Rauschen drin, aber es ist unwichtig für den Sachverhalt. Fünf Prozent Messungenauigkeit – das ist schon ein sehr guter Wert in der Forschung.

Wenn also die Sache so klar ist: Gerade wieder bremst die Politik beim Ausbau der erneuerbaren Energien, statt sie zu beschleunigen. Der Wissenschaftler Hans-Otto Pörtner hat geholfen, das Problem zu skizzieren. Verzweifelt der Mensch Hans-Otto Pörtner an den handelnden Politikern?

Einerseits verstehe ich, dass die Politik darauf achten muss, dass die Strompreise für die Industrie wettbewerbsfähig etwa gegenüber europäischen Nachbarn bleiben müssen. Andererseits ist mir aber nicht klar, ob die Politik die Aufgabe verstanden hat: In den nächsten zwei Jahrzehnten entscheiden die Politiker über das Klima, in dem die Menschheit die nächsten fünfhundert Jahre leben wird. Der Handlungsdruck ist also enorm. Deshalb müssten diese Leute endlich einmal aufhören, nur im Vierjahresrhytmus der Wahlkalender zu denken.

Interview: Nick Reimer