IPCC-Arbeitsgruppe 3: Bericht, Sonntag, 13. April 2014 16:26

Klimaschutz allein reicht nicht mehr aus

Mit einem dramatischen Apell erläutern die Spitzen des Weltklimarates ihre Arbeiten zum neuen Sachstandsbericht. Begonnen werden muss jetzt sofort mit der Dekarbonisierung, so ihre Botschaft. Und: Ohne der Atmosphäre Treibhausgase zu entziehen wird das Zwei-Grad-Ziel nicht zu schaffen sein.

Aus Berlin Toralf Staud und Nick Reimer

"Wenn wir die Erderwärmung unter Kontrolle halten wollen, müssen zusätzlich große Mengen Kohlendioxid aus der Atmosphäre herausgezogen werden." Der Weltklimarat IPCC hat am Sonntag in Berlin den dritten Teil seines neuen Sachstandsberichts vorgestellt. Und das klang wie der Abgesang auf die Welt. Es ist also so, dass Klimaschutz allein nicht ausreicht, um das Weltklima zu stabilisieren. Dafür sind schon zu viele Treibhausgase in der Atmosphäre, die da wieder rausmüssen.

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Da ist er: Die Leitautoren des dritten Kapitels und der IPCC-Chef Rajendra Pachauri (2. v. r.) halten die sogenannte Zusammenfassung für Entscheidungsträger in der Hand. (Foto: JanKo)

"Es stellen sich gravierende Herausforderungen", sagte der Ko-Vorsitzende des IPCC Ottmar Edenhofer. Nie habe die Menschheit mehr Treibhausgase produziert als heute, so der Wissenschaftler vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, das erste Jahrzehnt dieses Jahrtausends sei ein "Jahrzehnt der Kohle" gewesen. Geht es so weiter, wird die Globaltemperatur zum Ende des Jahrhunderts auf 3,7 bis 4,8 Grad gestiegen sein. Das Zwei-Grad-Ziel? Nur zu erreichen, wenn die Menschheit gleich handelt.

Eine Woche lang hatten die Wissenschaftler der Arbeitsgruppe 3 des IPCC mit Politikern der UN-Mitgliedsstaaten in Berlin verhandelt. Es ging um den genauen Wortlaut ihres Beitrags zum 5. Sachstandsbericht des IPCC in der Summary for Policymakers, der Zusammenfassung für Entscheidungsträger. Die wurde nun am Sonntag im Tagungszentrum des Berliner Estrel-Hotels vorgestellt.

Im einzelnen: "Wir brauchen ein breites Portfolio von Kohlendioxid-freien Technologien", erläuterte Edenhofer. Dies bedeute auch, dass die Welt ohne die Atomkraft als treibhausgasarme Option nicht zu retten sei. "Zweitens: Wir brauchen weltweite Kooperation", so Edenhofer. Ohne ein Weltklimaabkommen werde es keine Chance geben, den Temperaturanstieg zu begrenzen. Der IPCC empfiehlt beispielsweise einen weltweiten Kohlenstoffpreis, um so kohlenstofffreie Technologien in allen Sektoren voranzubringen. Dritte Botschaft der Wissenschaftler: Wir müssen sofort beginnen mit mehr Klimaschutz; wartet die Menschheit, wird alles nur noch teurer.

Streit um die Risiken von CCS

Wenn das Zwei-Grad-Limit tatsächlich noch unterschritten werden soll, so der IPCC, dann seien dafür auch Technologien wie Carbon Capture and Storage (CCS) nötig, also die Abscheidung und unterirdische Verpressung von Kohlendioxid. Vermeidung von Treibhausgasen allein reiche nicht mehr aus, es werde auch notwendig, die bereits verursachte Klimaschuld wieder abzutragen. Der entsprechende Absatz im Abschnitt 4.2.2 der Politischen Zusammenfassung war während der Schlussberatungen in der vergangenen Woche Gegenstand heißer Auseinandersetzungen. Wort für Wort wurde um die Formulierungen gerungen – mit einem Ergebnis, über das die Industrie vermutlich nicht unzufrieden ist. Gegenüber vorherigen Entwürfen hat sich der Umfang des Papiers glatt verdoppelt, und der Ton ist wohlwollender geworden. Zunächst hatte es geheißen, die CCS-Technologie werde "nur dann konkurrenzfähig", wenn sie politische und finanzielle Förderung erfahre.

In der Endfassung ist nun nicht mehr die Rede davon, dass CCS-Kraftwerke erst konkurrenzfähig gemacht werden müssten – freundlich heißt es nun, man müsse sie erst noch "in den Markt" bringen. Auch die Idee einer "direkten finanziellen Unterstützung" für derartige Kraftwerke wurde in den Text aufgenommen. Bekanntlich ist die CCS-Technologie mit einer Reihe von Risiken verbunden, beispielsweise was die langfristige Dichtheit der Untergrundspeicher oder mögliche Grundwasserbeeinträchtigungen angeht.

Wie Teilnehmer der Schlussberatungen berichteten, wurden diese Risiken ausführlich diskutiert. Mehrere Regierungen, unter anderem die deutsche, hätten sie stärker betont sehen wollen. Andere hingegen, beispielsweise die norwegische, seien da ganz anderer Ansicht gewesen. Während dieser Abschnitt verhandelt wurde, saß auf dem Podium als einer der Moderatoren unter anderem Thomas Bruckner, einer der Koordinierenden Leitautoren des Fachkapitels zu Energiesystemen – und im Hauptberuf Inhaber einer Professur an der Universität Leipzig, die der CCS-freundliche Kohlekonzern Vattenfall gestiftet hat. Mehrfach war während der Beratungen gefordert worden, die Risiken von CCS klar zu benennen.

Doch in der Schlussfassung ist abwiegelnd von "concerns about … risks" die Rede, also lediglich von Bedenken gegenüber bestimmten Risiken. Und angehängt ist ein Satz, dass es einen "zunehmenden Bestand an Literatur" über den Umgang mit "potenziellen Konsequenzen" gebe. Ob in der Literatur wirklich Lösungen für die Risiken zu finden sind, wird verschwiegen. Auf Nachfrage erklärte Ottmar Edenhofer: "Der IPCC hat nicht gesagt, dass CCS eine risikolose Option ist. Und er hat nie behauptet, dass es eine Option ohne Kosten und ohne Unsicherheiten ist."

Die Bundesregierung hört einen Gong

CCS ist aber nicht die einzigste Form, der Atmosphäre Treibhausgase zu entziehen: Daneben schlagen die Wissenschaftler ein umfangreiches Wiederaufforstungsprogramm vor, um so das Kohlendioxid in Holz zu speichern. Edenhofer betonte, dass die Wissenschaftler nach dem Wenn-Dann-Prinzip der Politik lediglich eine Landkarte zum Handeln gegeben hätten. "Es kostet nicht die Welt, die Welt zu retten", sagte Edenhofer. Drei Prozent des Bruttosozialprodukts der Welt veranschlagt der Weltklimarat dafür.

"Ich hoffe, dass der Gong jetzt wirklich mal gehört wurde", sagte Jochen Flasbarth, Staatssekretär im Bundesumweltministerium. Die Wissenschaftler hätten aufgezeigt, was die Politik zu tun habe. Zuletzt seien die Emissionen auch in Deutschland wieder gestiegen, erinnerte Flasbarth, die Vorgängerregierung habe an Tempo beim Klimaschutz verloren.

Doch wie sieht der "Gong" aus, der bei der Bundesregierung angekommen sein soll? Gebäudesanierung? Tempolimit? Ein bundesdeutsches Klimaschutzgesetz – wie es die SPD einmal in den Koalitionsvertrag schreiben wollte? Flasbarth räumte eine "Politiklücke von sieben Prozent" ein. Das bedeutet: Die politischen Instrumente der Bundesregierung reichen derzeit nicht aus, um das beschlossene Ziel zu schaffen, die Treibhausgase bis 2020 um 40 Prozent unter das Niveau von 1990 zu drücken. "Wir werden in den nächsten Tagen ein 'Aktionsprogramm Klimaschutz' vorlegen, um diese Lücke zu schließen", erklärte Flasbarth.

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Die handelnden Personen: Neben dem Ko-Vorsitzenden Youba Sokona sitzt Ottmar Edenhofer, in der Mitte Staatssekretär Jochen Flasbarth, daneben IPCC-Chef Rajendra Pachauri und der deutsche Bildungsstaatssekretär Georg Schütte (v.l.n.r.). (Foto: BMUB)

"Dass ein Tempolimit ein Beitrag zum Klimaschutz leisten kann, habe ich als Präsident des Umweltbundesamtes immer gesagt", betonte Flasbarth, der erst vor wenigen Monaten in die Politik gewechselt ist. "Aber ob das Tempolimit mehrheitsfähig ist, das wage ich zu bezweifeln", so der heutige Staatssekretär. Klar sei aber: "Auch der Verkehrsbereich muss einen Beitrag zum Klimaschutz leisten."

"Der Hochgeschwindigkeitszug zur Dekarbonisierung muss jetzt abfahren", sagte der Vorsitzende des Weltklimarats Rajendra Pachauri, "jetzt und mit allen Staaten an Bord." Ob ein bundesdeutsches "Aktionsprogramm" diesen Kriterien genügen kann, sagte Pachauri nicht.

Ergänzung:
Eine genaue Analyse des Teilbereichs 3 lesen Sie hier