IPCC-Arbeitsgruppe 3: Bericht, Dienstag, 15. April 2014 13:03

Sachstands-Kapitel 3: Das steht drin

Für den Fünften Sachstandsbericht des Weltklimarates hat sich die Arbeitsgruppe 3 mit den Treibhausgas-Emissionen und ihrer Verminderung befasst. Nun liegt die Zusammenfassung für Entscheidungsträger vor: Was steht eigentlich drin? – Teil 1: Der Befund.

Eine Analyse der Redaktion

Der Befund des IPCC in der "Zusammenfassung für Entscheidungsträger" ist erschreckend: Nie wurden mehr Treibhausgase produziert als zurzeit – trotz weltweiter Investitionen in Erneuerbare, trotz Klimadebatte und trotz Klimadiplomatie. Zwischen den Jahren 2000 und 2010 legte die Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre jedes Jahr um 2,2 Prozent zu, in den Jahren von 1970 bis 2000 war sie im Durchschnitt "nur" um 1,3 Prozent jährlich gestiegen. Und die Zahl wäre noch höher, hätte die Wirtschaftskrise 2007 und 2008 den Ausstoß nicht kurzzeitig gesenkt.

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Das polnische Kraftwerk Bełchatów bei Łódź ist Europas größtes Wärmekraftwerk und das weltgrößte Braunkohlekraftwerk mit einer Gesamtleistung von 5.053 Megawatt. (Foto: Morgre/Wikimedia Commons)

Die Wissenschaftler schreiben diese Entwicklung einerseits der gestiegenen Weltbevölkerung zu. Zum Jahresanfang lebten 7,2 Milliarden Menschen auf dem Planeten. 1959 waren es nicht einmal halb so viele – drei Milliarden Menschen. Andererseits aber ist die Wirtschaft deutlich CO2-intensiver geworden. 2010 wurde der Rekordwert von 49 Gigatonnen Kohlendioxidäquivalent in die Atmosphäre verfrachtet. 1970 betrug die Last noch 27 Gigatonnen. Allein seit der Jahrtausendwende ist der jährliche Ausstoß um rund zehn Milliarden Tonnen CO2-Äquivalent gestiegen.

Nur zehn Länder waren im Jahr 2010 für 70 Prozent der weltweit ausgestoßenen Treibhausgase verantwortlich. Zwar führen die IPCC-Autoren nicht aus, welche Länder das sind. Aber sie nennen folgende Zahlen: Einkommensstarke Länder verursachen im Durchschnitt fast zehnmal mehr Emissionen als einkommensschwache Länder. Die Autoren nennen hier durchschnittlich 13 Tonnen pro Kopf und Jahr in Industrieländern gegenüber durchschnittlich 1,4 Tonnen Kohlendioxidäquivalent pro Kopf und Jahr in Entwicklungsländern.

Wir tragen die entsprechenden Zahlen nach: China produzierte im Jahr 2010 – absolut gerechnet – 8,3 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalent, ein Plus von 240 Prozent im Vergleich zu 1990 und Platz eins. Es folgten die USA mit 6,1 Milliarden Tonnen, Russland (1,7), Indien (1,5) und auf Platz fünf Japan mit 1,3 Milliarden Tonnen Kohlendioxidäquivalent. Deutschland führt den zweiten Teil der Tabelle an, die Bundesrepublik war 2010 für 0,8 Milliarden Tonnen Kohlendioxidäquivalente verantwortlich. Auf Platz sieben kommt Südkorea (0,7), gefolgt von Kanada (0,6) sowie Saudi-Arabien und dem Iran mit je 0,56 Milliarden Tonnen.

Die Forscher wählten 2010 als Referenzjahr, weil sie ja bereits seit 2009 am neuen Sachstandsbericht arbeiteten. Mittlerweile liegen auch die Emissionszahlen von 2013 vor. Aufstrebende Länder wie Brasilien und Indonesien sind inzwischen in die Top Ten vorgedrungen, aber auch in Deutschland stiegen die Emissionen wieder an.

Business as usual bedeutet 3,7 bis 4,8 Grad Erwärmung

Die größte Treibhausgas-Quelle war dem Bericht zu Folge der Energiesektor, der im Jahr 2010 weltweit 37 Prozent der Emissionen verursachte. Die indirekten Emissionen eingerechnet, schlägt die Industrie mit 32 Prozent zu Buche, der Verkehr mit gut 14 Prozent. Landnutzungsänderungen, hauptsächlich Abholzung und Flächenumwidmung in der Landwirtschaft, waren für fast ein Viertel aller Treibhausgase verantwortlich. Und: Fast 80 Prozent der Steigerungsrate gehen auf Energieerzeugung und die Industrie zurück.

Läuft die bisherige Entwicklung des Treibhausgas-Ausstoßes ungebremst weiter, muss bis 2100 mit einer Erderwärmung (gegenüber vorindustriellem Niveau) von 3,7 bis 4,8 Grad Celsius gerechnet werden, schreiben die Autoren. Ohne weiteren Klimaschutz wären damit Klimaänderungen zu erwarten, auf die sich die Menschheit nur schwer einstellen kann und die hohe ökonomische Kosten verursachen werden.

Noch aber ist es möglich, das auf dem UN-Klimagipfel 2010 im mexikanischen Cancún beschlossene Zwei-Grad-Limit einzuhalten. Es sei aber extrem wichtig, was bis 2030 geschieht, schreiben die IPCC-Autoren: Werden bis dahin nicht weitere Emissionsminderungen beschlossen, wären hinterher umso schärfere Einschnitte nötig – die sehr teuer oder kaum noch realistisch wären. Der Report warnt vor einem lock-in risk, also einem Risiko, sich durch falsche Entscheidungen bei langfristigen Investitionen – etwa in Infrastrukturen oder Kraftwerkparks – auf klimaschädliche Entwicklungspfade festzulegen.

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Das Kohlekraftwerk Schwarze Pumpe von Vattenfall: Der Ort heißt aber nicht wegen seiner Klimaschuld so, sondern weil hier ein Brunnen vergiftet war und die Pest verursacht haben soll. (Foto: SPBer/Wikimedia Commons)

Oliver Geden, Klima-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik, ist allerdings skeptisch, dass es bis 2030 vorangeht mit dem Klimaschutz. "Die EU hat ihre Klimaziele für 2050 direkt aus den Zahlen des Vierten Sachstandsberichts abgeleitet, in dem eine Treibhausgas-Reduktion um 80 bis 95 Prozent bis 2050 von den Wissenschaftlern als notwendig erachtet wurde", sagte Geden gegenüber unserem Magazin. Heute Nachmittag ging der komplette Teilbericht 3 zum Fünften Sachstandsbericht online, und "darin sind keine Empfehlungen für die Industrieländer mehr enthalten", so Geden.

Der IPCC habe absichtlich darauf verzichtet, weil er zu Recht der Ansicht sei, Fragen der Aufteilung der globalen Minderungsnotwendigkeiten auf einzelne Ländergruppen sollten Gegenstand politischer Verhandlungen sein, erläutert der Wissenschaftler. "Die EU muss nun eigenständig etwas für 2050 festlegen. Das wird sicherlich nicht mehr so ehrgeizig sein – falls sich die EU-Mitgliedsstaaten überhaupt noch auf etwas einigen können." Osteuropäischen Ländern nämlich war die Reduktion um 80 bis 95 Prozent bis 2050 ohnehin ein Dorn im Auge. Geden: "Länder wie Polen können jetzt einfach verlangen, dass die EU ihr eigenes Klimaziel aktualisieren muss, wenn sie den Anspruch verfolgt, wissenschaftsbasierte Klimapolitik zu betreiben." Schließlich habe sich im Jahr 2009 der Europäische Rat beim EU-Klimaziel für 2050 explizit auf den Vierten Sachstandsbericht des IPCC bezogen – auf jene Reduktions-Vorgabe um 80 bis 95 Prozent, die jetzt fehlt.

 
Lesen Sie hier Teil 2: Die Maßnahmen
 

"Gravierende Änderungen der Investitionsmuster"