IPCC-Arbeitsgruppe 3: Bericht, Donnerstag, 17. April 2014 11:47

"Gravierende Änderungen der Investitionsmuster"

"Weiter wie bisher" bedeutet 3,7 bis 4,8 Grad Erwärmung bis 2100, so der Befund der IPCC-Arbeitsgruppe 3. Noch aber kann es gelingen, die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, sagen die Wissenschaftler. Die Zusammenfassung für Entscheidungsträger gibt dafür auch detaillierte Empfehlungen – Teil 2: Die Maßnahmen.

Eine Analyse der Redaktion

Fast 10.000 Studien wurden für den dritten Teilbericht ausgewertet, nahezu 1.200 Entwicklungsszenarien analysiert. Und der Befund (siehe Teil 1) des dritten Teilberichts, der am Sonntag in Berlin vorgestellt wurde, fällt dramatisch aus: Steigen die Emissionen weiter mit der gegenwärtigen Geschwindigkeit, bedeutet das einen Zuwachs der Globaltemperatur um 3,7 bis 4,8 Grad bis 2100 gegenüber der vorindustriellen Zeit. Aber die Wissenschaftler sagen auch: Noch können wir das Zwei-Grad-Ziel schaffen, die Erderwärmung also beherrschbar für die Menschheit halten.

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Befund: Zwischen der Ölkrise im Jahr 1973 haben sich die jährlichen Kohlendioxid-Emissionen aus der Verbrennung fossiler Energieträger und der Industrieproduktion (gelbe Fläche) verdoppelt. (Grafik: IPCC)

Die "Zusammenfassung für Entscheidungsträger" nennt zahlreiche Handlungsoptionen. Neu im Vergleich zum Vierten Sachstandsbericht von 2007 sind ein eigenes Kapitel zur Stadtentwicklung und zum Gebäudebereich: Städtische Gebiete sind schon heute für mehr als die Hälfte der weltweiten Emissionen verantwortlich, und bis 2050 wird die Bevölkerung dort weiter stark zunehmen – und damit die Atmosphärenlast. Die Technologien seien vorhanden, um den Endenergieverbrauch zu stabilisieren und deutlich zu senken, schreiben die Autoren. Dagegen würde sich bei einem "Weiter so" die im Gebäudebereich eingesetzte Energie verdoppeln – und damit die Treibhausgasemissionen. Um dieses Horrorszenario zu verhindern, sei folgendes notwendig: die energetische Sanierung des Gebäudebestandes, ein stärkerer Einsatz regenerativer Energien und die Einführung von Energieeffizienzstandards im Baurecht.

Überhaupt ist Energieeffizienz ein Schlüssel, der sich durch alle Empfehlungen des IPCC zieht: Energiesparen durch technische Effizienzfortschritte und Verhaltensänderungen der Verbraucher sei eine "Schlüsselstrategie" beim Klimaschutz, schreiben die Wissenschaftler in der Zusammenfassung. "Emissionen können substanziell gemindert werden, wenn sich die Art der Ernährung und die Verbrauchsmuster ändern – zum Beispiel Mobilitätsnachfrage und Verkehrsmittelwahl, Energieverbrauch in Haushalten, Wahl langlebiger Produkte".

Für den Industriesektor empfehlen die Autoren beispielsweise den breiten Einsatz der bereits heute verfügbaren effizientesten Technologie: Derart könnte die Energieintensität der Produktion um ein Viertel gegenüber dem heutigen Niveau gesenkt werden – entsprechend könnten die Emissionen und die Energiekosten für die Produzenten sinken. Allein durch mehr Energieeffizienz in der Industrie könne der weltweite Treibhausgas-Ausstoß um 20 Prozent sinken, schreibt die Arbeitsgruppe 3.

Erneuerbare reif für groß angelegten Einsatz

Das größte Klimaschutz-Potenzial schreiben die Wissenschaftler des Weltklimarates dem Sektor der Energieproduktion zu. Stromerzeugung aus Kohle müsse bis Ende des Jahrhunderts auslaufen, falls bis dahin nicht flächendeckend die – allerdings umstrittene und kostspielige – CCS-Technologie eingesetzt werden könne. Viele Erneuerbare-Energie-Technologien, lobt der Weltklimarat, sind seit 2007 leistungsfähiger und billiger geworden. Wörtlich heißt es: "Eine wachsende Zahl von Erneuerbaren-Technologien haben einen Reifegrad erreicht, der einen groß angelegten Einsatz erlaubt." Trotzdem brauchen Sonne, Wind und Co weiterhin politische und finanzielle Unterstützung, urteilt der IPCC.

Erdgaskraftwerken schreiben die Wissenschaftler die Funktion einer "sinnvollen Brückentechnologie" zu. Die Atomkraft wird im Bericht zwar als ausgereifte Technologie bezeichnet, die theoretisch eine zunehmende Menge Treibhausgas-armer Elektrizität liefern könnte. Allerdings bestünden "zahlreiche Hindernisse und Risiken", etwa die Gefahr schwerer Atomunfälle, Umweltverschmutzung durch Uranabbau, die ungelöste Abfallentsorgung und die Gefahr der Verbreitung von Atomwaffentechnologie.

Im Verkehr ist laut Bericht kurzfristig eine deutliche Emissionsminderung durch Effizienzsteigerungen erreichbar, beispielsweise durch eine Senkung des Kraftstoffverbrauchs von Pkw. Als langfristige Maßnahmen empfehlen die Wissenschaftler des Weltklimarats den Wechsel zu anderen Verkehrsmitteln – etwa Hochgeschwindigkeitszüge statt Kurzstreckenflüge – und Änderungen in der Stadtentwicklung, die beispielsweise den Anteil von Fahrrad- und Fußgängerverkehr steigen lassen. Eine Kombination aus Struktur- und Verhaltensänderungen kann demnach die Verkehrsemissionen bis 2050 um 20 bis 50 Prozent senken. Dagegen sind die Potenziale von Elektro- und Wasserstoff-Autos sowie von Biokraftstoffen nach Einschätzung der IPCC-Wissenschaftler unsicher.

Der Treibhausgasausstoß der Land- und Forstwirtschaft ist seit dem Vierten Sachstandsbericht 2007 bereits gesunken. Allerdings beschreiben die Forscher in diesem Bereich die Unsicherheiten bei der Erfassung der Emissionen als recht groß. Sie sehen Potenzial für mehr Klimaschutz beispielsweise durch besseren Wald- und Bodenschutz sowie Umstellungen bei der Ernährung (was bedeutet: weniger Fleischkonsum und -produktion). Auch in diesem Bereich müssen die Emissionen bis Mitte des Jahrhunderts weiter sinken, so die Arbeitsgruppe 3.

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Zwischen diesen Varianten der Zukunft kann sich die Menschheit entscheiden: RCP8.6 heißt das Szenario mit ungebremsten Emissionen (oberste schwarze Linie), es führt langfristig zu einem CO2-Gehalt in der Atmosphäre von mehr als 1.000 ppm, was einen Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur um mehr als vier Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter bedeuten dürfte. Die beiden Szenarien mit moderatem Klimaschutz (die beiden mittleren schwarzen Linien) ergäben Werte zwischen 580 und 1.000 ppm beziehungsweise etwa 2,3 bis 3,7 Grad Celsius Temperaturanstieg. Nur im Szenario RCP2.6 (unterste schwarze Linie) ist es wahrscheinlich, den Temperaturanstieg auf höchstens zwei Grad zu begrenzen – allerdings müssten dafür die Emissionen schon ab etwa dem Jahr 2020 sinken. (Grafik: IPCC)

Die Wissenschaftler weisen die Politiker auch auf konkrete Politikinstrumente hin: "Substanzielle Emissionsminderungen würden große Veränderungen in den Investitionsmustern erfordern", schreiben sie zum Beispiel. Investitionen in konventionelle fossile Kraftwerke oder auch in die Erdölförderung müssten drastisch sinken, wenn mit Klimaschutz Ernst gemacht werden soll, jene in die Treibhausgas-arme Energieerzeugung müssten dagegen bis 2030 auf rund 150 Milliarden Dollar jährlich verdoppelt werden. Zum Vergleich: Jahr für Jahr werden weltweit etwa 1.200 Milliarden Dollar in das gesamte Energieversorgungssystem investiert.

Eine besonders wirksame Maßnahme (die noch dazu öffentliche Gelder einsparen würde) ist der Abbau von Subventionen für fossile Energien. Laut einer Studie der Weltbank lagen die Subventionen für Erdöl, Kohle und Co im Jahr 2011 bei 480 Milliarden US-Dollar. Förderlich wäre drittens Kostenwahrheit, die beispielsweise mit  Kohlendioxid-Steuern oder einem funktionierenden Emissionshandel herzustellen wäre (wobei im IPCC-Bericht die Vorzüge von Steuern gegenüber einem Emissionshandel hervorgehoben werden). All dies würde dabei helfen, der Energieeffizienz und den erneuerbaren Energien zum Durchbruch zu verhelfen.

Ohrfeige für die Bundesregierung

Viertens müsste bei der Stromversorgung jener 1,3 Milliarden Menschen, die bisher keinerlei Zugang zu Elektrizität haben, auf erneuerbare Energien gesetzt werden. Und dann kommt eine Empfehlung, die für die deutsche Bundesregierung wie ein Schlag ins Gesicht wirken muss: "Der Privatsektor spielt eine entscheidende Rolle bei der Finanzierung von Klimaschutzmaßnahmen" – daher seien die Rahmenbedingungen so zu setzen, dass passende Anreizstrukturen etabliert werden. Dagegen bringt das Kabinett Merkel gerade eine EEG-Reform auf den Weg, die es den bisher wichtigsten Investoren – Bürgern und Genossenschaften – viel schwerer macht.

Die alles entscheidende Aufgabe ist für die Wissenschaftler aber die internationale Kooperation: Ohne weltweites Klimaschutzabkommen könne der Kampf gegen die Erderwärmung nicht gewonnen werden. Die Wissenschaftler machen deutlich, dass effektive Emissionsminderungen nicht möglich sind, wenn Staaten nur ihre Einzelinteressen verfolgen.

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Im Jahr 2010 emittierte die Menschheit 49 Gigatonnen Kohlendioxid-Äquivalent. Bisher gibt es noch keine offizielle Zahl für 2013, aber zuletzt kamen jährlich 2,2 Prozent hinzu. (Grafik: IPCC)

Doch selbst wenn dies alles umgesetzt werden würde – die Wissenschaftler erläutern in ihrem Bericht auch, dass es bereits zu spät ist, ausschließlich auf die Vermeidung von Treibhausgasen zu setzen. Die umstrittene Abscheidung und unterirdische Verpressung von Kohlendioxid – kurz CCS – müsse in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts einsatzbereit sein, um der Atmosphäre einen Teil jener Klimaschuld wieder zu entziehen, die wir heute produzieren. Notwendig sei auch eine großflächige Aufforstung, um Kohlendioxid zu binden. Welche Kapazitäten es für CCS gibt, wie groß die Flächen zur Aufforstung sein sollen – dazu sagt der IPCC in seiner Zusammenfassung für die Politik nichts.


Lesen Sie hier Teil 1:
Sachstands-Kapitel 3: Der Befund des Weltklimarates