IPCC-Arbeitsgruppe 3: Bericht, Donnerstag, 19. Juni 2014 13:41

"Die Sätze wurden übel zugerichtet"

Was macht ein Ethik-Professor aus Oxford beim Weltklimarat? Er staunt über die Abläufe und erzürnt sich darüber, wie die Staatenvertreter die Zusammenfassung des IPCC-Reports für politische Entscheidungsträger verstümmeln. Ein Augenzeugenbericht über die Mitarbeit am Fünften Sachstandsbericht des IPCC. – Teil 1.

Von John Broome, Ethik-Professor an der Universität Oxford

Der Klimawandel ist ein moralisches Problem. Jeder von uns verursacht Treibhausgase, die Menschen schaden, die weit weg wohnen, und Menschen, die lange nach uns geboren werden. Als Folge des Klimawandels verlieren bereits heute Menschen ihre Häuser durch Stürme und Überschwemmungen. Sie verlieren die Existenzgrundlage, wenn ihr Ackerland vertrocknet. Und sie verlieren sogar ihr Leben, wenn sich Tropenkrankheiten etwa in Bergregionen in Afrika ausbreiten, wo sie bisher unbekannt waren.

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Der britische Philosoph und Ökonom John Broome, Jahrgang 1947, hat sich in Veröffentlichungen wie "Counting the Cost of Global Warming" (1992) oder "Climate Matters: Ethics in a Warming World" (2012) mit dem Klimawandel beschäftigt. (Foto: privat)

Der IPCC erkennt an, dass der Klimawandel ein moralisches Problem ist. Oder um dessen vorsichtige Sprache zu verwenden: Klimawandel "wirft ethische Fragen auf". Deshalb waren unter den Autoren des kürzlich erschienenen Fünften Sachstandsberichts des IPCC auch zwei Philosophen. Ich bin einer von ihnen. Seit 2011 bin ich Mitglied der Arbeitsgruppe 3 des IPCC. Die Schlussberatungen unserer Arbeitsgruppe im April in Berlin waren eine der außergewöhnlichsten Erfahrungen meiner akademischen Laufbahn.

Während der vergangenen drei Jahre, in denen ich für den IPCC arbeitete, habe ich viele Erfahrungen gemacht, die nicht typisch sind für das Leben eines Philosophen. Da sind zum einen die Reisen: Um den Klimawandel zu bekämpfen, hält der IPCC es für notwendig, Treffen in abgelegenen Ecken der Welt abzuhalten. Der IPCC hat wenig Geld. Treffen finden deshalb überall dort statt, wo eine Regierung anbietet, das Treffen zu finanzieren. Ich war auf Versammlungen in Lima, Changwon (Südkorea), Wellington und Addis Abeba. In Europa brachte mich der Weltklimarat nach Vigo (Spanien), Genf, Oslo, Utrecht, Berlin und Potsdam. Kuala Lumpur und Kopenhagen kommen noch. Ich hoffe, dass die anderen Autoren die durch ihre Reisen entstehenden Emissionen kompensieren. Ich habe das Glück, dass die britische Regierung meine Emissionen ausgleicht. All das Reisen macht nicht viel Spaß; die Arbeit im IPCC ist erbarmungslos und ich hatte wenig Zeit, um die Orte, an denen ich war, zu erleben.

Herausforderung: Einen Text schreiben mit 15 weiteren Wissenschaftlern

Dann gibt es das kollektive Schreiben. Vor meiner Arbeit beim Weltklimarat war meine einzige gemeinschaftliche Arbeit ein kurzer Artikel, den ich zusammen mit einem anderen Philosophen schrieb. In Changwon fand ich mich in einem Raum mit fünfzehn anderen Autoren verschiedener Disziplinen, mit denen gemeinsam ich ein Kapitel des IPCC-Berichts schreiben sollte.

Viele von ihnen waren zunächst verwirrt ob der Anwesenheit von Philosophen. Ihnen war unklar, was unsere Disziplin mit ihrer Arbeit zu tun haben könnte. Ich rechnete mit einigen Konfrontationen. Ich dachte, einige Ökonomen könnte insbesondere meine philosophische Perspektive auf die Wirtschaftswissenschaften verärgern. Aber tatsächlich waren meine Kollegen tolerant und bereit zur Zusammenarbeit. Wir einigten uns. Es gelang mir, in dem Kapitel einige Punkte über die Ethik des Klimawandels unterzubringen, die ich für sehr wichtig erachte.

Doch der gesamte Schreibprozess war erschöpfend und anstrengend. Drei Entwürfe brauchte es bis zur endgültigen Version. Jede wurde für Kommentare an eine sehr große Zahl von Menschen geschickt, darunter akademische Experten und Regierungsvertreter. Uns Autoren wurde abverlangt, dass wir jeden Kommentar zu Kenntnis nehmen und für jeden einzelnen notieren, was wir damit angefangen haben. Auf diese Weise beschäftigte ich mich mit über 600 Kommentaren, die IPCC-Arbeitsgruppe 3 befasste sich insgesamt mit mehr als 38.000. Das Ziel war eine möglichst breite Übereinstimmung über den Kenntnisstand zum Klimawandel. Ich glaube, dass wir das geschafft haben. Das bedeutet zwangsläufig, dass wir in unseren Urteilen zurückhaltend sein mussten.

Das Ergebnis ist ein 2.000 Seiten umfassender Bericht, der bereits im Internet veröffentlicht worden ist. Weil niemand einen Bericht dieses Umfangs lesen wird, haben wir in den letzten Monaten viel Mühe in das Schreiben von zwei Zusammenfassungen gesteckt. Eine Untergruppe von Autoren aus der Arbeitsgruppe 3 hat sie in den letzten acht Monaten ausgearbeitet. Die vollständigere und zuverlässigere Zusammenfassung hat den unglücklichen Titel "Technische Zusammenfassung" (Technical Summary, TS). Der Name schreckt Menschen vom Lesen ab, aber in Wirklichkeit ist der Bericht nicht besonders technisch. Er ist einfach eine Zusammenfassung des Hauptberichts.

Bei der "Summary" geht es um jeden einzelnen Satz

Die kürzere, 30-seitige, bekannt als Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger (Summary for Policymakers, SPM) zieht mehr Aufmerksamkeit auf sich – aber unterliegt politischem Einfluss. Die enorme Kürze der SPM bedeutet, dass es auf jeden einzelnen Satz ankommt. Bei der Ausarbeitung verteidigten wir Autoren unsere Lieblingssätze. Bis die Zusammenfassung geschrieben wurde, hatte sich ein festes Bündnis gebildet zwischen den Ökonomen und mir, dem letzten beteiligten Philosophen. Uns war gemein, dass wir Forschungsdisziplinen angehören, die sich mit Werten befassen.

Einige IPCC-Kollegen scheinen anzunehmen, dass Werte nicht Gegenstand wissenschaftlicher Analyse sein können und politischen Prozessen überlassen werden sollten. Dabei befassen sich Wirtschaftswissenschaft und Moralphilosophie ausführlich mit Werten: Moralphilosophen auf der Ebene grundlegender ethischer Prinzipien und Ökonomen auf der Ebene der Anwendung auf komplexe Situationen. Ich war sehr erfreut, starke Unterstützung für eine ethische Analyse vom Weltklimarat zu erhalten. Dies ist einer der Hauptpunkte, in denen der Fünfte Sachstandsbericht über frühere Berichte hinausgeht. Mehrere Sätze über Ethik überlebten die aufeinanderfolgenden Stufen der Überarbeitung und schafften es bis in den SPM-Entwurf, der den Regierungen der IPCC-Mitgliedsstaaten schließlich in Berlin in der Genehmigungssitzung vorgestellt wurde.

Die ganze Idee dieser Genehmigungssitzung ist außergewöhnlich. Jeder einzelne Satz der SPM muss von den Regierungsvertretern entweder genehmigt oder abgelehnt werden. In dem riesigen Plenarsaal wird der Entwurf Satz für Satz auf eine Leinwand projiziert. Kommt ein Satz an die Reihe, fragt der Vorsitzende die Delegierten nach Kommentaren und Änderungsvorschlägen. Die Regierungsvertreter schlagen Änderungen vor, und die Autoren prüfen dann, ob deren Formulierung mit dem zugrunde liegenden ausführlichen Bericht übereinstimmen. In der Regel wird ein Satz nur genehmigt, wenn er durch den Hauptbericht gestützt ist. Und auch das nur, wenn es unter den Delegierten einen Konsens darüber gibt. Ist das Feilschen um einen Satz beendet und ein Konsens erzielt, lässt der Vorsitzende den Hammer fallen. Der genehmigte Satz wird auf der Leinwand grün markiert – und die Diskussion des nächsten Satzes beginnt. Nur sehr langsam breiten sich die grünen Markierungen in dem Bericht aus. Fünf Tage – Montag bis Freitag – sind für die Genehmigung der kompletten 30 Seiten auf diese Weise vorgesehen.

Der Text wurde an vielen Stellen fast substanzlos

Im Ergebnis wird der Text von mehreren hundert Menschen bearbeitet. Nach Berlin hatten 107 Staaten Delegationen unterschiedlicher Größe entsandt. Aus Saudi-Arabien zum Beispiel, heißt es, seien zehn oder mehr Vertreter vor Ort gewesen. Die Delegierten kommen mit politischen Interessen, die sich häufig diametral gegenüberstehen. Darüber hinaus stecken ihre Regierungen bereits mitten in den Verhandlungen zur Vorbereitung des großen Weltklimagipfels, der im kommenden Jahr in Paris stattfindet. Der Wortlaut der SPM ist für die Regierungsvertreter von zentraler Bedeutung, da er in Paris zitiert werden könnte. In unseren IPCC-Treffen behandelten die Regierungen die SPM, als sei sie weniger ein wissenschaftlicher Report als ein Gesetzestext. Einerseits war es ja schmeichelhaft, dass so viele Regierungen unserer Arbeit so große Aufmerksamkeit schenkten. Andererseits waren die Folgen ihrer Aufmerksamkeit häufig äußerst ärgerlich. Um Konsens herzustellen, wurde der Text an vielen Stellen ungenauer und sein Inhalt so weit abgeschwächt, dass bisweilen kaum Substanz blieb.

Einmal drückte ein Delegierter aus Südsudan seine Anerkennung für die harte Arbeit der Autoren aus. Er sagte, dass der Report eine sorgfältige und genaue Erfassung des Wissens zum Klimawandel sei. Die Delegierten sollten sehr behutsam mit Veränderungen sein. Es war erfreulich, dass sich die junge Nation Südsudan mit allen ihren Schwierigkeiten die Mühe gemacht hatte, einen Delegierten zu schicken. Ich wünschte, man hätte auf ihn gehört.

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Aus der Zusammenfassung geflogen: Die Grafiken (vergrößern) zeigen die Treibhausgasemissionen seit 1750 nach Ländergruppen. Im Bild links ist deutlich zu erkennen, dass die Emissionen der Schwellenländer (hellblaue Kurve) zuletzt stark gestiegen und inzwischen auf Niveau der Industriestaaten (dunkelblaue Kurve) sind. (Abbildung: IPCC AR5, WGIII, Technical Summary, Figure TS.4)

In Wahrheit hielten sich die Regierungsvertreter kaum mit Änderungsvorschlägen zurück und hatten ganz offenbar wenig Interesse, überhaupt fertig zu werden. Sie schienen glücklich darüber zu sein, die Zeit des Plenums zu verschwenden. Eine Delegation änderte, nachdem sie eine minutenlange Diskussion provoziert hatte, die Formulierung "erreicht den Höchststand in der ersten Hälfte des Jahrhunderts" in "erreicht den Höchststand vor 2050". Da war es fast Donnerstag Mitternacht, der vierte von fünf Tagen – und drei Viertel des Textes mussten noch abgestimmt werden.

Teil 2: "Die Drohungen der Staaten schreckten uns nicht"

John Broome ist Ethik-Professor an der Universität Oxford und Autor eines Standardwerks über moralische Fragen des Klimawandels. Vor drei Jahren berief ihn der IPCC in das Autorenteam für den Fünften Sachstandsbericht. Er ist Hauptgutachter in der Arbeitsgruppe 3. Der Text erschien zuerst in gekürzter Fassung bei London Review of Book unter dem Titel "At the IPCC".

Übersetzung: Sandra Kirchner und Toralf Staud