IPCC-Arbeitsgruppe 3: Bericht, Montag, 23. Juni 2014 13:00

"Die Drohungen der Staaten schreckten uns nicht"

Dreieinhalb Tage für eine Seite Text: Das Feilschen der Regierungsvertreter um jeden Satz macht aus den Sitzungen zur Zusammenfassung des IPCC-Reports für politische Entscheidungsträger einen destruktiven Prozess. Ein Augenzeugenbericht über die Mitarbeit am Fünften Sachstandsbericht des IPCC. – Teil 2

Von John Broome, Ethik-Professor an der Universität Oxford

Der Abschnitt der SPM, an dem ich beteiligt war (siehe Teil 1), kam schon früh im Sitzungsverlauf an die Reihe. Es war schnell offensichtlich, dass er nicht in der Vollversammlung, in der alle Delegierten saßen, vereinbart werden würde. So wurden die Autoren des betreffenden Abschnitts als sogenannte "Kontaktgruppe" in einen kleineren Raum geschickt, um die Details mit mehreren Ländern zu verhandeln. Wir arbeiteten dreieinhalb Tage an einer Seite Text. Die Treffen dauerten jeden Tag von 8 Uhr morgens bis Mitternacht, es gab kaum Pausen zum Essen. Aus einer Seite wurden drei. Die Regierungsvertreter machten Anmerkungen. Wir Autoren zogen uns zurück, um den Text auf Basis der Kommentare umzuschreiben. Die Delegierten machten weitere Anmerkungen. Wir schrieben wieder um. Und so weiter. Mehrere Delegierte schickten ihren Regierungen Fotos vom gerade verhandelten Text auf der Leinwand und nahmen per Telefon Anweisungen entgegen.

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John Broome. Der britische Philosoph und Ökonom, Jahrgang 1947, hat sich in Veröffentlichungen wie "Counting the Cost of Global Warming" (1992) oder "Climate Matters: Ethics in a Warming World" (2012) mit dem Klimawandel beschäftigt. (Foto: privat)

Während einer kurzen Pause am Mittwochabend bildete sich in einer Ecke des Raumes ein Pulk von Delegierten. Sie versuchten, den Text unter sich auszumachen. Wir Wissenschaftler, die als Autoren der finalen Version genannt wurden, waren nur Zuschauer. Die USA riefen einen höherrangigen Delegierten hinzu. Die Kernfrage war, ob wir ein "Recht auf Entwicklung" erwähnen sollten, wie es die Entwicklungsländer forderten. Schließlich wurden uns einige Sätze präsentiert, von denen es hieß, dass die Industrieländer sie ablehnen würden – außerdem ein paar alternative Sätze, über die gesagt wurde, die Entwicklungsländer würden sie ablehnen. Als der hohe US-Beamte den Raum wieder verließ, riet uns ein Delegierter unter vier Augen, nicht allzu weit von seiner Version des Textes abzuweichen, weil seine Delegation kurz davor sei, den gesamten Abschnitt zu streichen.

Die Drohungen der Staaten schreckten uns nicht

Das war der Moment, in dem ich die Veranstaltung zu genießen begann. Denn die Drohung schreckte uns nicht. Wir wiesen auf eine Kleinigkeit hin: Würde unser Absatz gestrichen, wären wir nicht mehr Autoren der SPM. Wir wären dann nicht mehr an die Regeln des IPCC gebunden und könnten über alles völlig frei mit der Presse reden. Außerdem wären dann alle Ethik-Passagen aus der SPM gelöscht, was peinlich ausgesehen hätte, weil der IPCC vorher ein großes Tamtam darum gemacht hatte, erstmals ethische Aspekte in seinem Bericht zu berücksichtigen. Das schien die Delegierten irgendwie zu beruhigen.

Diese Blockade vom Mittwochabend wurde am Donnerstag in Verhandlungen hinter den Kulissen aufgelöst. Am Donnerstagabend akzeptierte die Kontaktgruppe eine Version des ganzen Abschnitts. Wir brachten den Text zurück ins Plenum. Als die Passage schließlich um 1.20 Uhr am frühen Freitagmorgen aufgerufen wurde, ging sie in ein paar Minuten ohne Widerstand durch. Beifall erfüllte den Raum. Es war das erste Stück Text überhaupt, das ohne Diskussion im Plenum gebilligt wurde. Einige kurze Absätze über Ethik überlebten den ganzen Weg bis zur endgültigen, beschlossenen Version der SPM. Sie wurden übel zugerichtet und ihr Inhalt verringert, aber sie sind nicht komplett inhaltsleer. Wir hatten Glück. Einige Abschnitte wurden in Stücke gerissen, weil die unterschiedlichen Ansichten der Delegationen unvereinbar waren.

Das größte Drama entfaltete sich in der letzten Nacht, als es um die Streichung einiger Grafiken ging. Der Entwurf der SPM, der den Delegierten vorgestellt wurde, enthielt Zahlen, die die Treibhausgasemissionen von Staaten nach "Einkommensgruppen" klassifizierte. Die Zahlen zeigten, dass in den vergangenen zehn Jahren die Emissionen bei Ländern mit Nationaleinkommen im oberen mittleren Bereich stark gestiegen waren. Es ist offensichtlich, dass dies eine für politische Entscheidungsträger wichtige Information darstellt. Denn sie hilft zu erklären, warum trotz aller Sorge um den Klimawandel die Emissionen in letzter Zeit immer schneller zugenommen haben. Dennoch bestand eine Länderkoalition unter Führung von Saudi-Arabien darauf, alle Grafiken zu streichen, in denen Länder nach den erwähnten Einkommensgruppen eingeteilt wurden. Andere Länder widersprachen heftig, konnten aber nichts ausrichten, weil für die gesamte SPM ein Konsens erforderlich ist.

Die Wissenschaftler machten einen Vorschlag: Man könnte in der SPM einfach auf die entsprechenden Stellen der Langfassung des IPCC-Reports und der Technischen Zusammenfassung verweisen, von wo die umstrittenen Grafiken ja stammten. Saudi-Arabien protestierte und wollte tatsächlich alle Verweise auf alle Teile des Hauptberichts streichen, die überhaupt "Einkommensgruppen" erwähnten. Die Niederlande schlugen daraufhin vor, an die Stelle der gelöschten Schaubilder eine Fußnote dieser Art einzufügen: "Die Niederlande beanstanden die Streichung von Verweisen auf die folgenden Abbildungen ...", gefolgt von einer Liste der gelöschten Abbildungen. (Fußnoten, die Einwände von einzelnen Ländern vermerken, sind laut IPCC-Statuten zulässig.) Ich hielt das für eine entzückende Idee, und sie hob tatsächlich die Stimmung, führte aber zu nichts. Die Frage, was mit den Verweisen zu den Langtexten des Berichts zu tun sei, blieb ungeklärt. Viele Länder widersetzen sich der Löschung, viele unterstützten sie.

Die Uhr zeigte 4.15 Uhr in der Früh. Eine Pause wurde ausgerufen. Delegierte sammelten sich zu einem Haufen, um das weitere Vorgehen zu beraten. Ich schaute mir das Ganze vom Rande aus an. Es dominierten lächelnde Gesichter, nur einmal bemerkte ich eine entschieden undiplomatische Entgleisung, kurz bevor Brasilien dem Plenum einen neuen Vorschlag präsentierte. Man möge jedes Kapitel des Hauptberichts, in dem Länder nach Einkommensgruppen klassifiziert werden, um eine Anmerkung ergänzen. Diese solle aussagen, dass Einkommensgruppen aus der wissenschaftlichen Perspektive relevant seien, aber nicht unbedingt relevant für politische Entscheidungsträger. Dieser Vorschlag hatte aber den Haken, dass es der ausdrückliche Daseinszweck des IPCC ist, politik-relevante Informationen zu erarbeiten. Der IPCC konnte keinem Vorschlag zustimmen, der feststellte, dass er seinem Auftrag nicht gerecht wird. Im übrigen verbieten es die Regeln des IPCC, dass die Regierungen Einfluss auf die Langtexte der Sachstandsberichte nehmen.

Die Kompromissideen waren erschöpft. Am Ende setzte sich Saudi-Arabien bei den Fußnoten vollständig durch. Alle Verweise in der SPM zu Kapiteln des Hauptberichts, die Einkommensgruppen erwähnen, wurden gestrichen.

Hauptbericht blieb vom destruktiven Prozess unberührt

Samstagmorgen, 7.30 Uhr, hatte sich die grüne Farbe über den gesamten verbliebenen Text ausgebreitet, und das Treffen endete. Diese letzte Sitzung hatte um 9 Uhr am Freitag begonnen und war nur zweimal für Essenspausen von insgesamt eineinhalb Stunden unterbrochen worden.

Den Hauptbericht und die Technische Zusammenfassung berührte der destruktive Prozess dieser Genehmigungssitzung nicht. Sie machen weiterhin alle Informationen öffentlich zugänglich, die aus der SPM getilgt wurden. Wegen ihres Entstehungsprozesses muss die Summary for Policymakers als teilweise politisches Dokument angesehen werden. Zwar enthält sie nichts, was nicht von den Wissenschaftlern abgesegnet wurde – doch es wurde vereitelt, dass sie ein vollständiges Bild davon gibt, wie die Forschung den Klimawandel einschätzt. Die gelöschten Informationen wären nötig, um eine gute Klimapolitik zu machen.

Hätten wir die Zensur verhindern können?

Hätten wir Autoren die Zensur verhindern können? Möglicherweise. Der IPCC ist auf unsere lange, harte, ehrenamtlich erbrachte Arbeit angewiesen, und er zieht einen Teil seiner Autorität aus der Nutzung unserer Namen als Autoren. Hätten wir Wissenschaftler gemeinsam gedroht, unsere Namen zurückzuziehen, hätten wir womöglich etwas bewirken können. Aber um 4.30 Uhr in der Früh, mit Autoren, die im Konferenzraum verstreut waren und zum Teil auch nicht mehr ganz wach, war eine Widerstandsfront nicht zu organisieren.

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Die Staatenvertreter feilschen um jeden Satz, während überall auf der Welt bereits Menschen unter den Folgen des Klimawandels leiden. Hier: Überschwemmung in der thailändischen Hauptstadt Bangkok. (Foto: Digitalglobe)

Ich beendete das Verfahren mit Wut auf die Zensur, Zufriedenheit ob der Erwähnungen von Ethik im IPCC-Bericht und Erstaunen über die Abläufe. Ich möchte die Erfahrungen um keinen Preis der Welt missen.

John Broome ist Ethik-Professor an der Universität Oxford und Autor eines Standardwerks über moralische Fragen des Klimawandels. Vor drei Jahren berief ihn der IPCC in das Autorenteam für den Fünften Sachstandsbericht. Er ist Hauptgutachter in der Arbeitsgruppe 3.

Der Text erschien zuerst in gekürzter Fassung bei London Review of Book unter dem Titel "At the IPCC".

Teil 1: "Die Sätze wurden übel zugerichtet"

Übersetzung: Sandra Kirchner und Toralf Staud