IPCC-Arbeitsgruppe 3: Bericht, Sonntag, 13. Juli 2014 11:14

Wie die Wirtschaft mit "Schattenpreisen" kalkuliert

Kommt irgendwann die Klimakatastrophe oder werden noch Maßnahmen ergriffen, um sie abzuwenden? Aus Sicht kleiner Inselstaaten ist das eine existenzielle Frage. Für Großkonzerne ist das eher ein buchhalterisches Problem, dem mit sogenannten Schattenpreisen für CO2 begegnet werden kann.

Aus Phnom Penh Christian Mihatsch

Der Klimawandel sei der schwerwiegendste Fall von Marktversagen, den es je gegeben hat, sagt der Klimaökonom Nicholas Stern. Weil die Freisetzung von CO2 nichts oder zu wenig kostet, wird zu viel davon emittiert. Doch dem Problem lässt sich abhelfen, entweder mit einer Steuer auf CO2-Emissionen oder mit einem wirksamen Handelssystem, wie es einst mit dem EU-Emissionshandel angedacht war. Doch was, wenn es weder eine Kohlendioxid-Steuer noch ein Handelssystem gibt, wie in den USA? 

Bild
Der Ölkonzern Shell gehört zu den Unternehmen, die mit internen CO2-Schattenpreisen kalkulieren. (Foto: Michael Schulze von Glaßer)

Dann besteht eine Unsicherheit, ein "regulatorisches Risiko". Denn der Gesetzgeber könnte ja in Zukunft einen CO2-Preis anordnen. Und die Wahrscheinlichkeit, dass er das tut, wird mit jedem Extremwetterereignis größer. Zudem zeigt Studie auf Studie, dass Klimaschutz billiger ist als eine Klimaerwärmung um mehr als zwei Grad. Klimaschutz könnte gar für mehr Wirtschaftswachstum sorgen, wie zuletzt eine Weltbankstudie zeigte. Kurz, es wird immer wahrscheinlicher, dass die Politik die Klimakrise ernst nimmt und Gegenmaßnahmen ergreift.

Um diesem "Risiko" bei Investitionen und im operativen Geschäft gerecht zu werden, benutzen rund 100 Großkonzerne einen internen CO2-Preis, einen "Schattenpreis", wie das Forschungsinstitut CDG in Wien herausgefunden hat. Viele Firmen betrachten diesen "Preis" als Geschäftsgeheimnis, aber einige haben ihren veröffentlicht. Die Preise sind sehr unterschiedlich und reichen von sechs Dollar (Microsoft) über 14 (Google) bis zu 60 US-Dollar (Exxon Mobil). Dabei lassen sich grob zwei Gruppen erkennen: Energiekonzerne und der "Rest". Energiekonzerne nutzen relativ hohe Schattenpreise zwischen 40 und 60 Dollar, während die anderen, vor allem Dienstleister, mit sechs bis 20 Dollar rechnen.

Zwei Drittel der fossilen Reserven müssen in der Erde bleiben

Das erklärt sich aus dem Planungshorizont der Firmen und dem Ziel der Maßnahme. Nicht-Energiekonzerne wie Microsoft haben meist vor, klimaneutral zu werden. Der Schattenpreis dient dann dazu, konzerninterne Energiesparmaßnahmen zu fördern und externe Klimaschutzprojekte zu finanzieren, mit denen die restlichen Emissionen kompensiert werden.

Bei den Energiekonzernen hingegen ist nicht ganz klar, welche Bedeutung die Schattenpreise haben. Zum einen dienen sie natürlich dazu, die konzerninternen CO2-Emissionen etwa beim Abfackeln von Gas zu bewerten. Für eine Firma, die mit einem Schattenpreis rechnet, lohnt sich eine Investition in die Nutzung dieses Gases eher. Aber was würde mit der Nachfrage nach Öl, Gas oder Kohle passieren, wenn tatsächlich ein CO2-Preis von 40 bis 60 Dollar pro Tonne eingeführt würde?

Oder aus anderer Sicht gefragt: Was passiert, wenn die Welt wirklich versucht, die Klimaerwärmung auf zwei Grad zu begrenzen? Diese Frage versucht das Forschungsinstitut Carbon Tracker Initiative (CTI) zu beantworten. Um das Zwei-Grad-Limit einzuhalten, darf die Menschheit bis 2100 noch 975 Milliarden Tonnen CO2 in der Atmosphäre "entsorgen". Doch werden alle bekannten Vorräte an fossilen Energien gefördert und verbrannt, entstehen 2.860 Milliarden Tonnen CO2. Um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen, müssten also zwei Drittel der bekannten Reserven im Boden bleiben.

Globale Klimapolitik in der Situation des "Driftens"

Das hören die Energiekonzerne ungern und gehen lieber davon aus, dass die Menschheit zu wenig gegen den Klimawandel tut. Der weltgrößte Ölkonzern, Shell, schreibt in einer Antwort auf die CTI-Berechnungen: "Wir schließen uns der Sicht des letzten IPCC-Reports an: Es gibt eine große Wahrscheinlichkeit, dass am Ende des 21. Jahrhunderts die Klimaerwärmung zwei Grad übersteigt." Für Shell befindet sich die internationale Klimapolitik in einer Situation des "Driftens" – mit nur kleinen Fortschritten, während die schwierigen Entscheidungen verschoben werden. Dabei weiß Shell: "Je länger die Periode des Driftens andauert, desto größer werden die Abschreibungen auf Reserven und Anlagen sein."

CTI-Chef Anthony Hobley fühlt sich von der Haltung des Konzerns an George Orwells Buch "1984" erinnert: "Die Ernsthaftigkeit des Klimawandels zuzugeben und gleichzeitig davon auszugehen, dass keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden, ist ein klassischer Fall von Orwellschem 'Doppeldenk'". Oder anders: Intern mit einem CO2-Schattenpreis von 40 Dollar zu kalkulieren, aber zu ignorieren, dass ein solcher Preis auch einen Einfluss auf die Nachfrage hätte, ist zumindest widersprüchlich.

Bild
Bekommen CO2-Emissionen künftig einen spürbaren Preis oder gehen die Geschäfte wie gehabt weiter? (Foto: Takver/flickr.com)

Das Konzept der Schattenpreise ist dabei eigentlich ein eleganter Ansatz, um regulatorische Risiken bei unternehmerischen Entscheidungen zu berücksichtigen. Im Fall von Energiekonzernen sollten Schattenpreise allerdings sowohl auf der Kosten- als auch auf der Ertragsseite benutzt werden. Dann stellt sich nämlich heraus, dass der Klimawandel das gesamte Geschäftsmodell der Energiekonzerne in Frage stellt – vorausgesetzt, die Länder versuchen tatsächlich das Klima zu stabilisieren.

In Deutschland rechnen übrigens BMW, BASF und der Hamburger Hafen mit einem CO2-Schattenpreis, allerdings ohne zu sagen, wie hoch dieser ist. In der Schweiz sind es die Berner Kantonalbank und Crédit Suisse.