Synthese-Kapitel: Bericht, Montag, 27. Oktober 2014 10:36

Das Zimmern am "Schluss-Stein" von AR5

Auftakt zum letzten Kapitel des Fünften Sachstandsberichts: In Kopenhagen sind heute die Staatsvertreter der IPCC-Mitgliedsländer zur Verabschiedung des 4. Kapitels zusammengetreten, des sogenannten Syntheseberichts. Die Delegierten werden mit einer Skulptur an das schmelzende Eis erinnert.

Aus Stockholm Reinhard Wolff

Zwölf riesige Eisblöcke, zusammen 100 Tonnen Inlandeis aus Grönland, schmelzen seit Sonntag auf dem Rathausplatz von Kopenhagen. Angeordnet wie das Zifferblatt einer Uhr sollen sie einen Weckruf symbolisieren: Der Klimawandel ist Realität, die Temperaturen steigen, das Eis schmilzt, der Meeresspiegel steigt.

Bild
Messbar und real: Eisschmelze in der Arktis. (Foto: Heidemarie Kassens)

"Ice Watch" heißt die Installation, mit der Ólafur Elíasson, dänisch-isländicher Künstler und Wahlberliner, sowie der in Grönland geborene Geologe Minik Rosing ihren Beitrag zur Klimadebatte liefern wollen. 100 Tonnen Eis, das ist in etwa die Menge, die die Eiskappen und Gletscher der Erde im Schnitt der vergangenen Jahre jede Hundertstelsekunde aufgrund des Klimawandels verloren haben. Die Menschen auf dem Rathausplatz sollen das Eis berühren, hofft Elíasson, "und davon berührt werden": Physisches Erleben könne so zum Instrument gesellschaftlicher Veränderung werden.

Vielleicht hat die Intention der "Ice Watch"-Urheber ja Auswirkungen auf die 600 Delegierten aus 195 Ländern, deretwegen die Installation geschaffen wurde: Die Klimaforscher und Regierungsrepräsentanten, die von Montag bis Freitag im Kopenhagener Tivoli-Kongresszentrum über die Verabschiedung des Syntheseberichts des Fünften Sachstandsberichts des Weltklimarats beraten werden. Damit wird der Fifth Assessment Report AR5, der 5. Sachstandsbericht des Weltklimarates, fertiggestellt.

Die etwa 120 Seiten, die seit dem heutigen Montag in Kopenhagen abgestimmt werden, sollen den politischen Entscheidungsträgern als Zusammenfassung dienen. Sie sind eine Synthese aus den drei bei den Treffen in Stockholm, Yokohama und Berlin zwischen September 2013 und April 2014 verabschiedeten rund 8.000 Seiten umfassenden Teilberichten: zu den wissenschaftlichen Grundlagen des Klimawandels, zu seinen Folgen und zu den möglichen ökonomischen, technologischen und politischen Maßnahmen.

Der Bericht – ein "Schlussstein"

Lars Nilsson, Umwelt- und Energiewissenschaftler und Mitglied der schwedischen Delegation, nennt es "ein Referenzdokument, auf das sie sich bei ihren politischen Beschlüssen stützen und beziehen können". Vorgestellt wird der Bericht nach Abschluss der Konferenz in der dänischen Hauptstadt am 2. November. Der Weltklimarat IPCC umschreibt ihn als "Schlussstein" – die Zusammenfassung von Einschätzungen der bislang geschehenen Klimaveränderungen mit Projektionen für die Zukunft und einer Übersicht über mögliche Risiken und Lösungen.

"Auch wenn der Text nichts anderes enthalten wird als die bisherigen Teilrapporte, ist die Zusammenfassung mehrerer Tausend Seiten keine leichte Aufgabe", meint Markku Rummukainen, Professor für Klimatologie an der Universität Lund. So sei nicht nur die Forschungsmethodik in den Natur- und Gesellschaftswissenschaften unterschiedlich, es könne auch passieren, dass einzelne Länder bestimmte Punkte hervorheben oder abschwächen wollen.

Das Gastgeberland Dänemark hat sich von einer Expertengruppe schon einmal eine Synthese des fünften IPCC-Reports für das eigene Land zusammenstellen lassen und Umweltministerin Kirsten Brosbøl spricht von einer "erschreckenden Lektüre". Wenn der globale Klimagasausstoß auf gegenwärigem Niveau verbleibe, werde danach der Meeresspiegel bis 2100 um 70 bis 80 Zentimeter steigen. In weiten Teilen Kopenhagens, das als IPCC-Konferenzort auch ausgewählt worden war, weil die EU es zur "Grünen Hauptstadt 2014" ernannt hat und die Stadt bis 2015 "CO2-neutral" sein will, würden dann Überschwemmungen Alltag sein, die jetzt noch als "Jahrhunderthochwasser" gelten.

Bild
Schmelzende Eisblöcke auf dem Rathausplatz in Kopenhagen. Ob das Eindruck auf die 600 Delegierten macht, wird sich diese Woche zeigen. (Foto: Olafur Eliasson)

Dass man sich dann auf dem Rathausplatz, auf dem in den kommenden Tagen der "Ice Watch"-Wecker schmilzt, nicht dauerhaft nasse Füsse holt, hat die Menschheit aber laut Minik Rosing immer noch selbst in der Hand: "Als Folge unseres Handelns stehen wir jetzt kurz vor dem Ende einer stabilen Klimaperiode, die Aufstieg und Wachstum unserer Zivilisationen erst möglich gemacht hat", so der Geologieprofessor von der Uni Kopenhagen. Wissenschaft und Technik hätten die Menschen in die Lage versetzt, das Klima der Erde aus dem Gleichgewicht zu bringen. "Doch inzwischen verstehen wir die Mechanismen hinter diesem Wandel und können verhindern, dass sie sich verschärfen."