Zur Geschichte des IPCC

Nirgends sonst in der Wissenschaftsgeschichte hat es ein solches Projekt gegeben: Tausende Forscher finden sich alle paar Jahre zusammen, um gemeinsam einen Bericht über den Erkenntnisstand in ihrer Disziplin zu schreiben. Doch wie ist das Projekt entstanden, wie kam es zur Gründung des IPCC?

Von Nick Reimer und Verena Kern

Begonnen hat alles mit Gro Harlem Brundtland. 1983 wird die norwegische Umweltpolitikerin zur Leiterin einer UNO-Kommission berufen, die den Zustand des Planeten untersuchen soll - die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung (WCED = World Commission on Environment and Development) mit Sitz in Genf. Ihr Auftrag: Perspektiven für eine langfristig tragfähige, umweltschonende Entwicklung bis zum Jahr 2000 und darüber hinaus aufzeigen. Im April 1987, Brundtland ist inzwischen Ministerpräsidentin ihres Landes, legt die nach ihr benannte Brundtland-Kommission ihren Abschlussbericht vor. "Our Common Future" heißt der Bericht, "Unsere gemeinsame Zukunft".

14513lpr_8426d313205bcde.jpg?v=2015-02-22 19:19:35Gro Harlem Brundtland, Jahrgang 1939, war von 1974 bis 1979 Norwegens Umweltministerin. Im Februar 1981 wurde sie als erste Frau Ministerpräsidentin des Landes; ihre Regierung scheiterte aber schon ein gutes halbes Jahr später. Von 1986 bis 1989 und 1990 bis 1996 war sie erneut Ministerpräsidentin. (Foto: Joi/Wikimedia Commons)

Das Besondere: Der Bericht formuliert erstmals das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung. Und er schlägt eine neue, integrative Politikstrategie vor. Bislang getrennt voneinander betrachtete Probleme sollen von nun an im Zusammenhang angegangen werden: die Armut in den Entwicklungsländern und die Ressourcenverschwendung und Umweltverschmutzung in den Industriestaaten, Militärausgaben, Schuldenkrise, Bevölkerungsentwicklung, Wüstenausbreitung, Ernährungssicherheit, Energieversorgung und so fort. Die Idee eines globalen, aufs Globale zielenden Ansatzes ist auf dem Tisch. Der Brundtland-Report wird zum wichtigsten Anstoß für den ersten Erdgipfel 1992 in Rio de Janeiro.

Und nicht nur das. Unter dem Stichwort "Das anhaltende Dilemma der fossilen Energien" benennt der Bericht den Klimawandel als globale Bedrohung. Durch das Verbrennen von Öl, Gas, Kohle sowie durch Entwaldung, heißt es, ist die Konzentration von CO2 in der Atmosphäre auf ein besorgniserregendes Niveau angestiegen. Die Sonneneinstrahlung wird in der Atmosphäre "gefangen", heizt den Globus auf und verändert das Klima, mit einschneidenden Folgen für Wasserversorgung, Landwirtschaft, Küstenbebauung, Infrastruktur. Wissenschaftler der Welt-Meteorologie-Organisation WMO, des UN-Umweltprogramms Unep und des Internationalen Wissenschaftsrats ICSU haben sich 1985 im österreichischen Villach getroffen und die jüngsten Erkenntnisse zu dem Phänomen zusammengetragen. Sein Name: "greenhouse effect", Treibhauseffekt.

Wie viel Sicherheit ist nötig, um zu handeln?

Noch gibt es viele Unklarheiten, wie genau das Phänomen zustande kommt, wie es wirkt, was im Einzelnen die Folgen sein werden. Mit einer Deutlichkeit, die auch knapp 30 Jahre später nichts zu wünschen übrig lässt, wirft der Brundtland-Bericht die Frage auf: "Wie viel Sicherheit sollten die Regierungen verlangen können, um endlich zu handeln? Wird es nicht zu spät sein für Gegenmaßnahmen, wenn sie weiter warten, bis die Folgen unübersehbar geworden sind?" Genau diese Fragen stellen sich auch jetzt noch, nach inzwischen schon fünf Sachstandsberichten zum Klimawandel.

Die Brundtland-Kommission erhebt die Forderungen, die auch schon die Wissenschaftler in ihrem Villach-Statement formuliert haben: Die Erderwärmung muss beobachtet, ihre Ursachen müssen erforscht werden, eine globale Konvention ist notwendig, damit alle Staaten der Welt gemeinsam gegen das Problem angehen.

Anderthalb Jahre nach Erscheinen des Berichts wird der IPCC gegründet, der Zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaänderungen (Intergovernmental Panel on Climate Change), zu deutsch: Weltklimarat. Seine Geburtsurkunde ist die Resolution 43/53 der UN-Generalversammlung vom 6. Dezember 1988. Auf Antrag von Malta beschließen die UN-Mitgliedsstaaten, dass die Welt-Meteorologie-Organisation (WMO) und das UN-Umweltprogramm (Unep) einen Ausschuss gründen sollen. Das Expertengremium hat den Auftrag, den Erkenntnisstand über den Treibhauseffekt zusammenzufassen. Und Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Die genaue Formulierung: „das Liefern international koordinierter wissenschaftlicher Bewer­tungen zu Ausmaß, zeitlicher Dimension und möglichen ökologischen und sozio-ökonomischen Auswirkungen des Klima­wandels sowie zu realistischen Reaktions­strategien“.

1990 veröffentlicht der Weltklimarat seinen ersten Sachstandsbericht (englisch: Assessment Report, abgekürzt AR). "Sachstandsbericht" ist das passende Wort, denn der IPCC erhebt selbst keine Klimadaten, er betreibt keine eigene Forschung. Er trägt lediglich zusammen, was weltweit publiziert wird, und bewertet es aus wissenschaftlicher Sicht. Er stützt sich dabei vor allem auf Studien, die einen Peer-Review durchlaufen haben, die also vor ihrer Veröffentlichung von Fachkollegen begutachtet und akzeptiert wurden.

Die Klimaforschung steht noch an ihrem Anfang

Der erste Bericht (First Assessment Report, FAR) hat zwei zentrale Aussagen: Dass die Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre durch "menschliche Aktivitäten" erhöht werden, ist demnach unstrittig. Soll die globale Temperatur nicht noch weiter steigen, muss die Emission dieser Treibhausgase umgehend um 60 Prozent reduziert werden. "Die Zeitbombe tickt", sagt der britische Meeresbiologe und IPCC-Leitautor John Woods. "Wann sie explodiert, ist schwer zu sagen, weil unsere Modelle zurzeit noch ungenau sind."

Zeitungsartikel werden zu diesem Zeitpunkt noch mit der Schreibmaschine verfasst. Die wenigen Computer in den Forschungseinrichtungen verfügen über Rechenleistung und Speicherkapazitäten, die heute lächerlich erscheinen. Die Klimaforschung steht noch an ihrem Anfang: Bohrkernarchive von den polaren Eisschilden sind ebenso rar wie Gletscherdaten aus den Anden, Satellitenaufzeichnungen der Arktis oder Wettermessreihen aus Afrika. Dafür aber ist dieser erste Sachstandsbericht des Weltklimarates erstaunlich präzise.

1995, 2001, 2007 und 2013/14 folgen die weiteren Berichte des Weltklimarates, und sie bestätigen einer nach dem anderen die grundlegenden Erkenntnisse aus Bericht 1. Mehr noch, sie lassen zur Gewissheit werden, was zunächst nur geschätzt werden konnte. Der jüngste Sachstandsbericht formuliert es schnörkellos deutlich: "Der menschliche Einfluss auf das Klima ist klar." Und: "Die Erwärmung wird sich fortsetzen, egal welches Szenario man annimmt." Denn: "Seit 800.000 Jahren hat es auf der Erde nicht mehr so viel CO2 und Methan in der Atmosphäre gegeben wie heute. Acht der zehn letzten Jahre gehören zu den zehn wärmsten seit Beginn der wissenschaftlichen Temperaturaufzeichnungen 1864."

Der erste Sachstandsbericht empfiehlt, globale Konferenzen einzuberufen

Zur Lösung des Klimaproblems empfiehlt der erste Sachstandsbericht, globale Konferenzen einzuberufen. Ganz ähnlich wie die Brundtland-Kommission das getan hat. Die UN-Generalversammlung nimmt diesen Rat an und beginnt Verhandlungen über die Klimarahmenkonvention, die 1992 von den UN-Staaten angenommen wird. 1995 tritt dann in Berlin die erste "Conference of the Parties" (COP 1) der Klimarahmenkonvention zusammen, die erste Weltklimakonferenz. Seitdem werden jährlich Klimakonferenzen abgehalten, die mit einer Frühjahrstagung am Sitz des UN-Klimasekretariats in Bonn beginnen und im Dezember mit einer Regierungskonferenz enden. 2014 findet bereits zum 20. Mal eine solche Konferenz statt: als COP 20 in Lima. Besonders wichtig wird die nächste COP Ende 2015 in Paris sein. Sie soll zu einem neuen Weltklimavertrag führen, der erstmals Minderungspflichten für alle Staaten der Welt festschreiben soll.

Der IPCC ist der Klimarahmenkonvention beigeordnet. Er soll mit seinen Sachstandsberichten die wissenschaftliche Expertise liefern, auf deren Grundlage das Problem des "Treibhauseffekts" angepackt werden kann und soll. Deshalb besteht jeder Bericht aus drei Teilen, die sich um unterschiedliche Aspekte kümmern. Der erste Teilbericht behandelt die naturwissenschaftlichen Grundlagen des Klimawandels und schätzt künftige Entwicklungen des Klimasystems ab. Der zweite analysiert Auswirkungen des Klimawandels und Möglichkeiten der Anpassung. Der Dritte befasst sich mit politischen Möglichkeiten und Technologien, den Klimawandel zu bremsen, beispielsweise durch die Reduktion von Treibhausgasen. Seit dem 3. Sachstandsbericht 2001 gibt es auch noch jeweils einen abschließenden Synthesebericht, der die Hauptaussagen der drei Teilberichte zusammenfasst.

Als staatlicher und wissenschaftlicher Ausschuss zugleich ist der IPCC eine Art Zwitter. In den Gremien sitzen ausschließlich Fachexperten, doch es sind die Regierungen, die die Berichte abnehmen. Für sie wird zu jedem Teilbericht eine "Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger" erstellt, die "Summary for Policymakers" (SPM). Dafür muss den Wissenschaftlern das Kunststück gelingen, ihre jeweils rund 1.000-seitigen Berichte auf nur noch rund 30 Seiten einzudampfen, und das in einer möglichst einfachen und verständlichen Sprache. In einer UN-Konferenz muss schließlich jeder Satz, jedes Wort der Zusammenfassung von den Regierungsvertretern genehmigt werden. Langwierige Feilschereien um jede Formulierung sind die Folge, regelmäßig enden die Konferenzen mit Verspätung. Allerdings sind die Ergebnisse dann auch "regierungsamtlich", die Regierungen haben durch ihre Zustimmung die wissenschaftlichen Aussagen explizit anerkannt.

2007 erhielt der Weltklimarat den Friedensnobelpreis, gemeinsam mit dem ehemaligen US-Vizepräsidenten Al Gore, der mit seiner, mit dem Oscar ausgezeichneten Dokumentation "Eine unbequeme Wahrheit" vor den Gefahren des Klimawandels warnte.

Nach dem vierten Sachstandbericht erheben Kritiker schwere Vorwürfe

Zwei Jahre sieht sich der IPCC mit schweren Vorwürfen konfrontiert. Der Report sei an etlichen Stellen unkorrekt, heißt es. Manche Kritiker behaupten, der IPCC sei "alarmistisch" und übertreibe die Risiken des Klimawandels bewusst. Tatsächlich finden sich auf den rund 3.000 Seiten des Vierten Sachstandsberichts lediglich zwei wirkliche Fehler. Die Arbeitsgruppe 2 hat in ihrem Berichtsteil die Schmelzrate der Himalaja-Gletscher viel zu hoch angegeben; Arbeitsgruppe 1 hat zum selben Thema allerdings korrekt gearbeitet. Ebenfalls in Teil 2 des Reports gibt es eine falsche Zahl zum Anteil des Staatsgebiets der Niederlande, das unter dem Meeresspiegel liegt. Die falsche Angabe ist aber von der niederländischen Regierung zugeliefert worden. Betrugsvorwürfe gegen IPCC-Autoren, die vor allem auf Zitaten aus gehackten, privaten E-Mails basieren, erweisen sich in mehreren Untersuchungen als haltlos.

Als Reaktion auf die Kritik durchleuchtet der Internationale Rat der Wissenschaftsakademien (IAC) im Jahr 2010 die Prozesse und Verfahren des IPCC. In seinem Schlussbericht attestiert der IAC dem IPCC insgesamt ausdrücklich eine gute Arbeit, empfiehlt aber einige Reformen. Damit der IPCC schneller reagieren kann, wird die Einrichtung des Exekutivkomitees angeregt. Um Fehler künftig noch besser zu vermeiden, sollen in den Autorenteams die Rolle der Begutachtungsredakteure gestärkt, außerdem Transparenz und Pressearbeit verbessert werden. Der IPCC setzt die meisten Empfehlungen sofort um.

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Rajendra Pachauri, Vorsitzender des Weltklimarats IPCC von 2002 bis 2015. (Foto: UN ISDR)

Zwischen 1988 und 1997 war der schwedische Meteorologe und Klimaforscher Bert Bolin Vorsitzender des IPCC. Ab 2002 war es der indische Ökonom und Ingenieur Rajendra Pachauri. Ende Februar 2015, ein halbes Jahr vor dem regulären Ende seiner Amtszeit, trat Pachauri zurück, nachdem eine Mitarbeiterin seines Instituts TERI in der indischen Hauptstadt Neu Delhi ihm sexuelle Belästigung vorgeworfen hatte. Pachauri wies die Vorwürfe zurück. Den IPCC-Vorsitz übernahm zunächst der bisherige Vizechef Ismail El Gizouli.

Zu Beginn des Jahres hatte Pachauri noch eine Reform der IPCC-Aufgaben vorgeschlagen. Der Weltklimarat könnte, so die Idee, in Zukunft jedes Jahr einen Bericht erstellen und bei der Überprüfung der Emissionsreduktionen mitwirken, zu denen sich die Länder in Paris verpflichten wollen. Die Diskussion über die Zukunft des IPCC ist damit eröffnet. Die Grundfrage, die schon die Brundtland-Kommission aufgeworfen hat, bleibt bis auf weiteres unbeantwortet: Wie viel Wissen muss noch angehäuft werden, damit die Regierungen handeln? Bislang jedenfalls sind die CO2-Emissionen weltweit immer weiter gestiegen, allen Berichten und allen Konferenzen zum Trotz.