Alle Sachstandsberichte - Ein Überblick

Fünf Sachstandsberichte hat der Weltklimarat IPCC im Abstand von jeweils fünf bis sechs Jahren bislang vorgelegt: 1990, 1995, 2001, 2007 und 2013/14. Was steht in den Berichten drin? Ein Überblick über die zentralen Aussagen.

Von Verena Kern

Erster Sachstandsbericht des Weltklimarats, First Assessment Report, kurz: FAR, 1990.
Zentrale Aussagen: Die Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre wird durch "menschliche Aktivitäten" beträchtlich erhöht. Kohlendioxid, Methan, Fluorchlorkohlenwasserstoffe oder Lachgas sorgen dafür, dass Wärmestrahlen auf die Erde zurückgeworfen werden. Soll die globale Temperatur auf dem derzeitigen Niveau stabilisiert werden, muss die Emission dieser Treibhausgase umgehend um 60 Prozent reduziert werden. "Die Zeitbombe tickt", sagte damals der britische Meeresbiologe und IPCC-Leitautor John Woods. "Wann sie explodiert, ist schwer zu sagen, weil unsere Modelle zurzeit noch ungenau sind."

Die Klimaforschung steht noch an ihrem Anfang. Bohrkernarchive von den polaren Eisschilden sind ebenso rar wie Gletscherdaten aus den Anden, Satellitenaufzeichnungen der Arktis oder Wettermessreihen aus Afrika. Die wenigen Computer in den Forschungseinrichtungen verfügen über Rechenleistung und Speicherkapazitäten, die heute lächerlich erscheinen. Dafür aber ist dieser erste Sachstandsbericht des Weltklimarats erstaunlich präzise.

Seine Erkenntnisse spielen eine entscheidende Rolle bei der Erstellung der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC). Sie wird auf dem Rio-Gipfel 1992 zur Unterzeichnung freigegeben und tritt 1994 in Kraft. 1995 tritt dann in Berlin die erste "Conference of the Parties" (COP 1) der Klimarahmenkonvention zusammen - die erste Weltklimakonferenz. Seitdem werden jährlich Klimakonferenzen abgehalten, die mit einer Frühjahrstagung am Sitz des UN-Klimasekretariats in Bonn beginnen und im Dezember mit einer Regierungskonferenz enden.

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Titelbild des zweiten Sachstandsberichts von 1995, hier: der Teilbericht von Arbeitsgruppe 1 zu den wissenschaftlichen Grundlagen. (Foto: IPCC)

Zweiter Sachstandsbericht, Second Assessment Report, kurz: SAR, 1995.
Zentrale Aussagen: SAR bestätigt die zentralen Aussagen aus dem ersten Sachstandsbericht. Etwa dass der Mensch durch den Ausstoß von Treibhausgasen die Zusammensetzung der Atmosphäre signifikant verändert. Dass sich die globale Mitteltemperatur der Erde erwärmt und sich dieser Trend weiter fortsetzen wird.

Einige Phänomene, die von den Wissenschaftlern 1990 lediglich geschätzt werden konnten, sind 1995 durch Messdaten belegt. Die Nachttemperaturen waren im Durchschnitt weltweit tatsächlich stärker als die Tagestemperaturen angestiegen, die Erwärmung an den Polen war wie prognostiziert tatsächlich heftiger als am Äquator. Verbesserte Analysemethoden liefern nun Hinweise, dass das 20. Jahrhundert wärmer war, als jeder andere vergleichbare Zeitraum seit dem Jahr 1400. In der "Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger" weisen die Autoren von Arbeitsgruppe 1, die sich mit den wissenschaftlichen Grundlagen beschäftigen, aber auch ausdrücklich darauf hin, dass es nach wie vor "viele Unsicherheiten" gibt; das komplexe Phänomen Klimawandel ist noch nicht durch und durch verstanden, weitere Forschung ist nötig.

Die Erkenntnisse des Zweiten Sachstandsberichts liefern aber wichtige Argumente für die Verhandlungen zum Kyoto-Protokoll 1997, dem ersten Weltklimavertrag, dem Ende 2015 in Paris ein neuer Vertrag folgen soll. Anders als beim Kyoto-Protokoll, das nur die Industriestaaten zur Reduktion von Treibhausgas-Emissionen verpflichtete, ist für die Pariser Vereinbarung die Mitwirkung aller Länder vorgesehen.

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Die Titelbilder der vier Teilberichte des dritten Sachstandsberichts 2001. (Foto: IPCC)

Dritter Sachstandsbericht, Third Assessment Report, kurz: TAR, 2001.
Zentrale Aussagen: Der Klimawandel findet bereits statt, er hat Auswirkungen auf physische und biologische, aber auch auf soziale und ökonomische Systeme. Die 90er Jahren waren das wärmste Jahrzehnt seit Beginn der Temperaturmessungen 1860. Ein Großteil der registrierten Erwärmung geht auf menschliche Aktivitäten zurück. In allen Szenarien ist von einem Anstieg der Emissionen, der Temperaturen und des Meeresspiegels auszugehen. Klimatische Schwankungen und Extremereignisse werden zunehmen, etwa Hitzewellen und Starkregen. Negative Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit sind zu erwarten.

Eine Anpassung an die Folgen des Klimawandels kann potenziell die nachteiligen Auswirkungen der Klimaänderung vermindern; sie wird jedoch nicht alle Schäden verhindern. In jedem Fall kann Anpassung dazu beitragen, Ziele einer nachhaltigen Entwicklung zu erreichen.

Geschwindigkeit und Ausmaß der Erderwärmung können durch die Reduktion von Treibhausgasen vermindert werden.

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Die Titelbilder des vierten Sachstandsberichts, 2007. (Foto: IPCC)

Vierter Sachstandsbericht, Fourth Assessment Report, kurz: AR4, 2007.
Zentrale Aussagen: AR4 verschärft die Aussagen seiner Vorgänger deutlich. Die Fakten sind nicht mehr zu ignorieren, die Auswirkungen dürften schwerer ausfallen als bislang angenommen. "Die Erwärmung des Klimasystems ist eindeutig", heißt es jetzt. Elf der letzten zwölf Jahre (1995-2006) gehören zu den zwölf wärmsten Jahren seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Betroffen sind alle Kontinente und die meisten Ozeane.

Die weltweiten Treibhausgasemissionen sind aufgrund menschlicher Aktivitäten seit der vorindustriellen Zeit angestiegen. Dabei beträgt die Zunahme während der letzten drei Jahrzehnte 70 Prozent. Nicht nur die Durchschnittstemperatur steigt, auch weitere Aspekte des Klimas sind betroffen: Der Meeresspiegel steigt an, Windmuster verändern sich, das Risiko von Hitzewellen, die durch Dürre betroffenen Flächen und die Häufigkeit von schweren Niederschlagsereignissen haben sich vergrößert. Die Ozeane versauern.

Und vor allen Dingen: Die derzeitigen Klimaschutzmaßnahmen reichen nicht aus.

2007 wurde dem Weltklimarat der Friedensnobelpreis verliehen.

Zwei Jahre nach Vorlage des Vierten Sachstandsberichts (AR4) sah sich der IPCC mit schweren Vorwürfen konfrontiert. Der Report sei an etlichen Stellen unkorrekt, hieß es. Manche Kritiker behaupteten, der IPCC sei "alarmistisch" und übertreibe die Risiken des Klimawandels bewusst. Tatsächlich fanden sich auf den rund 3.000 Seiten des AR4 lediglich zwei wirkliche Fehler. Die Arbeitsgruppe 2 hatte in ihrem Berichtsteil die Schmelzrate der Himalaja-Gletscher viel zu hoch angegeben (Arbeitsgruppe 1 hatte zum selben Thema korrekt gearbeitet), ebenfalls in Teil 2 des Reports gab es eine falsche Zahl zum Anteil des Staatsgebiets der Niederlande, das unter dem Meeresspiegel liegt (die falsche Angabe war von der niederländischen Regierung zugeliefert worden). Betrugsvorwürfe gegen IPCC-Autoren, die vor allem auf Zitaten aus gehackten, privaten E-Mails basierten, erwiesen sich in mehreren Untersuchungen als haltlos.

Als Reaktion auf die Kritik durchleuchtete der Internationale Rat der Wissenschaftsakademien (IAC) im Jahr 2010 die Prozesse und Verfahren des IPCC. In seinem Schlussbericht attestierte der IAC dem IPCC insgesamt ausdrücklich eine gute Arbeit, empfahl aber einige Reformen. So wurde, damit der IPCC schneller reagieren kann, die Einrichtung des Exekutivkomitees angeregt. Um Fehler künftig noch besser zu vermeiden, sollten in den Autorenteams die Rolle der Begutachtungsredakteure gestärkt, außerdem Transparenz und Pressearbeit verbessert werden. Der IPCC hat die meisten Empfehlungen sofort umgesetzt.

Fünfter Sachstandsbericht, Fifth Assessment Report, kurz: AR5, 2013/14.
Zentrale Aussagen: Seit 800.000 Jahren hat es auf der Erde nicht mehr so viel CO2 und Methan in der Atmosphäre gegeben wie heute. Die Atmosphäre und die Ozeane haben sich erwärmt, die Schnee- und Eismengen sind zurückgegangen und der Meeresspiegel ist angestiegen. Die weltweit beobachteten Temperaturen von Land- und Ozean-Oberflächen zeigen einen Anstieg von etwa 0.85 Grad Celsius zwischen 1880 bis 2012. Jedes der letzten drei Jahrzehnte war an der Erdoberfläche sukzessive wärmer als alle vorangehenden Jahrzehnte seit 1850. Die Ozeane haben in den letzten 40 Jahren 90 Prozent der zusätzlichen Energie "geschluckt" und erwärmen sich dadurch.

Der von Menschen verursachte Anstieg der Treibhausgaskonzentrationen, zusammen mit anderen menschlichen Einflussfaktoren, ist die Hauptursache der beobachteten Erwärmung seit Mitte des 20. Jahrhunderts.

Erstmals enthält der Bericht 18 Grundaussagen, über die ebenfalls ein Konsens mit den Vertretern der Nationen erzielt wurde. Eine davon lautet "Der menschliche Einfluss auf das Klima ist klar." Eine andere: "Die Erwärmung wird sich fortsetzen, egal welches Szenario man annimmt." Ob es nun aber nur ein Grad sein wird, die niedrigste Annahme des IPCC für das Jahr 2100, oder ob es fünf Grad sein werden, das weitreichendste Szenario, hängt davon ab, wie stark sich die Menschheit jetzt für den Klimaschutz engagiert. Je nach Szenario wird der Meeresspiegel zwischen 26 und 98 Zentimetern steigen. Der Bericht liegt damit um 50 Prozent über den alten Projektionen von 18 bis 59 Zentimetern.

Die Folgen des Klimawandels machen sich schon jetzt überall bemerkbar. Sie beeinträchtigen natürliche und menschliche Systeme, etwa durch die Gefährdung von Wasserressourcen und den Rückgang von Getreideerträgen.

Um die Erderwärmung, wie von der internationalen Staatengemeinschaft beschlossen, auf zwei Grad zu begrenzen, dürfen nur 2.900 Gigatonnen CO2 in die Atmosphäre gebracht werden. Etwa zwei Drittel davon sind bis zum Jahr 2011 bereits emittiert worden. Das bedeutet, dass nur noch rund 1.000 Gigatonnen CO2 übrig sind. Eine rasche und einschneidende Reduktion der Emissionen ist notwendig. Die jetzigen Minderungspläne sind nicht ausreichend.

Die Kosten für ambitionierte Klimaschutzmaßnahmen sind geringer als gedacht. Um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen, müsste eine jährliche Verringerung des globalen Konsumwachstums um etwa 0,06 Prozentpunkte im Laufe des Jahrhunderts, bezogen auf ein erwartetes jährliches Konsumwachstum ohne Klimaschutz von 1,6 bis 3 Prozent pro Jahr, in Kauf genommen werden.

Weitere Informationen zum Fünften Sachstandsbericht finden Sie auf dieser Seite: zu Arbeitsgruppe 1 - zu Arbeitsgruppe 2 - zu Arbeitsgruppe 3 - zum Synthesebericht.

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Titelbild des ersten Sachstandberichts, 1990, hier: Teilbericht der Arbeitsgruppe 1 zu den wissenschaftlichen Grundlagen. (Foto: IPCC)