IPCC-Arbeitsgruppe 1: Kommentar, Mittwoch, 23. April 2014 09:31

Der Süden ist nicht ausreichend repräsentiert

Wer arbeitet eigentlich an den Sachstandsberichten mit? Wissenschaftler aus allen Regionen der Welt sollten in den Autorenteams in ausgewogener Weise vertreten sein. So lauten die IPCC-Grundsätze. Doch die Praxis sieht anders aus.

Ein Kommentar von Md Shamsuddoha,
Direktor des Center for Participatory Research and Development, Bangladesch

FotoImmer umfassender und fundierter haben die Sachstandsberichte des Weltklimarats IPCC in den vergangenen Jahren die wissenschaftlichen Nachweise für den menschengemachten Klimawandel erbracht. Wie die UN-Resolution 43/53 vom 6. Dezember 1988 festhält, soll der IPCC mit seinen Sachstandsberichten einen jeweils aktuellen Überblick darüber liefern, was die Wissenschaft mittlerweile vom Klimawandel weiß, und seine sozialen und ökonomischen Auswirkungen aufzeigen. Darüber hinaus soll das Gremium, als Grundlage für ein künftiges internationales Klimaabkommen, Empfehlungen für mögliche Gegenmaßnahmen erarbeiten.

Seitdem hat der IPCC vier Sachstandsberichte veröffentlicht; derzeit läuft die Veröffentlichung des fünften Berichts, des Fifth Assessment Report, abgekürzt AR5.

Der Erste Sachstandsbericht von 1990 trug entscheidend dazu bei, dass zwei Jahre später beim Umweltgipfel in Rio de Janeiro die Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen aus der Taufe gehoben wurde. In diesem wichtigen internationalen Vertrag verpflichten sich die Länder der Welt, die Erderwärmung zu reduzieren und die Folgen des Klimawandels zu mildern.

Der Zweite Sachstandsbericht von 1995 war ein wichtiger Wegbereiter für das Kyoto-Protokoll von 1997. Der Dritte und Vierte Sachstandsbericht von 2001 und 2007 rückten die Bedeutung von Nachhaltigkeitsstrategien in den Blick und beleuchteten das Verhältnis von mitigation und adaptation, von Emissionsreduktion und Anpassung an den Klimawandel.

Beim Fünften Sachstandsbericht sind inzwischen die Teilberichte aller Arbeitsgruppen veröffentlicht. Arbeitsgruppe 1 beschäftigte sich mit den Physikalischen Grundlagen des Klimawandels; Arbeitsgruppe 2 mit Folgen, Anpassung und Verwundbarkeit; Arbeitsgruppe 3 mit Reduktionsmöglichkeiten. Der letzte Teilband, der Synthese-Bericht, wird eine Zusammenfassung der drei Arbeitsgruppen sein. Er wird vom 27. bis zum 31. Oktober in Kopenhagen abschließend beraten.

Doch wer sind eigentlich die Autoren des Fünften Sachstandsberichts? Aus welchen Ländern kommen die beteiligten Wissenschaftler? Ein Blick in die Statistik über die regionale Verteilung der IPCC-Autoren zeigt ein starkes Übergewicht von Wissenschaftlern aus dem globalen Norden. Experten aus Entwicklungsländern sind hingegen deutlich weniger vertreten – vor allem in Arbeitsgruppe 1. Daraus lässt sich schließen, dass es im Süden immer noch Nachholbedarf in Sachen Klimawissenschaften gibt.

Wie der IPCC-Sachstandsbericht zustandekommt

Die Sachstandsberichte des Weltklimarates entstehen auf der Grundlage der verfügbaren wissenschaftlichen, technischen und sozioökonomischen Informationen. Aufgabe des IPCC ist, alle relevanten wissenschaftlichen Daten zu sichten und zu bewerten. Priorität haben dabei Studien, die ein sogenanntes Peer-Review-Verfahren durchlaufen haben, die also von Kollegen nach festen Kriterien begutachtet worden sind. Die Autoren für die Sachstandsberichte werden mithilfe von Listen nominiert, die von Regierungen, Beobachter-Organisationen und der Leitung der Arbeitsgruppen zusammengestellt wurden. Die Arbeitsgruppenleitung wählt die Autoren dann aus diesen Listen aus. Daneben können weitere Experten zum Zug kommen, die durch ihre Arbeit oder ihre Veröffentlichungen bekannt sind. Auch Experten der Weltmeteorologieorganisation WMO oder von Nichtregierungsorganisationen können eingeladen werden, sich an den Arbeitsgruppen zu beteiligen. Regierungen werden vorab darüber informiert, wenn Experten aus ihrem Land eingeladen werden. Zusätzlich können sie weitere Experten nominieren.

Die Zusammensetzung der Leitautoren für ein Kapitel, einen Bericht oder eine Zusammenfassung soll dabei möglichst breit gefächert sein. Experten aus Industriestaaten, Entwicklungs- und Schwellenländern sollen angemessen vertreten sein. Zudem ist auf eine Balance zu achten zwischen Wissenschaftlern, die bereits für den IPCC tätig waren, und solchen, die es noch nicht waren. Frauen sollen ebenfalls ausreichend berücksichtigt werden. Wissenschaftler, die nominiert, aber nicht als Autoren ausgewählt wurden, sind dazu eingeladen, sich als Gutachter registrieren zu lassen.

Begutachtung – Review – ist ein wesentlicher Teil des IPCC-Prozesses, um eine möglichst objektive und vollständige Beurteilung der vorhandenen Informationen sicherzustellen. Im Verlauf des mehrstufigen Review-Prozesses – zuerst durch Experten, dann durch Regierungen und Experten – können sowohl die Experten als auch die Regierungen Kommentare zur Genauigkeit und Vollständigkeit des Inhalts sowie der Ausgewogenheit der Entwürfe einreichen.

Nachdem der erste Entwurf durch die Experten begutachtet worden ist, erarbeiten die Autoren einen zweiten Entwurf und einen ersten Entwurf der Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger. Diese beiden werden gleichzeitig von Regierungen und Experten begutachtet. Schließlich erstellen die Autoren den endgültigen Entwurf des Berichts und der Zusammenfassung. Beide Papiere werden an die Regierungen verteilt, die einen schriflichen Kommentar abgeben, bevor das Plenartreffen stattfindet, in dem die Zusammenfassung gebilligt und der Bericht angenommen wird.

Mehr als 830 Autoren und Gutachter aus 85 Ländern sind für den Fünften Sachstandsbericht aus rund 3.600 Nominierten ausgewählt worden. Die Statistik der regionalen Verteilung zeigt, dass nur 36 Prozent der Autoren aus Entwicklungs- und Schwellenländern kommen. Sehr gering ist die Beteiligung von Afrika und Asien mit acht beziehungsweise 16 Prozent. Aus Europa kommen dagegen 35 Prozent, aus Nord- und Mittelamerika 28 Prozent. Gering ist auch die Beteiligung von Autoren aus Südamerika mit 6 Prozent und aus Australien und Ozeanien mit 7 Prozent.

Dabei ist in den Regularien des IPCC ausdrücklich festgehalten, dass bei der Erarbeitung eines Sachstandsberichts eine ausgeglichene Vertretung aller Regionen der Welt sichergestellt sein soll – unter Berücksichtigung der wissenschaftlichen und technischen Erfordernisse. Doch beim Fünften Sachstandsbericht ist das nicht der Fall.

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... und die im Dunkeln sieht man nicht. Nur ein gutes Drittel der IPCC-Autoren kommt aus Entwicklungs- und Schwellenländern, obwohl dort mehr als 80 Prozent der Weltbevölkerung leben. (Foto: NASA/Wikimedia Commons)

Als der Bericht der Arbeitsgruppe 2 zu Klimafolgen, Anpassung und Verwundbarkeit Ende März im japanischen Yokohama beraten wurde, meldeten sich die Regierungsvertreter zahlreicher Entwicklungsländer zu Wort und forderten Änderungen im Entwurfstext – in vielen Fällen mit Erfolg. Afrikanische Staaten wie Tansania, Botswana, Mali und Tschad kritisierten beispielsweise, dass „Dürre“ nicht in der Liste der Hauptrisiken aufgeführt wurde, was daraufhin geschah. Auch die Formulierung im einleitenden Kapitel, wonach in allen Regionen der Welt eine Zunahme an Klimastudien zu verzeichnen sei, stieß auf Widerspruch. Die Entwicklungsländer machten geltend, dass für viele Regionen Asiens und Afrikas nach wie vor Daten fehlen und dass diese Lücke in Zukunft gefüllt werden muss. Die Formulierung from all regions wurde entfernt.

Das Interesse sowohl der Regierungsvertreter als auch der Wissenschaftler aus den Entwicklungsländern konzentriert sich bislang auf das Thema Anpassung. Es bleibt eine offene Frage, wie der Nachholbedarf des globalen Südens bei der Datenerhebung und in den Klimawissenschaften behoben werden kann, sodass künftig eine ausgewogene Beteiligung von Wissenschaftlern aus Entwicklungsländern bei der Arbeit an den IPCC-Berichten gewährleistet ist.

Md Shamsuddoha leitet die Nichtregierungsorganisation Center for Participatory Research of Development (CPRD) mit Sitz in Dhaka. Er hat in Chittagong Meereswissenschaften studiert. Seit 2008 gehört er der Regierungsdelegation Bangladeschs bei den UN-Klimaverhandlungen an. Seine Spezialgebiete sind Anpassung, Klimafinanzierung sowie Loss and Damage.