IPCC-Arbeitsgruppe 2: Kommentar, Dienstag, 01. April 2014 17:07

Vom "Weckruf" bis zur "Kassandra"

Jetzt ist er also draußen, der zweite Teil des 5. Sachstandsberichtes. Viele Kommentatoren nehmen leisere Töne wahr, mit denen der Weltklimarat seine Forschungsergebnisse vorträgt. Eine internationale Presseschau.

Zusammengestellt von Sandra Kirchner

Tag eins nach Veröffentlichung von Kapitel zwei des neuen IPCC-Berichts: Wir geben einen Überblick über die mediale Wahrnehmung des Kapitels "Folgen, Anpassung und Verwundbarkeit".

Frankfurter Allgemeine Zeitung:

Hier wurde das politisch hochbrisante Thema mit spitzen Fingern angefasst und jede unsolide Zuspitzung zu vermeiden versucht. Der Grund dafür ist einfach: Der Weltklimarat, speziell die zuständige Arbeitsgruppe zwei, hatte sich mit Aussagen über Folgen und Risiken des Klimawandels ein ums andere Mal in Schwierigkeiten gebracht. "Unwissenschaftlichkeit" lautete der Vorwurf vor wenigen Jahren. Das Eingeständnis, unseriöse Quellen verwendet zu haben, traf das ohnehin unter dem Verdacht des politischen Missbrauchs stehende Forschergremium hart. Der neue Weltklimabericht ist deshalb auch ein Versuch der wissenschaftlichen Rehabilitation.

Zu großen Teilen ist das neue Dokument mit Relativierungen versehen, die nur Fachleute noch verstehen können. An den bisherigen Aussagen ändert das aber wenig. So schwierig es also weiterhin ist, zu ermessen, wie die Zukunft von Wirtschaft, Natur, Gesundheit und auch die Flüchtlingsprobleme in einer wärmeren Welt im Einzelnen aussehen werden, so eindeutig ist die Tendenz: Die Nachteile des beschleunigten Klimawandels überwiegen. Und nicht nur das. Schon bei einer globalen Erwärmung um "nur" ein oder zwei Grad sieht man heute Anzeichen für Risiken.

Die Tageszeitung:

Tatsächlich haben die IPCC-Berichte viel von ihrem schrillen Alarmton verloren. Denn die Forscher wissen jetzt mehr, und das Thema wird immer komplexer. Viele sind aber auch für ihre Warnungen von der Lobby der Klimaskeptiker so gegrillt worden, dass sie sich lieber hinter unangreifbaren Daten verschanzen.

Die Kritik am IPCC ist also berechtigt: Seine Berichte könnten exakter sein. Aber die Sirenen sollten nicht leiser, sondern lauter klingen. In der Vergangenheit hat das Expertengremium die Lage immer wieder falsch eingeschätzt – und zwar zu rosig: Der weltweite Anstieg des Meeresspiegels und das Schmelzen der Eismassen an den Polen wurde unterschätzt, und die Modelle rechneten permanent mit weniger Emissionen, als es sie wirklich gibt.

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"Man kann etwas tun." Christopher Field, der Ko-Vorsitzende der Arbeitsgruppe 2, hatte sich um positive Aussagen bei der Präsentation bemüht. (Foto: Screenshot)

Westdeutsche Allgemeine Zeitung:

Die Industrie denkt in Jahresbilanzen, die Politik in Legislaturperioden, die Menschen in Jahreszeiten. Worüber die Forscher reden, das umfasst indes Jahrhunderte. Wozu also jetzt die Welt retten? Die Einsicht hat sich bislang nicht durchgesetzt, dass wir heute die Verantwortung übernehmen müssen für die Lebensbedingungen der Zukunft. Denn die Treibhausgase, die wir heute in die Luft blasen, werden den Klimawandel noch viele Jahrzehnte befeuern. Experten sprechen von einem Entscheidungsfenster von vielleicht noch zehn bis 20 Jahren. In dieser Zeit legen wir fest, unter welchen Bedingungen nachfolgende Generationen leben sollen. Es eilt also. Schaut man indes auf das weltweite Vorzeigeprojekt der deutschen Energiewende, darf man pessimistisch werden. Es tobt ein Kampf der Interessen, der das ganze Projekt gefährdet. Und im Lärm des Lobbyisten-Streits gerät wieder eines aus dem Blick: die Zukunft.

Handelsblatt:

Der vom Menschen verursachte Klimawandel ist real, kaum ein anderes von Wissenschaftlern erforschtes Phänomen ist so gut dokumentiert. Und die Auswirkungen von globaler Erwärmung, Übersäuerung der Ozeane oder klimabedingten Naturkatastrophen auf Millionen Menschen zu beherrschen, ist die große humanitäre und ökonomische Herausforderung unserer Zeit.

Doch ob das mit einer Kommunikationsstrategie gelingt, die sich in der Aneinanderreihung von Negativszenarien erschöpft, darf bezweifelt werden. Dass auch eine noch so drastische Schilderung der Folgen letztlich keine signifikante Verbesserung der Situation herbeiführt, ist die traurige Lehre der zurückliegenden Jahre. So wichtig die Aufklärung über das Phänomen Klimawandel auch ist, die aktuelle Situation verlangt vor allem nach konstruktiven Lösungswegen.

Westdeutsche Zeitung:

Es ist schon komisch, dass sich gerade US-Außenminister John Kerry jetzt so alarmiert zeigt über den Klimabericht. Denn er ist Repräsentant eines Landes, das pro Kopf am meisten Kohlendioxid von allen ausstößt und jede wirksame globale Klimapolitik bisher verhindert hat. Im Moment blockieren sich alle gegenseitig bei den Weltklimakonferenzen. Zehntausende von Experten reisen durch die Welt, um der Schnecke Klimaschutz beim Fort- und Rückschreiten zuzusehen. Dieses Jahr trifft man sich in Lima, nächstes Jahr in Paris. Dort gibt es die für lange Zeit letzte Chance, ein verbindliches Abkommen zu erzielen. Zu erwarten ist jedoch nicht, dass die Staaten aus dem neuen Bericht mehr entnehmen werden, als aus den früheren. Die Klimaforscher müssen trotzdem weitermachen, denn einer muss die Daten sammeln und die Menschen immer wieder möglichst nüchtern informieren. Bis sie hören. Oder eben fühlen.

Neues Deutschland:

Angesichts der bisher geringen Anstrengungen sind die Warnungen nötiger denn je. Das gilt auch für Deutschland: Das Gerangel um das weitere Abbremsen der ohnehin mangelhaften Energiewende wirkt angesichts der Herausforderungen wie eine Provinzposse. Und statt weitere fossile Ressourcen etwa durch die umstrittene Fracking-Technologie aus dem Boden zu holen, sollte überlegt werden, wie Energieeinsparung dies überflüssig macht. Womöglich aber – auch das gibt der IPCC-Bericht her – hofft die Politik vielerorts darauf, dass sich die Klimawandelfolgen schon irgendwie "managen" lassen. Aber nur, wenn man das Geld für Anpassungsmaßnahmen hat. Auch aus diesem Grund wird die Erwärmung die armen Regionen und dort die ärmsten Schichten am härtesten treffen. Der IPCC-Bericht ist eigentlich ein Plädoyer für Nord-Süd-Solidarität – doch er könnte das Gegenteil bewirken. Was die Wissenschaft weiß, macht die Politik noch lange nicht heiß.

Mittelbayerische Zeitung:

Auch die reichen Industrieländer auf der Nordhalbkugel werden davon nicht unberührt bleiben. Aber es ist vor allem an ihnen, Anpassungsstrategien gegen den brutalen Klimawandel zu entwickeln – und zu finanzieren. Wie schwer das freilich ist, wenn es konkret wird, zeigt das derzeitige Gefeilsche um die Energiewende in Deutschland. Es besteht die Gefahr, dass der Weckruf aus Yokohama vom Kleinklein um Ökostromumlage, Fördersätze und Energietrassen übertönt wird.

klimaretter.info:

Wer will dem widersprechen. Höhere Deiche, Umsiedlungen, trockenheitsresistentere Landwirtschaft, besserer Gesundheitschutz – all das hilft, die Folgen der Überhitzung des Globus zu minimieren. Es ist gut, darauf hinzuweisen. Und es wäre noch besser, wenn die reichen Länder endlich ihrer historisch bedingten Verpflichtung nachkämen, die hierfür nötigen hohen Milliardensummen aufzubringen. Bis 2050 wären weltweit möglicherweise mehr als 100 Milliarden Dollar jährlich dafür nötig, schreibt der Klimarat. Nur: Auch das würde die Notwendigkeit nicht ersetzen, beherzt auf die Kohlendioxid-Bremse zu treten, damit das Zwei-Grad-Limit der Erwärmung gehalten werden kann. Da die Weltpolitiker sich bisher darum nicht scheren, ist sicher: Kassandra kommt wieder.

Westfalen-Blatt:

Der Weltklimarat schränkt auf Basis mittlerweile gesammelter Daten zuvor gegebene Prognosen ein und bewertet sie mit neuer Skala – trifft zu, trifft eher nicht zu. Und trotzdem ändert das nichts am Fortgang des Klimawandels. Denn dem unterliegt die Erde seit Jahrmillionen. Dass der Mensch mit dem Ausstoß von Kohlendioxid etwa zur Versauerung der Ozeane beiträgt und Prozesse beschleunigt – daran halten die Wissenschaftler fest. Zu Recht. Dass aber auch Faktoren wie Armut oder soziale Unruhen Einfluss nehmen auf die Anfälligkeit für Naturgefahren komplettiert nun das Bild. Der Mensch nimmt mehr Raum ein im Weltklima-Bericht – nicht nur als Täter. Die Forscher sind davon überzeugt, dass Gesellschaften sich an den Klimawandel anpassen können. Das lässt ein wenig hoffen.

Thüringer Landeszeitung:

Die Industrie immer mehr voranzutreiben – egal zu welchem Preis für das Ökosystem – darf diese Generation nicht zulassen. Da hilft es nicht, dass es in Deutschland Tempolimits gibt, wenn in China die Schornsteine immer stärker rauchen. Eine internationale Kontrollinstanz wird gebraucht, die nicht nur warnt, sondern auch Sanktionen verhängen kann. Jedes Land hat seinen Teil dazu beizutragen, um den Klimawandel zu bremsen. Und jeder sollte sich selbst an die eigene Nase fassen, wenn es darum geht, was in den vergangenen Jahrzehnten in die Luft gepustet wurde.

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Ausgetrockneter Grund der Alster in Hamburg: Die Ökosysteme verden verletzbarer, sagt der IPCC. (Foto: IWK)

The Guardian:

Der heutige Report des Weltklimarats sollte diejenigen zum Schweigen bringen, die glauben, dass es nichts zu debattieren gäbe. Entsprechend dem Vorsorgeprinzip sollten Politiker die Veränderungen – ob vorübergehend oder dauerhaft – in der Zusammensetzung der Erdatmosphäre zur Kenntnis nehmen. Sie sind aufgefordert, mit eigenen Augen die spezifischen Auswirkungen anzuschauen – von den Gletschern über die Ernten bis zu den Fischbeständen. Skeptiker mögen einiges davon anzweifeln, aber die Wahrscheinlichkeit ist hinreichend. Es geschieht etwas, das die meisten Bewohner der Erde betreffen wird.

An dieser Stelle tauchen die alten Hürden auf. Mächtige, die Debatte verzerrende Lobbys haben sich mithilfe der riesigen Geldsummen auf einer der beiden Seiten entwickelt. Der Bericht ist hilfreich, um mehr Vielfalt in die Diskussion zu bringen, weg von der reinen Panikmache – verschwendet für teure und oft unnütze Ausgaben für vermeintlich erneuerbare Energien –, hin zu einem intelligenten Nachdenken, wie sich die Welt an das bereits Geschehene anpassen kann. Wenn Rom brennt, gibt es keinen Grund, Neros Fiedel neu zu stimmen.

Dagens Nyheter:

Die Forscher haben in jeder Hinsicht ihre Hausaufgaben gemacht. Überwältigende Belege verlangen nach einer ehrgeizigen Klimapolitik, die die Probleme an der Wurzel packt. Wenn nicht mit einem weltweiten Preis auf Kohlendioxidemissionen, dann mit ehrgeizigen Ausstoßzielen und erweiterten Märkten für Emissionszertifikate. Gerne zusammen mit weiteren Vereinbarungen zum Klimaschutz. Diese Hausaufgaben muss nun die Politik machen.