IPCC-Arbeitsgruppe 2: Kommentar, Freitag, 04. April 2014 17:12

Exxon greift zum Gegenbericht

Parallel zur Veröffentlichung des zweiten Teilbands des IPCC-Reports bringt sich die fossile Wirtschaft in Stellung: In mehreren Statements rührt Exxon Mobil, einer der weltgrößten Ölkonzerne, die Werbetrommel für das weitere ungebremste Fördern von Gas und Öl. Der Konzern sieht sich als Vorkämpfer für das "Grundrecht auf Energie".

Eine Rezension von Susanne Götze

"Wir unternehmen verschiedene Anstrengungen, um dem Problem des Klimawandels zu begegnen", schreibt einer der weltgrößten Ölkonzerne, Exxon Mobil, in einem Report, der am Montag parallel zum zweiten Teil des Fünften IPCC-Sachstandsberichts veröffentlicht wurde. Der Konzern nutzt die Gunst der Stunde, um seine Interessen ins rechte Licht zu rücken. Nach diesem doch recht überraschenden Bekenntnis für den Klimaschutz – schließlich hat Exxon über Jahre nachweislich Organisationen von Klimaskeptikern mit vielen Millionen Dollar unterstützt – geht es dann aber zur Sache. Aufgrund des steigenden Wohlstands brauche es eine weltweit sichere Energieversorgung, schreibt Exxon. Aus diesem Grund müssten alle Energiequellen ausgeschöpft werden. Das gebiete das Wachstum der Weltbevölkerung ebenso wie die soziale Verantwortung, allen Menschen einen einen Zugang zu Energie zu gewährleisten.

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Ölkatastrophe in Alaska: Umweltverschmutzungen und Klimaschäden sind bei Exxons Kalkulationen nicht eingepreist. (Foto: Arlis/flickr.com)

Ein low-carbon-Szenario – das heißt ein kohlenstoffarmes Szenario, das von einer Reduktion der Emissionen von bis zu 80 Prozent bis 2050 ausgeht, wie es etwa Deutschland geplant hat – hält der Ölmulti für "sehr unwahrscheinlich". Und betont in einem weiteren Bericht, dass ein "künstlicher Produktionsstopp" fossiler Energien unerwünscht sei.

Im Klartext: Der Konzern warnt die Politik davor, Maßnahmen zu ergreifen, die die fossile Energieproduktion eindämmen könnten. Statt gesetzlicher Regulierungen sollten laut nach Ansicht von Exxon Marktpreise und die kostengünstigeren Produkte über die "richtigen Lösungen" entscheiden. Zudem müsse verhindert werden, dass es zu Wettbewerbsnachteilen für die Unternehmen komme. Dann wird, beinahe zynisch, noch ergänzt, dass die Politik mit wenig Geld viel für die Anpassung an den Klimaschutz tun könne.

"Exxon zeigt sein wahres Gesicht"

Mit seinen Berichten scheint der Konzern unter anderem auf eine Kampagne von Umweltschützern zu reagieren, die seit Herbst vergangenen Jahres Anteilseigner dazu aufrufen, Exxon-Mobil-Aktien zu verkaufen. So soll dem Konzern Investitionskapital entzogen werden, da ein Großteil seiner fossilen Bestände schließlich gar nicht mehr verfeuert werden dürften, wenn das Zwei-Grad-Ziel noch erreicht werden soll.

Klimaschützer zeigten sich geradezu fassungslos. Der US-Amerikaner Bill McKibben erklärte in der britischen Zeitung The Guardian, dass Exxon mit seinem PR-Bericht nun sein "wahres Gesicht" gezeigt habe: Es gehe dem Konzern einfach darum, so viel Profit wie möglich mit der Verfeuerung von fossilen Ressourcen zu machen. Dabei solle die internationale Klimapolitik nicht stören, schimpfte McKibben: "Wir hätten ohnehin nie gedacht, dass Konzerne wie Exxon über etwas verhandeln wollen – ihr einziger Plan war immer nur, weiter ungestört die Atmosphäre zu verschmutzen."

Die PR des Ölkonzerns scheint sich allerdings auszuzahlen: In der vergangenen Woche wurde das Rating der Exxon-Aktien von der Beratergesellschaft BofA Merrill Lynch Research hochgestuft: Die Bank empfiehlt ihren Anlegern – immerhin während im selben Moment der IPCC-Bericht in den Medien diskutiert wird – in Exxon zu investieren und Analysten stuften das Rating von "neutral" auf "kaufen", berichtete das Portal Aktiencheck. Der Aktionskurs stieg entsprechend kräftig an. Das kommt dem Ölriesen ganz recht, denn aufgrund des hohen Konkurrenzdrucks und rückgängiger Fördermengen musste der Konzern im vergangenen Jahr einen Gewinneinbruch um 27 Prozent hinnehmen, wie im Januar bekannt wurde.

Ölsandförderung: Alle Ressourcen der Erde sollen ausgeschöpft werden

Ein Beispiel für die ungebremste Förderung fossiler Rohstoffe und das von Exxon ausgegebene Credo von der "Nutzung aller Energieressourcen" ist das neue Eldorado der Erdölbranche: die Ölsandförderung. In Kanada extrahiert Exxon Mobil zusammen mit anderen Ölmultis in einem technisch aufwendigen Verfahren Rohöl aus einem Sandgemisch, das unter den kanadischen Wäldern in der Provinz Alberta liegt. Das Vorkommen gilt heute als drittgrößtes der Welt.

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Umstrittener Ölsandabbau in Kanada: Exxon will alle verfügbaren Energieressourcen nutzen. (Foto: Jiří Řezáč/Greenpeace)

Wie eine Arte-Reportage der Filmjournalisten Sébastien Mesquida, Gildas Corgnet und Yann Le Gléau von 2013 zeigt, werden durch die Förderung nicht nur großflächig wertvolle Ökosysteme verseucht und die Anwohner durch die Chemikalien krebskrank. Auch das Klima wird allein schon durch die Förderung – die Verbrennung noch gar nicht eingerechnet – stark geschädigt. Aufgrund der emissionsstarken Ölsandproduktion kündigte Kanada vor drei Jahren sogar an, aus dem Kyoto-Protokoll auszusteigen. Allein 2011 produzierte die Ölsandindustrie rund 55 Millionen Tonnen Treibhausgase.