IPCC-Arbeitsgruppe 3: Kommentar, Freitag, 02. Mai 2014 12:05

"Wir befinden uns im Krieg"

Und alles schaut auf Deutschland: Der Klimawandel bedroht die Lebensgrundlagen der Menschheit und deshalb ist die deutsche Energiewende von so großer Wichtigkeit: Wenn ein Land mit einem solchen im Weltmaßstab sensationellen Wohlstand es nicht schafft, seine Wirtschaft und seine Energiesysteme auf einen klimafreundlichen Entwicklungspfad umzubauen, wie können wir dann Ähnliches vom Rest der Welt erhoffen?

Ein Kommentar von Naderev M. Saño, Regierungsbeauftragter der Philippinen

Kaum drei Tage, nachdem der Taifun Haiyan, der größte Sturm, der je auf Land traf, meine Heimat verwüstete, reiste ich im vergangenen November zur UN-Weltklimakonferenz nach Polen. Mit allergrößter Beunruhigung über das Schicksal meiner Familie und meiner Freunde bat ich, beinahe flehentlich, die anwesenden Regierungen anzuerkennen, dass verwundbare Länder wie die Philippinen die künftigen Schäden durch den Klimawandel bald nicht mehr allein bewältigen können. In dieser Woche versammeln sich in Japan die Regierungen, um den zweiten Teilbericht des UN-Wissenschaftsrats zum Klimawandel (IPCC) entgegenzunehmen und zu diskutieren. Dieser neue Bericht macht das Ausmaß der Bedrohung klar, die der Klimawandel für Menschen in aller Welt darstellt, aber auch die Möglichkeiten sich dagegen zu wappnen.

Bild
Unfreiwillig zur Ikone des Klimawandels geworden: Naderev "Yeb" Saño ragt beim Klimagipfel in Warschau aus der Menge. (Foto: Kathrin Henneberger)

Eines der großen Risiken ist zunehmender Hunger. Keine Zivilisation kann sich entwickeln, wenn nicht genug zu essen vorhanden ist – viele Zivilisationen sind zugrunde gegangen, als in schweren Krisen die Versorgung mit Wasser und Nahrung zusammengebrochen ist. Der Klimawandel verschärft den Hunger in der Welt. Unwetterkatastrophen wie der Taifun Hayan, sich verschiebende Jahres- oder Regenzeiten, höhere Temperaturen und der steigende Meeresspiegel dezimieren schon jetzt die Ernten der Bauern und den Fang der philippinischen Fischer. Die Preise für Nahrungsmittel ziehen an, die Qualität dessen, was sich viele Menschen zum Essen noch leisten können, nimmt ab. Bis 2050 werden 50 Millionen Menschen, das entspricht der Bevölkerung Spaniens, zusätzlich den Gefahren von Hunger, Mangel- und Unterernährung ausgesetzt sein.

Haiyan hat mein Land verwüstet. Tausende Menschen verloren ihr Leben, Millionen verloren Hab und Gut, ihre Häuser, ihre Lebensgrundlage. Der Sturm hat auch meine eigene Familie schwer getroffen, und wie so viele werden auch meine Verwandten immer noch von den furchtbaren Erinnerungen und den Bildern von Leid und Zerstörung geplagt. Immer noch leben zahllose Menschen auf den Philippinen in zum Teil schwer beschädigten Häusern und sind auf Nothilfe angewiesen. Mehr als eine Million Menschen in der kleinbäuerlichen Landwirtschaft stehen immer noch vor dem Nichts und schlagen sich nur mühsam durch. 33 Millionen Kokosnusspalmen wurden umgeworfen, mehr als 100.000 Hektar Reisfelder sind völlig zerstört. Die ökonomischen Schäden gehen in die Milliarden.

Die Katastrophe endet hier nicht. Es könnte schlimmer kommen. Schwere, gar weltweite Hungerkrisen lauern in der Zukunft, als Folge der globalen Erwärmung und der zunehmenden Schäden durch den Klimawandel. Gleichzeitig, wie die Katastrophe in meinem Land gezeigt hat und wie es auch der Oxfam-Bericht “Hot and Hungry” zeigt, ist die Welt auf Hungerkrisen durch den Klimawandel überhaupt nicht vorbereitet. Die künftigen Schäden werden uns alle treffen, ob reich oder arm, Untätigkeit kann sich niemand leisten. Und doch sind es die ärmsten und verwundbarsten Länder, die dem herufziehenden Sturm am wenigsten entgegensetzen können. Sie wird die Katastrophe am härtesten treffen.

Die Welt schaut auf Deutschland

Die Welt tritt in eine entscheidende Phase ein – aber das Zeitfenster ist sehr klein. Und doch, noch können wir das Ruder herumreißen. Wir brauchen dringend ausreichend internationale Unterstützung, damit sich insbesondere die ärmsten und verwundbarsten Länder an die klimatischen Veränderungen anpassen können, um für Millionen Menschen die Versorgung mit Nahrungsmitteln jetzt und in Zukunft zu sichern. Das wird die Bank nicht sprengen. Für die Anpassung an den Klimawandel brauchen die Entwicklungsländer um die 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr – das entspricht nicht mehr als fünf Prozent des Vermögens der hundert reichsten Menschen.

Wir brauchen darüber hinaus viel mehr und viel ehrgeizigeren Klimaschutz als bisher, um den Ausstoß der Treibhausgase drastisch zu senken und die Folgen auf ein Minimum zu reduzieren. Unsere Abhängigkeit von dreckiger Energie aus Kohle, Öl und Gas steht der Begrenzung des Klimawandels und der Sicherung der weltweiten Nahrungsmittelproduktion im Weg. Diese Abhängikeit müssen wir beenden.

Deswegen ist auch die deutsche Energiewende von so großer Wichtigkeit. Die Welt schaut auf Deutschland. Wenn ein Land von solchem, im Weltmaßstab sensationellen Wohlstand es nicht schafft, seine Wirtschaft und seine Energiesysteme auf einen klimafreundlichen Entwicklungspfad umzubauen, wie können wir dann Ähnliches vom Rest der Welt erhoffen?

Bild
Alles genommen: Taifun Haiyan beraubte Millionen Menschen ihrer Lebensgrundlagen. (Foto: Liam Kennedy/Wikimedia Commons)

Menschen in aller Welt setzen sich bereits gegen den Klimawandel ein. Bisher, leider, nehmen zu wenige Regierungen die Bedrohung ernst, zu oft steht die Privatwirtschaft dem Wandel im Weg. Gemeinsam müssen wir die Widerstände aufbrechen, Regierungen und Unternehmen überzeugen und natürlich auch alle unser eigenes Verhalten überprüfen und ändern – damit alle jetzt und auch in Zukunft genug zu essen haben; trotz Klimawandel.

Wir befinden uns im Krieg gegen den Klimawandel und gegen den Hunger in der Welt. Das ist ein Krieg, den zu verlieren wir uns nicht leisten können. Aber ein Krieg, den wir gemeinsam, so denke ich doch, gewinnen können.