IPCC-Arbeitsgruppe 3: Kommentar, Montag, 14. April 2014 16:31

"Ein Dokument der Hoffnung"

Die deutschen Medien begrüßen den sachlichen Ton im dritten Teilbericht des fünften IPCC-Sachstandsberichts und bewerten die Zusammenfassung als Dokument der Hoffnung – sofern die Politik schnell aktiv wird und endlich weitreichende Klimaziele setzt. Eine Presseschau.

Zusammengestellt von Sandra Kirchner

Der Spiegel

Warum machen die IPCC-Autoren trotzdem weiter, auch wenn ihnen scheinbar niemand zuhört? Sie tun es, weil das Problem nicht verschwindet, wenn man es nur lange genug ignoriert. Weil es nicht in allen Teilen der Welt ausreichend sein wird, die Deiche einfach ein bisschen höher zu ziehen. Und weil in manchen gefährdeten Regionen selbst dafür die Mittel fehlen. Weil Wissenschaftler aus verschiedenen Ländern auch dann noch miteinander sprechen können, wenn sich ihre Regierungen nur mit Ablehnung begegnen. Weil einer der Welt klarmachen muss, welche Konsequenzen der hemmungslose Ausstoß von Treibhausgasen hat – und wie sich das Problem zumindest ansatzweise lösen ließe. Es ist ein mieser, weil undankbarer Job. Aber einer muss ihn machen. Gut, dass die Wissenschaftler ihn tun.

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Noch können die Auswirkungen begrenzt werden, doch dafür darf die Politik nicht länger zögern. (Foto: Nick Danziger/Oxfam)

Auch weil Politik und Öffentlichkeit womöglich eines Tages doch bereit sind, sich ernsthaft mit den Konsequenzen aus den Berichten zu befassen. Mit all den ungemütlichen Diskussionen, die dann folgen: um unser Wirtschaftssystem und unseren Lebensstil, um die weltweite Rolle der Atomkraft, um CO2-Abtrennung und Speicherung, um aktive Eingriffe ins Weltklima zur Kühlung der Erde – und allen damit verbundenen Risiken.

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Die Umstellung auf eine klimafreundliche, kohlenstoffarme Welt soll schnell, einfach und preiswert vonstattengehen. Wie diese gelingen kann, sollte der Weltklimarat IPCC herausfinden. In seinem neuen Sachstandsbericht hat er die Antwort gefunden. Dennoch stößt er an Grenzen, und zwar nicht nur, weil er politische Rücksichten nehmen muss. Die zwischenstaatlichen Eiertänze um die Formulierungen zeigen immer deutlicher, dass die Klimapolitik auf eine Kursänderung zusteuert. Eine globale Zusammenarbeit zur Stabilisierung des Klimas wird es nicht geben. Im Kollektiv geht es politisch kaum noch voran. [...]

Klar ist aber auch: Vor dem Gipfel in Paris, auf dem im kommenden Jahr ein neuer UN-Klimavertrag ausgehandelt werden soll, hat sich der Wind weitergedreht. Auf die Regionalisierung der Interessen folgt die Regionalisierung der Ziele. Viele Klimaschützer sehen das nicht gern. Sie sollten froh sein, wenn der Prozess weiterläuft und jedes Land tut, was es kann, um die Erwärmung zu stoppen. Flexibler muss nicht effektiver sein, aber es könnte diplomatisch die Lösung sein.

Tagesspiegel

Wer allein auf den Ausbau erneuerbarer Energien setzt, springt zu kurz. Deutschland muss es schaffen, die erheblichen Möglichkeiten, Energie zu sparen, auch zu nutzen. Das macht die Energiewende billiger und klimafreundlicher. Deutschland kann es sich aber nicht leisten, Technologien für verzichtbar zu halten, die im eigenen Land nicht eingesetzt werden müssen, im globalen Maßstab aber nötig sind: nämlich Bioenergien und die Verpressung von Kohlendioxid im Untergrund (CCS).

Die globale Erwärmung lässt sich nur dann auf einem Wert unter zwei Grad im Vergleich zum Beginn der Industrialisierung halten, wenn in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts der Atmosphäre auch wieder CO2 entzogen wird. Die Welt braucht CCS – nicht, um Kohlekraftwerke länger laufen zu lassen, sondern um überhaupt eine Chance zu haben, unter zwei Grad Erwärmung zu bleiben. Das ist der Preis der politischen Untätigkeit der vergangenen 20 Jahre.

Die Welt

Der Weltklimarat macht dafür in seinem aktuellen Report vor allem den Menschen verantwortlich, doch anders als bei seinen früheren Berichten gibt er sich optimistisch, dass der Klimawandel noch zu stoppen ist – zu bezahlbaren Kosten und ohne den Preis, auf Wirtschaftswachstum verzichten zu müssen.

Der Weltklimarat hat auf die Vorwürfe seiner Kritiker reagiert und präsentiert sich mit einer neuen und wohltuenden Sachlichkeit. Bei der nächsten Weltklimakonferenz Ende des Jahres in Lima wird sich zeigen, ob die internationale Staatengemeinschaft solche unaufgeregten Appelle tatsächlich besser versteht und endlich handelt.

Westdeutsche Allgemeine Zeitung

Seit Jahren schreiben Klimaexperten Klimaberichte und verhandeln Klimaziele, die Botschaft aber bleibt dieselbe: Es ist fünf vor zwölf. Noch erscheinen die Folgen der Erderwärmung kontrollierbar, tut sich nichts, wird der Planet ökologisch und sozial aus dem Ruder laufen. Deutschland könnte ein Vorbild beim Klimaschutz sein, doch auch hier steigt der Kohlendioxid-Ausstoß neuerdings wieder an, durch mehr Kohleverstromung. Und die Energiewende? Wind, Sonne und Biomasse sollen vor allem die – immerhin klimafreundliche – Atomkraft ersetzen, die herkömmlichen Kraftwerke aber laufen weiter. Die Politik in Deutschland kreist längst nicht mehr nur um die Frage, wie der Klimawandel noch aufzuhalten ist, sondern wie sich das Land auf dessen Folgen einstellen kann: Das ist kein Einknicken vor übermächtigen CO2-Schleudern, etwa in Asien, das ist pragmatisch.

Weser-Kurier

Deutschlands wohl bekanntester Klimaforscher, Mojib Latif, hat die Hoffnung in die internationale Klimapolitik aufgegeben, wie er dieser Tage sagte. Die Politik habe sich von der Klimarettung längst verabschiedet, die Begrenzung der Erderwärmung auf zwei Grad sei eine Illusion. Der Weltklimabericht versucht nun einen Weg zu zeigen, wie das Ziel doch noch zu wuppen ist. Doch die Forscher warnen: Dafür bräuchte es schnelle, weltweite Anstrengungen der Politik. Theoretisch mag das möglich sein. Allein, es fehlt der Glaube.

Berliner Zeitung

Alles halb so wild also mit dem Klimawandel? Wer den Bericht des Weltklimarats so interpretiert, versteht die nüchterne Sprache der Experten gründlich miss. Ihr Szenario hat nämlich wichtige Voraussetzungen: So müssten sich alle Länder einig sein, dass sie die Treibhausgase bis zur Mitte des Jahrhunderts um 40 bis 70 Prozent drosseln. Und die Verschmutzung der Luft mit Kohlendioxid müsste einen einheitlichen Preis haben. Davon aber sind wir weit entfernt. Zwar scheint China angesichts seiner extremen Luftverschmutzung gerade eine Sensibilität fürs Klima zu entwickeln. Aber andere Schwellenländer werden sich kaum den Energieverbrauch vorschreiben lassen – zumal die Industriestaaten mit schlechtem Beispiel vorangehen.

Angesichts der niedrigen CO2-Preise erlebt die Kohle in Europa gerade eine Renaissance, und in Berlin demonstriert die Koalition bei der EEG-Reform, wie sie im Zweifelsfall Arbeitsplätzen den Vorrang vor der Energiewende einräumt. Insofern hat der Weltklimareport etwas Beunruhigendes: Die Chance zur Rettung unserer Lebensgrundlagen ist da. Aber wir sind dabei, sie zu verpassen.

Stuttgarter Zeitung

Dennoch ist der Text kein Katastrophenbericht, sondern ein Dokument der Hoffnung. Es ist möglich, den Klimakollaps zu vermeiden, sogar zu erträglichen Kosten, meint die Wissenschaft. Dass das weltweite Wachstum durch die nötigen Klimaschutzmaßnahmen nicht abgewürgt, sondern nur etwa so stark in Mitleidenschaft gezogen würde wie durch eine Finanzkrise, ist eine gute Nachricht für die Politik. Sie besagt, dass die Klimawende bezahlbar ist. Es ist aber auch eine schlechte Nachricht: Die Finanzkrise haben die Regierungen der Welt schließlich nur unter Aufbietung aller Kräfte überstanden. Ob sie fähig sind, einen solchen Kraftakt für das Klima zu wiederholen, muss sich noch zeigen.

Lausitzer Rundschau

Globale Klimapolitik ist nichts für Anhänger der reinen ökologische Lehre. Denn auch die großen Lieferanten fossiler Brennstoffe wie Russland, Kanada, oder Saudi-Arabien müssen mitmachen. Sie werden mindestens fordern, dass CCS als Übergangstechnologie gefördert wird, also das Abtrennen von CO2 aus Kohlekraftwerken. Andere Staaten werden auf die Atomkraft setzen. Beides muss man hinnehmen. Die Hauptsache ist, es gibt überhaupt in zwei Jahren einen verbindlichen gemeinsamen Plan. Denn das Zeitfenster schließt sich. Die reichen Länder, auch Deutschland, müssen weiter vorangehen. Sie haben in der Vergangenheit das CO2 produziert, dass die bisherige Erderwärmung verursacht. Sie können eine komplette Wende weg von der fossilen Energie schaffen. Sie können auch eine Wende weg vom wachsenden Energieverbrauch schaffen, beides ohne irgendeinen Wohlstandsverlust. Wer, wenn nicht sie?

Westfalenblatt

Erstmals nämlich stellt der IPPC-Bericht die Ökonomie ins Zentrum seiner Betrachtungen. Argumentiert wird nicht mehr nur mit den Kosten einer umweltschädlichen Energiepolitik, sondern vor allem mit Potentialen einer grünen Energiegewinnung. So bleiben auch die errechneten Folgen für das Weltwirtschaftswachstum mit minus 0,06 Prozentpunkten jährlich erstaunlich gering. Man könnte auch sagen: Die Ansprache gilt nicht mehr den Gutmenschen, sondern sie zielt auf den Homo oeconomicus. Und man möchte hinzufügen: Endlich, denn es wird Zeit! Wenn die vergangenen Jahre der Klimadebatte eines gezeigt haben, dann ist es das: Moral allein reicht nicht, um die Menschen zu einem anderen Lebensstil zu bewegen. Das funktioniert schon nicht in den saturierten Gesellschaften des Westens und erst recht nicht in den aufstrebenden Schwellenländern, die lange genug Verzicht geübt haben und endlich mehr Wohlstand wollen. Anders gesagt: Die Sache muss sich lohnen, sonst läuft am Ende die allerbeste Moral ins Leere.

Neue Westfälische

Die Kosten-Nutzen-Rechnungen, die in den letzten Wochen auch die Politik zur Energiewende bestimmt haben, greifen zu kurz. Wir rechnen die künftigen Klimaschäden klein, den heutigen Gewinn an Bequemlichkeit bei einem "Einfach-Weiter-So" groß. Denn die Schäden sind irreparabel, wenn die Treibhausgase nicht kräftig gemindert werden. Für mehr Menschen wird das Wasser knapp, Ernteausfälle sind wahrscheinlich, Fluten kommen. Die Lebensgrundlagen aller Spezies ändern sich.

Und: Noch kostet es nicht die Welt, den Planeten zu retten. Die Kohlenstoffdiät ist nicht immer gemütlich, aber machbar. Die ökonomischen Analysen der besten Klimaexperten der Welt lassen sich darum wie ein Wink auf die hitzigen Debatten zu Strompreisen und der gesamten Energiewende lesen: Sie ist nicht nur eine Lehre aus der Atomkatastrophe in Fukushima. Sie hilft gegen den gefährlich hemmungslosen Ausstoß von Treibhausgasen. Oder anders gesagt: Zögert nicht. Baut um, und zwar schnell. Billiger wird es nicht.

Südwest Presse

Die Experten raten, Kohle- und Gaskraftwerke möglichst schnell abzuschalten, um die Klimaerwärmung noch auf weltweit zwei Grad zu begrenzen – idealerweise innerhalb der nächsten 15 Jahre. Das aber ist genau der Zeitraum, in dem Deutschland auf fossile Energie setzt, weil die Atomkraftwerke vom Netz gehen und die Erneuerbaren erst noch ausgebaut werden müssen. Das Dilemma stammt daher, dass die Energiewende nicht nur das Ziel Klimaschutz verfolgt, sondern noch ein zweites: Atomausstieg.

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Mit Wohlwollen von deutschen Medien aufgenommen: Der Teilbericht des IPCC zu Minderung des Klimawandels. (Foto: JanKo)

Das ist – wie es sich für ein echtes Vorbild gehört – weltweit einmalig und äußerst ehrgeizig. Der tägliche zähe Streit um die Energiewende zeigt, wie sehr das Projekt hakt. Damit nun wenigstens keine neuen Kohlekraftwerke gebaut werden müssen, sollten alle an einem Strang ziehen, statt über neue Stromtrassen und Fördersätze zu streiten. Denn 2015 steht in Paris die nächste Klimakonferenz an. Und da werden Vorbilder gefragt sein. 

Allgemeine Zeitung Mainz

Verfolgt man die Entwicklung gerade in den Schwellenländern, die die inzwischen erkannten Sünden der Industriestaaten nicht nur wiederholen, sondern gar noch toppen, so muss sich der Weltklimarat nur als Rufer in der Wüste fühlen. Auch der Blick auf das Verhalten gewisser Supermächte macht keinerlei Hoffnung. Machen da die deutschen Anstrengungen, macht der Kampf um die Energiewende, überhaupt noch Sinn, wenn derzeit allein durch den Bau neuer Kohlekraftwerke in China all die Einsparungen fossiler Energien in Deutschland schon übertroffen werden? Ja, sie machen es. So hoch die Hürden auch sind, wenn Deutschland es irgendwann schafft, seine hochgesteckten Klimaziele atomfrei zu erreichen, dann wird das ein Signal sein, eine Vorarbeit für den Rest der Welt. Ein Rezept für die Zukunft, wenn vielleicht auch andere einsehen, dass es ohne Umdenken für die Welt nicht weitergeht.