IPCC-Arbeitsgruppe 3: Kommentar, Mittwoch, 16. April 2014 16:04

Klimaschutz – eine vergessene Geschichte

DER KOMMENTAR:

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Joachim Wille, Redakteur bei klimaretter.info, über den dritten Teilbericht des Weltklimarates, der am Sonntag in Berlin vorgestellt wurde.

 

Der Erdgipfel von Rio ist Geschichte. Und zwar: vergessene Geschichte. Damals, vor über zwei Jahrzehnten, wurde die Weltklimakonvention beschlossen. Die fast 200 Länder der Erde versprachen einander feierlich, "die Treibhausgas-Konzentration in der Atmosphäre auf einem Niveau zu stabilisieren, auf dem jede gefährliche Störung des Klimas verhindert wird". Inzwischen ist klar: Die Chancen der Weltgemeinschaft, dieses Ziel einzuhalten, sind seither dramatisch gesunken. Es ist, bildlich gesprochen, nicht mehr fünf, sondern zwei vor zwölf auf der Weltzeit-Uhr.

Der Weltklimarat IPCC scheint wie Kassandra: Ohne schnelle Kursänderung wird das Ziel weit verfehlt, die Erderwärmung unter zwei Grad zu halten. Der letzte Teil seines großen aktuellen Klimareports, der jetzt in Berlin vorgestellt wurde, zeigt: von Trendwende keine Spur. Die Treibhausgasemissionen sind global im letzten Jahrzehnt jährlich um über zwei Prozent angestiegen - noch stärker als in den Dekaden davor. Treiber der Emissionen sind das Wachstum der Wirtschaft und der Weltbevölkerung, und dieses Wachstum frisst bisher alle Gewinne durch effizientere Technik und die Einführung der erneuerbarer Energien auf.

Die Mahnung der Forscher lautet: Ohne Kurswechsel wird sich bis zur Mitte des Jahrhunderts der Kohlendioxid-Ausstoß von Kraftwerken, Industrie, Bausektor und Verkehr noch einmal in etwa verdoppeln. Das Zwei-Grad-Limit würde mit Sicherheit gerissen, bis zum Jahr 2100 wären 3,7 bis 4,8 Grad wahrscheinlich – und ein weiterer Anstieg danach. Das würde in vielen Lebensbereichen Situationen entstehen lassen, an die keine Anpassung mehr möglich ist. Die Risiken betreffen ganze Ökosysteme, etwa die der Arktis, des Amazonas-Regenwaldes oder der tropischen Korallen (von denen die Fischerei in vielen südlichen Ländern abhängt). Es drohen ein großflächiger Verlust von Siedlungsräumen an den Küsten, Einbrüche in der Biodiversität, eine verschärfte Gefährdung der Ernährungssicherheit. Kurzum: Die Welt wäre kein lebenswerter Ort mehr. Es ist ein Horrorszenario.

Die Bürger müssen die Politik antreiben

Immerhin, die Klimaforscher sehen noch die Chance, unter der Zwei-Grad-Grenze zu bleiben. Aber sie betonen: Dazu müssten die Trendwende bei den Emissionen schnell eingeleitet werden. Der IPCC liefert hierzu zwei positive Botschaften. Erstens, rein technisch ist die Kohlendioxid-Vollbremsung noch möglich, und, zweitens, die globalen Kosten für die Reduktion des Treibhausgas-Ausstoßes sind deutlich niedriger als bisher erwartet. Auch wäre genügend Geld für den Umbau des Energiesystems vorhanden. Von der gigantischen Summe von 1.200 Milliarden Dollar, die weltweit jährlich in die Energieversorgung investiert wird, fließt bisher nur gut ein Viertel in Energieeffizienz und Kohlendioxid-arme Technologien. Um das Zwei-Grad-Limit noch zu halten, müssen aus dem Viertel möglichst schnell 100 Prozent werden. Konkret: In den nächsten zwei Jahrzehnten müssen die Investitionen in Kohlekraftwerke und die Erdölförderung kontinuierlich zurückgefahren werden.

Ob das realistisch ist? Diese Frage beantwortet der IPCC nicht, das ist nicht sein Job. Wie tiefgreifend der Umbau wäre, wird aber klar, wenn man sich vor Augen hält: Der Löwenanteil der bekannten fossilen Energieressourcen, die sich noch im Erdmantel befinden, dürfte nicht gefördert werden. Gigantischen Mengen Kohle, Erdöl, Teersande, Ölschiefer und Erdgas müssten unten in der Erde bleiben. Es wäre das Ende eines Geschäftsmodells, mit dem mächtige Konzerne hohe Profite einfahren und an dem viele Arbeitsplätze hängen. "Augen zu und durch" heißt bisher aber deren Devise. Wie fest im Sattel sich die Großunternehmen fühlen, hat jüngst der US-Ölkonzern Exxon Mobil demonstriert. In einem Report behandelte das bisher ins Lager der Klimaskeptiker zählende Unternehmen den Klimawandel immerhin erstmals als Tatsache. Trotzdem gab Exxon sich sicher, weitermachen zu können wie bisher. Es sei "höchst unwahrscheinlich", dass die steigenden Temperaturen und mögliche Umweltauflagen die Förderung von Öl und Erdgas stoppen, heißt es in dem Report. Motto: Solange noch etwas zu fördern und zu verbrennen da ist, wird es gefördert und verbrannt. Egal was uns Kassandra sagt.

Es sind die Politiker, die das ändern können. Sie tragen zum Beispiel die Verantwortung dafür, dass die fossile Industrie mit weltweit jährlich über 500 Milliarden Dollar subventioniert wird. Und ebenso dafür, dass die Verbraucher von Kohle, Erdöl und Erdgas keine Preise dafür zahlen müssen, in denen die von ihnen ausgelösten Gesundheits-, Umwelt- und Klimaschäden berücksichtigt sind. Gegen beides kann die Politik etwas tun. Die Subventionen zu streichen und die Kostenwahrheit mit Kohlendioxid-Steuern oder einem funktionierenden Emissionshandel herzustellen, würde der Energieeffizienz und den erneuerbaren Energien zum Durchbruch verhelfen. Allerdings: Die Politiker werden solche grundlegende Weichenstellungen nur vornehmen, wenn die Bürger sie dazu treiben. So wie 2011 in Deutschland, als die Bundeskanzlerin nach Fukushima den Ausstieg aus ihrer eigenen Energiepolitik durchsetzte. Dass so etwas auch global möglich ist, scheinen die IPCC-Forscher zu hoffen. Und wie Kassandra zeigt: Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich erst zuletzt.

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Die Figur der Kassandra besitzt in der griechischen Mythologie seherische Fähigkeiten, war aber dazu verurteilt, niemals erhört zu werden. Auch den Brand der Stadt Troja soll Kassandra vorausgesagt haben – und raufte sich bei dessen Eintreten verzweifelt die Haare. (Bild: Evelyn de Morgan/Wikimedia Commons)