Synthese-Kapitel: Kommentar, Dienstag, 04. November 2014 11:52

Von "alarmierend" bis "ermutigend": Die Presseschau

Niemand kann mehr sagen, er sei nicht gewarnt worden, kommentieren Medien die Veröffentlichung des abschließenden Syntheseberichts des Weltklimarates. Unterschiedlich sind die Ansichten, wie man der Bedrohung begegnen soll: Kohleausstieg sofort – oder doch CCS? Oder weiter nach Alternativen forschen? Die klimaretter.info-Presseschau.

Zusammengestellt von Verena Kern

Deutsche Welle

Das Ziel ist klar. Zumindest steht das so im Bericht der Weltklimarats: Die Wissenschaftler haben errechnet, wie viel CO2 wir maximal in die Erdatmosphäre hineinpusten dürfen, um einen gefährlichen Anstieg der Erdtemperatur zu vermeiden. Wir haben bereits zwei Drittel dieses CO2-Budgets aufgebraucht, heißt es da. Eigentlich müsste unser Ausstoß an Treibhausgasen bis 2020 seinen Höhepunkt erreichen, wenn der Klimawandel im halbwegs verträglichen Rahmen gehalten werden soll. Das ist äußerst unwahrscheinlich. Bis 2050 muss dann der Hauptanteil des weltweiten Strombedarfs durch erneuerbare Energien gedeckt werden. Davon sind wir noch weit entfernt. Bis 2100 muss der Ausstieg aus der fossilen Wirtschaft so gut wie vollzogen sein – es sei denn, es gäbe wesentliche Fortschritte bei Technologien zur CO2-Speicherung. Allein das Gerangel um die Wortwahl des IPCC-Dokuments zeigt, dass dieser Weg kein einfacher sein wird. Einige Länder müssen ihre Geschäftsmodelle vollkommen verändern. Denn die Golfstaaten – aber auch Länder wie Russland – erzielen ihr Einkommen aus dem Verkauf fossiler Brennstoffe. Öl und Kohle müssen aber in der Erde bleiben. Weiterzumachen wie bisher ist keine vernünftige Option.

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Wenn an den Polen die Eisschilde zu "kippen" beginnen, kann kein Klimaschutz ihr Abschmelzen mehr aufhalten, schreibt die Washington Post. (Foto: Michael Hambrey)

General-Anzeiger (Bonn)

Noch bleibt Zeit, das Ruder herumzureißen. Zunächst sind die Politiker gefordert: Sie müssen bis Ende 2015 ein neues Klimaabkommen verabschieden. Es muss ein Pakt mit Biss sein, ein Pakt, der den Abschied von Kohle, Öl und anderen fossilen Brennstoffen einläutet. Das lässige Verfeuern dieser Klimakiller hat uns die Erderwärmung beschert. Die Umstellung auf umweltverträgliche Energien überall auf dem Globus muss das Ziel sein. Der Weltklimarat hat lange Fristen ins Auge gefasst. Bis zum Ende dieses Jahrhunderts soll es so weit sein. Doch diese Ziele müssen eingehalten werden. Wenn die Welt das nicht schafft, werden die düsteren Prognosen des Klimarates zur Wirklichkeit.

Guardian (Großbritannien)

Die Warnungen des IPCC zum Ausstoß von Treibhausgasen können nicht ignoriert werden. Die große Aufgabe wird sein, die Macht der fossilen Energiekonzerne zu brechen, vor allem weil es schnell gehen muss. Es ist nicht klar, ob wir den Kampf gewinnen werden. Durch den IPCC-Bericht aber wird niemand mehr sagen können, wir seien nicht gewarnt gewesen.

Main-Post (Würzburg)

Alarmierend und ermutigend zugleich, so fasste Bundesumweltministerin Barbara Hendricks die Ergebnisse des fünften Weltklimaberichts zusammen, der an diesem Sonntag vom Weltklimarat IPCC in Kopenhagen vorgelegt wurde. Viel treffender ist der Report kaum auf den Punkt zu bringen, wobei es reine Ansichtssache ist, ob der Schwerpunkt auf "alarmierend" oder auf "ermutigend" gelegt wird.

Neues Deutschland

Die möglichst starke Reduktion des Ausstoßes von Treibhausgasen ist der einzige Parameter für Klimaschutz. Und die Emissionen sind in Deutschland zuletzt wieder angestiegen, denn an den Klimakiller Nummer 1, die boomende Kohleverstromung, wagt sich die Bundesregierung nicht heran. Einflussreiche Landesfürsten von Union und SPD, Energiekonzerne sowie konservative Gewerkschafter passen auf, dass die Sonntagsreden zum Klimaschutz Sonntagsreden bleiben. Dass aus der angekündigten Schließung einiger Kohlekraftwerke etwas wird, ist daher unwahrscheinlich. Und da zusätzlich der Ausbau der Erneuerbaren abgebremst und die Industrie nicht mit Verpflichtungen beim Energieeinsparen behelligt wird, ist die Botschaft der Bundesregierung an den Weltklimarat klar: Eure Mahnungen gehen uns nichts an!

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Die Macht der Energiekonzerne muss gebrochen werden, schreibt der britische "Guardian". Die "New York Times" sieht das völlig anders. (Foto: David Hawgood/geograph)

New York Times

Der neue Synthese-Bericht wiederholt nur, was die anderen Teilberichte auch schon sagten: Um den Ausstieg aus den fossilen Energien zu schaffen, müsste man eigentlich nur dem Kohlendioxid einen Preis geben und die Subventionen anders verteilen. Doch ohne deutliche Steigerungen in der Grundlagenforschung und bei großtechnischen Demonstrationsprojekten zu Speichertechnologien, CCS, Smart Grids oder einer neuen Generation von Atomkraftwerken wird es kaum möglich sein, die nötige Emissionsreduktion schnell genug zu bewerkstelligen. Solange Klima- und Energieanalysten nicht den vollen Umfang dessen beziffern, was wir für eine substanzielle Energiewende brauchen, wird die Welt weiter in Nichtstun verharren und der Erderwärmung tatenlos zusehen.

Der Standard (Österreich)

Die Warnungen der Klimaforscher sind inzwischen gut bekannt und erregen immer weniger Aufmerksamkeit. Obwohl sich der Klimawandel Jahr für Jahr im täglichen Leben stärker bemerkbar macht – durch Dürre, Stürme, Überschwemmungen und Gletscherschmelze –, ist in den Industriestaaten die Bereitschaft zu handeln eher gesunken als gestiegen. In Zeiten der Wirtschaftskrise haben andere Sorgen wie fallende Einkommen und Arbeitslosigkeit Vorrang. Auch die geopolitischen Spannungen in Osteuropa und im Nahen Osten tragen dazu bei, dass die Erderwärmung weniger wichtig genommen wird, als sie sollte. Kein Politiker muss um seine Wiederwahl fürchten, weil der CO2-Ausstoß im Land nicht wie versprochen zurückgeht.

Tageszeitung taz

In 35 Jahren muss der heutige Trend von steigenden Emissionen radikal umgedreht werden – und weil Länder wie China und Indien noch lange ihre Armut mit Kohle bekämpfen, ist für die Industriestaaten praktisch nichts mehr da. Vor allem ist kein Platz mehr in der Atmosphäre für CO2 aus deutschen Kohlekraftwerken. Das erhöht den Druck auf die Ministerien für Energie und Umwelt, bis zum Dezember ein Klimaschutzpaket vorzulegen, bei dem Kohlekraftwerke schnell vom Netz gehen müssen. Denn nur so lassen sich wirklich Emissionen reduzieren. Liest man also zwischen den Zeilen des IPCC-Berichts, dann steht da: Kohleausstieg jetzt! Und ehe die deutschen Umweltverbände zu laut jubeln, sollten sie ebenfalls die Details studieren. Denn der Bericht sagt auch: Ohne das Abscheiden und Lagern von CO2 aus Kraftwerken (CCS) wird der weltweite Klimaschutz sehr schwierig und sehr teuer. Da passt die generelle Ablehnung von CCS durch die Ökos nicht ins Bild.

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Papier ist geduldig, heißt es immer – die Erderwärmung bringt diese Phase offenbar langsam hinter sich. (Foto: Daniel Blume/Wikimedia Commons)

Washington Post

Im aktuellen IPCC-Bericht sind nur Studien berücksichtigt, die bis zum Stichtag Mitte März 2013 erschienen sind. Seitdem wurden weitere wichtige Untersuchungen veröffentlicht, etwa die zum Westantarktischen Eisschild, der seinen Kipppunkt unwiederbringlich überschritten hat. Deshalb ist anzunehmen, dass der Fünfte Sachstandsbericht die Dramatik der Situation eher unterschätzt.